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Ermittlungen in Höxter
Getreten, misshandelt und verbrannt

Paar hält Frau in Höxter gefangen - zu Tode misshandelt
Paar hält Frau in Höxter gefangen - zu Tode misshandelt FOTO: dpa, mku gfh
Bielefeld. Mehrere Tage lang vernahmen die Ermittler Angelika W. zu den Ereignissen im Haus von Höxter. Bisheriger Stand der Ermittlungen: weitere misshandelte Frauen und ein zweites Todesopfer. Die Leiche wurde im Kamin verbrannt, ihre Asche auf der Straße verteilt. Das verdächtige Paar griff offenbar auf perfide Tricks zurück, um seine Taten zu verbergen. Von Philipp Stempel

In einem nüchternen Konferenzraum in Bielefeld tun sich am Dienstagvormittag Abgründe auf. Der Paderborner Oberstaatsanwalt Ralf Meyer und der Leiter der 40-köpfigen Mordkommission "Bosseborn", Ralf Östermann, berichten über die bisherigen Erkenntnisse zum "Horror-Haus" von Höxter. 

"Da taten sich Abgründe auf", sagt Östermann. "Das mussten auch erfahrene Mitglieder der Mordkommission erst mal verkraften." Was er und seine Kollegen bisher in Erfahrung gebracht haben, fußt in erster Linie auf den Aussagen der beschuldigten Angelika B. Ob sie alles gesagt hat, was sie weiß, ist noch unklar. Aber auch so ist das Bild ein grauenhaftes. Zumal ihre Schilderungen mit den Indizien übereinstimmen, die die Ermittler bisher gesammelt haben. 

Mordkommission "Bosseborn" berichtet über das Haus von Höxter FOTO: dpa, frg fdt

Die Aussagen im Überblick 

Das zweite Opfer Es gibt neben der in der vergangenen Woche verstorbenen Susanne F. ein zweites Opfer: Annika W. aus Niedersachsen. Auch sie erlitt ein Martyrium. Im Herbst 2013 lernte sie Wilfried F. kennen und verfiel ihm, heiratete auffallend schnell. Im August 2014 wurde sie umgebracht. 

Ihre Leiche soll das Paar zunächst in einer Tiefkühltruhe tiefgefroren und versteckt haben, anschließend zerstückelt und im Kamin verbrannt. Die Asche verstreuten sie auf den Straßen der Umgebung. Und meldeten ihr Opfer sogar noch beim Einwohnermeldeamt ab. 

Um ihren Tod zu verbergen, griff das Paar von Höxter nach Aussage der Ermittler auf perfide Tricks zurück: Zwei Wochen vor ihrem Tod im April 2016 erhielt ihre Mutter noch eine SMS. Es gehe ihr gut, alles in Ordnung. Daher habe es auch keine Vermisstenanzeige gegeben. 

Der Tod von Susanne F. Susanne F. muss sich vor ihrem Tod in einem elenden Zustand befunden haben. "Körperlich hatte sie bereits massiv abgebaut", erläutert Östermann. Auslöser für ihren Tod sei ein subdurales Hämatom am Hinterkopf gewesen, eine schwere Schädelverletzung. Nach Aussage der Beschuldigten führte ein Sturz gegen einen Schrank dazu. 

Ihr Tod führte mehr oder minder zufällig dazu, dass die Geschehnisse im Gehöft von Höxter überhaupt aufflogen. Das Paar hatte die schwerst verletzte Frau zurück in ihre Heimat nach Niedersachsen bringen wollten, war auf der Fahrt jedoch mit dem Auto liegenblieben. Daraufhin rief das Paar einen Rettungswagen - offenbar, weil es "in dieser Situation überfordert" war, wie Östermann sagte. 

Wilfried F. (46) und Angelika B. (47) Während die beschuldigte Angelika B. umfassend aussagt, streitet er alles ab. Er schiebe alles auf seine geständige Ex-Frau, sagte Östermann. Die beiden waren zeitweise verheiratet. Die Ermittler vermuten, dass sie sich aus finanziellen Gründen scheiden ließen. Glaubt man den bisherigen Aussagen, nahm Wilfried den aktiven Part ein. Auch Angelika B. war ihm offenbar hörig. Sie soll ebenfalls geschlagen und schwer misshandelt worden sein. 

Anhaltspunkte für eine verminderte Intelligenz bei den beiden Beschuldigten konnten die Ermittler nicht ausmachen. Die beiden seien im Gegenteil recht planvoll vorgegangen. Auffällig sind die Hinweise, wie abgeschottet das Paar mit seinen Besuchern lebte. Der "MK Bosseborn" liegen keine Hinweise auf Kontakte zu Nachbarn oder Freunden vor.

Dreiecksbeziehungen In der ersten Phase des Kennenlernens gab sich Angelika W. oft als Schwester von Wilfried F. aus, berichten die Ermittler. Erst später habe sie sich dann zu erkennen gegeben. Dann lebten die Bewohner des Hauses in Höxter in einer Dreiecksbeziehung. Dabei ging es nach Ansicht der Ermittler nicht um Sex, sondern Macht. Auf sexuelle Übergriffe gebe es keine belastbaren Hinweise, sagt Staatsanwalt Meyer. Bemerkenswert: Mehrfach waren die Opfer zusammen mit dem Paar öffentlich im Raum Höxter unterwegs. Aber immer unter Aufsicht ihrer Peiniger. 

Vorstrafen Der Beschuldigte war einschlägig vorbestraft. 1995 hatte er sich an einem weiblichen Opfer vergriffen und wurde wegen schwerer Körperverletzung und Freiheitsberaubung verurteilt. Die Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten hat er abgesessen. 

Das Anlocken Wie schon zuvor in mehreren Medien berichtet, versuchte das beschuldigte Paar über Zeitungsinserate Opfer zu finden. Wie Östermann berichtet, prahlte Wilfried F. in den Vernehmungen noch damit, dass er bereits in fast jeder deutschen Tageszeitung Anzeigen geschaltet habe. 

Weitere Opfer Es gab weitere Frauen, die dem Paar in die Falle gegangen waren und misshandelt wurden. Sie überlebten verletzt. "Wir denken, dass drei bis vier Geschädigte von uns vernommen werden müssen", sagt Östermann. Mit einer namentlich bekannten Frau aus dem Großraum Berlin haben sie bereits gesprochen. Nach den ersten Meldungen über den Tod von Susanne F. habe sie das Haus in den Medien wiedererkannt und sich bei der Polizei gemeldet. 

Auch sie erlitt beim Besuch in Höxter schwere Verletzungen. Aber nicht so schlimm, dass es Außenstehenden sofort aufgefallen wäre, sagen die Ermittler. Ihre Peiniger hätten sie nach Braunschweig zum Bahnhof gebracht und dort in einen Zug nach Hause gesetzt. 

Die Polizei schließt nicht aus, dass es sogar noch weitere Todesopfer geben könnte, hat aber derzeit keine konkreten Hinweise darauf. Die Deutsche Presse-Agentur hatte zunächst von Hinweisen auf ein drittes Todesopfer berichtet.

Die Qualen Die Opfer hätten mit dem Paar "im Prinzip" gemeinsam im Haus gelebt, sagen die Ermittler. Es habe keinen separaten Raum gegeben. Wenn die Frauen aber "aufsässig" geworden seien, seien sie etwa an Heizkörper oder in der Badewanne gefesselt worden – oft die ganze Nacht. Schon Nichtigkeiten hätten dafür Auslöser sein können. Den Opfern seien büschelweise Haare ausgerissen worden. Das sei wohl der Grund, weshalb sie kahlgeschoren worden seien. Die Opfer seien geschlagen, gefesselt und getreten worden.

Die Ermittlungen Das Ausmaß der Vorfälle im Gehöft von Höxter veranlasst die Ermittler, alles mit höchster Sorgfalt zu untersuchen. Auch weil sich möglicherweise weitere Spuren auf Opfer dort finden. Um das Haus ist ein Sichtschutz aufgebaut. "Die Spurensicherung wird mit Sicherheit noch Tage, wenn nicht Wochen dauern", teilt Östermann mit. Das ganze Objekt werde jetzt "quadratzentimeterweise" untersucht.

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