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Nach tödlicher Attacke auf Mann
Darum wird Elefant "Baby" nicht getötet

So lebt Elefant "Baby" im Safaripark
So lebt Elefant "Baby" im Safaripark FOTO: dpa, frg tmk
Holte-Stukenbrock. Nach der tödlichen Elefantenattacke fordert der Tierschutzbund die Regierung auf, geplante Gesetzesänderungen endlich umzusetzen. Die Elefantenkuh "Baby" lebt inzwischen im Safaripark – und wird nicht getötet.  Von Jessica Kuschnik

Mit ihrem Besitzer Stefan Frank spaziert Elefantenkuh "Baby" durch die Elefanten-Anlage des ostwestfälischen Safariparks Holte-Stukenbrock. Die erste Nacht in ihrem neuen Zuhause hat sie in einer 45 Quadratmeter großen Box im Elefantenhauses verbracht - in direkter Nachbarschaft zu drei anderen Elefantenkühen. "Hier zeigte die neue Bewohnerin keinerlei Auffälligkeiten oder gar Aggression", erklärt Sprecherin Susanna Stubbe. "Der Elefant ist in einem erstklassigen Pflegezustand und steht gut im Futter." Doch hinter dem ungeplanten Umzug steckt eine Tragödie: Das Tier war am Wochenende im baden-württembergischen Buchen aus seinem Gehege entwischt und hatte einen 65-jährigen Spaziergänger getötet.

Wie geht es jetzt weiter? Sofort nach dem tödlichen Unfall habe der Safaripark die Anfrage der Besitzerfamilie Frank erhalten, das Tier aufzunehmen. "Wir haben schon einmal ein Tier der Familie aufgenommen - damals ohne dringlichen Anlass", sagt Stubbe. Die Entscheidung, "Baby" in Holte-Stukenbrock unterzubringen, sei schnell gefallen. Dort soll das Tier nun dauerhaft bleiben und in die vorhandene Elefantenkuhherde integriert werden. "Die Pfleger werden die Elefanten, ihr Verhalten und ihre Kommunikation untereinander genau beobachten und dann entscheiden, wann die Elefanten gemeinsam auf die Freianlage gelassen werden können", so Stubbe.

Warum wird das Tier nicht eingeschläfert? Obwohl sie einen Mann getötet hat, soll die Elefantenkuh nicht eingeschläfert werden. "In Deutschland darf kein Tier ohne Grund getötet werden", sagt Marius Tünte, Sprecher des Deutschen Tierschutzbundes. Gründe für die Tötung eines Tieres wären etwa die Verwertung von Nutztieren für Lebensmittel, Schmerzen bei kranken Tieren oder wenn von einem Tier eine akute Gefahr ausgeht. "In diesem Fall kann ein Amtsveterinär entscheiden, das Tier zu erschießen", so Tünte. Da von "Baby" aktuell keine Gefahr mehr ausgeht, da sie unter Kontrolle ist, wird sie nicht eingeschläfert.

Wie schätzen andere Zirkusunternehmen den Vorfall ein? Da noch immer nicht klar ist, wie das Tier entwischen konnte, halten sich die Zirkusse mit einer Einschätzung zurück. Ein Sprecher des Zirkus' Charles Knie jedoch erklärt: "Wir sind schockiert angesichts dieses tragischen Unfalls. Elefanten sind jedoch grundsätzlich nicht gefährlich, wenn sie mit ihren Trainern oder Pflegern zusammen sind." Das Problem im aktuellen Fall könne sein, dass das Tier alleine unterwegs war. Ein Sprecher des Zirkus' Probst sagt, dass für jedes Unternehmen die sichere Unterbringung der Tiere oberste Priorität habe. "Sie dürfen auf keinen Fall ungewollt und ohne ihre Pfleger aus ihren Gehegen heraus."

Wie geht es mit den Ermittlungen weiter? Die Polizei ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Von alleine hätte "Baby" nicht aus dem Zirkuszelt freikommen können, sagte ein Polizeisprecher gestern. Es stelle sich daher die Frage, ob das Tier absichtlich freigelassen wurde oder ob es durch Schlampigkeit entkommen konnte. Eine Sonderermittlungsgruppe wurde eingerichtet. Sie soll zudem herausfinden, was das Tier so in Rage gebracht hat.

Wie viele Zirkusse gibt es in Deutschland? Da es keinen zentralen Dachverband gibt, ist die Zahl nicht genau erfasst. "Wir schätzen, dass es zur Zeit 300 bis 400 Zirkusse in Deutschland gibt", sagt Helmut Grosscurth, Geschäftsführer der European Circus Association (ECA). Von diesen seien gut ein Dutzend größere Unternehmen. "Die übrigen sind kleine Familienbetriebe."

Wie viele Wildtiere halten diese? "Naturgemäß können sich nur die größeren Unternehmen den Aufwand leisten, der mit der Haltung von größeren Tieren verbunden ist", sagt Grosscurth. Nach Schätzungen der ECA werden in Deutschland aktuell rund 50 Zirkuselefanten gehalten.

Wer kontrolliert den Zustand der Tiere? Für die Kontrolle sind die Amtsveterinäre vor Ort zuständig. Der Tierschutzbund kritisiert, dass diese oft überfordert seien. "Sie wissen nichts über die Vorgeschichte der Tiere, da der Zirkus nur kurz in der Stadt ist", sagt Marius Tünte. So sei auch zu erklären, dass bisher nie etwas unternommen worden sei, obwohl "Baby" bereits mehrfach Menschen angegriffen haben soll (2000 in Nordhessen; 2010 im Allgäu; 2012 im Zollernalbkreis). Einige Amtsveterinäre, so der Vorwurf, scheuten sich davor, konsequent durchzugreifen. "Denn dann sind sie auch dafür verantwortlich, das Tier woanders unterzubringen", sagt Tünte. "Am nächsten Tag hat die nächste Stadt das Problem."

 

Wird es in Deutschland ein Wildtierverbot geben? Vorerst nicht. Andere eropäische Länder sind da bereits weiter als Deutschland. In den Niederlanden tritt am 15. September ein Verbot von Wildtieren im Zirkus in Kraft, in Großbritannien am 1. Dezember. Seit längerem verboten ist die Wildtierhaltung beispielsweise in Belgien, Dänemark, Griechenland und Österreich. "In Deutschland ist man sich auf Länderebene ebenfalls einig", sagt Tünte - bereits 2003 und 2011 hatte der Bundesrat eine Forderung nach einem entsprechenden Verbot formuliert. Umgesetzt wurde es jedoch nicht. Die Bundesregierung habe es über Jahre versäumt, ein solches Verbot einzuführen, sagt Tünte. "Leider kocht das Thema immer nur hoch, wenn es einen Nachrichtenwert hat." Nach dem neuesten tödlichen Unglück fordern Organisationen wie der Deutsche Tierschutzbund oder Peta vehement ein solches Verbot.

Was genau fordern die Tierschützer? Der Deutsche Tierschutzbund fordert ein Verbot der Haltung von allen Wildtieren in Zirkusunternehmen. Umgehend sollte es zumindest ein Teilverbot bestimmter Tierarten wie Affen (nicht-menschliche Primaten), Elefanten, Bären, Nashörnern, Flusspferden und Giraffen gemäß Beschluss des Bundesrats vom November 2011 geben. "Ein Verbot von Elefanten, Bären und Affen wurde bereits 2003 vom Bundesrat gefordert, seitdem aber nicht von der Bundesregierung umgesetzt", so die Kritik. Außerdem fordere man eine Verbesserung der Haltungsanforderungen aller Zirkustiere durch Anpassung der Zirkusleitlinien aus dem Jahr 2000. "Es kann nicht sein, dass Zirkustiere nur als Tiere zweiter Klasse angesehen werden, für die geringere Vorgaben als für deren Artgenossen in Zoos, Tierparks oder in Privathaltung gelten."

Quelle: RP
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