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Fassungslose Nachbarn in Höxter-Bosseborn
"Ich kriege zu viel, ich kann nicht darüber reden"

Paar hält Frau in Höxter gefangen - zu Tode misshandelt
Paar hält Frau in Höxter gefangen - zu Tode misshandelt FOTO: dpa, mku gfh
Höxter. Nahezu täglich gibt es neue Erkenntnisse über die grausamen Szenarien, die sich offenbar in Höxter-Bosseborn abgespielt haben. Das mutmaßliche Folterpaar hat den Ortsteil in die Schlagzeilen gebracht, die Anwohner sind schockiert.

Nur das Zwitschern der Vögel ist in Bosseborn zu hören. Die Sonne scheint auf blühende Magnolien und Zierkirschen in den Vorgärten. Auf den Wiesen des Dorfes mit etwa 550 Einwohnern, das zu Höxter gehört, leuchtet der Löwenzahn. Die meisten Bosseborner leben hier schon seit Generationen. Wer neu in den Ort hinter dem Heiligenberg zieht, liebt das Landleben und die Ruhe.

Vielleicht haben sich die Opfer des mutmaßlichen Folterpaares von dieser Idylle täuschen lassen. Beschuldigt sind ein 46-Jähriger und seine ein Jahr ältere Ex-Frau. Über bundesweit sowie in Tschechien geschaltete Kontaktanzeigen soll das Duo Frauen in den hintersten Winkel Ostwestfalens gelockt haben.

Das Dorf oberhalb des Wesertals unweit des Weltkulturerbes Kloster Corvey war Schauplatz von grauenhaften Gewalttaten, sind die Ermittler überzeugt. Die 47-Jährige hatte nach ihrer Festnahme ein Geständnis abgelegt. Der 46-Jährige schweigt zu den Vorwürfen.

Mordkommission "Bosseborn" berichtet über das Haus von Höxter FOTO: dpa, frg fdt

Am Dienstag gaben Polizei und Staatsanwaltschaft Details bekannt: In dem Gehöft wurden demnach zwei Frauen zu Tode gequält. Der Tod einer 41 Jahre alten Frau aus Bad Gandersheim brachte die Verbrechen ans Tageslicht. Eine 33-Jährige - ebenfalls aus Niedersachsen - wurde den Ermittlungen zufolge bereits 2014 zu Tode gefoltert.

Aus ganz Deutschland sind Journalisten angereist, um über die "Hölle von Höxter" zu berichten. Die meisten Nachbarn sind inzwischen genervt, wenn Reporter sie ansprechen. Über Facebook sagte der Heimatschützenverein Bosseborn ein fürs Wochenende geplantes Dorffest ab. Höxters Bürgermeister Alexander Fischer sagt, niemandem sei zum Feiern zumute. "Das ist etwas, womit wir Höxteraner und erst recht die Bosseborner nun erstmal fertig werden müssen." Eine Erkenntnis sei, dass schreckliche Dinge überall passieren könnten - nicht nur in Ballungsräumen, sondern auch in einem kleinen Dorf.

"Es ist einfach so grauenhaft. Ich kriege zu viel, ich kann nicht darüber reden", sagt eine 72-Jährige, die etwa 400 Meter entfernt vom berüchtigten Haus im Garten arbeitet und ihren Namen nicht in Medien lesen will. Sie habe die beschuldigte Frau nie gesehen, den Mann nur ab und zu am Auto, erzählt die Seniorin. "Wenn man helfen kann, setze ich mich auch mit schlimmen Dingen auseinander. Aber hier kann man nicht helfen, nur aushalten. Und das ist nicht auszuhalten."

Als Motiv gehen die Ermittler von sadistischen Machtspielen aus. Die 47-Jährige soll ihrem Ex-Mann hörig gewesen sein. Bis das ganze Ausmaß klar ist, dauert es den Ermittlern zufolge wohl noch Wochen.

Am Mittwoch fahren fünf Polizeiwagen vor dem Haus in Bosseborn vor. Beamte ziehen weiße Schutzanzüge an und tragen rund 50 Umzugskartons auf das polizeilich beschlagnahmte Grundstück. Jeder Quadratzentimeter des völlig zugestellten Hauses soll jetzt durchkämmt werden. Das schmuddelige Gehöft ist seit Montag durch einen zwei Meter hohen Bauzaun mit Sichtschutz gesichert. "Betreten verboten" warnen Schilder am Zaun. Jemand hat einen kleinen Strauß Rosen abgelegt. Daneben stehen drei Grablichter.

Es ist eine katholisch geprägte Gegend: Die Bittprozession vor Christi Himmelfahrt wurde abgesagt, weil es der Gemeinde unpassend erschien, mit Blasmusik durch den Ort zu ziehen. Stattdessen gab es am Dienstag einen Trauergottesdienst. "Die Ereignisse in Bosseborn machen uns betroffen. In Gottesdienst und Gebet gedenken wir der Opfer und ihrer Angehörigen und tragen dies vor Gott", sagt Pfarrer Hans-Bernd Krismanek vom Pastoralverbund Corvey.

Während die Ermittler kistenweise Beweismaterial aus dem sogenannten Horror-Haus tragen, läuten die Glocken der kleinen Kirche im Ort.

(rl/lnw)
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