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Preis für Zivilcourage
Bauarbeiter verhindern Überfall - Ehrung bei "Aktenzeichen XY... ungelöst"

Interview: Bauarbeiter kriegen Preis für Zivilcourage von Aktenzeichen XY
Bundesinnenminister Thomas de Maiziére ehrte Raphael Soler-Lopez (l.) und Frank Wolfgang Schmidt (m.) für ihre Zivilcourage. FOTO: ZDF/Jürgen Detmers
Gelsenkirchen. Im Sommer haben zwei Bauarbeiter in Gelsenkirchen eine 79-jährige Frau vor einem Raubüberfall beschützt. Bundesinnenminister Thomas de Maiziére verlieh den Männern für ihre Zivilcourage nun einen Preis der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY...ungelöst". Im Interview erzählen die Retter von der Aktion. Von Urs Lamm

Im Sommer beobachteten zwei Handwerker in Gelsenkirchen-Feldmark, wie Unbekannte eine 79-jährige Seniorin überfallen und ausrauben wollten. Sie reagierten sofort, vertrieben die Gauner und halfen anschließend der Seniorin. Für ihre Rettungstat sind die beiden Arbeiter aus dem Ruhrgebiet jetzt mit einem Preis der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY...ungelöst" ausgezeichnet worden. Bundesinnenminister Thomas de Maiziére (CDU) verlieh den Preis Anfang November in Berlin.  Am Mittwoch (20.15 Uhr) werden Soler-Lopez und Schmidt in der TV-Sendung zu Gast sein. Im Interview mit unserer Redaktion erzählen sie von dem Erlebnis.

Das sind die XY-Preis-Gewinner 2016 FOTO: ZDF/Jürgen Detmers

Sie haben im Sommer eine ältere Frau vor einem Raubüberfall beschützt. Beschreiben Sie den Vorfall aus Ihrer Sicht.

Raphael Soler-Lopez: Ich habe auf einer zehn Meter hohen Leiter gestanden und an einem Haus die Dachrinne gesäubert. Von dort aus hatte ich eine gute Sicht auf die Straße. Sofort fielen mir zwei Männer auf, die eine alte Dame scheinbar nach dem Weg fragten. Doch plötzlich hörte ich Hilfeschreie.

Was haben Sie dann gemacht?

Soler-Lopez: Ich wäre am liebsten heruntergesprungen und der Frau zur Hilfe geeilt. Doch für einen Satz von der Leiter war ich zu weit oben. Ich hatte auch überlegt, einen Ziegel zu schmeißen. Aber dann hätte ich ja Unschuldige treffen können. So habe ich schließlich meinem Kollegen Schmidt zugerufen und auf die Situation aufmerksam gemacht.

Frank Wolfgang Schmidt: Ich war gerade auf dem Gehweg mit Pflasterverlegen beschäftigt, da hörte ich den Kollegen Soler-Lopez rufen: "Da wird eine Frau überfallen". Ich legte sofort meinen Hammer beiseite, lief um die Autos herum auf die Straße und sah die ältere Damen in gebeugter Haltung vor einem Mann stehen. Ich wusste zunächst nicht genau, was da genau los war. Ich merkte aber, dass die Frau sich in Not befand. "Lassen Sie die Frau in Ruhe", habe ich gerufen und rannte los. Darauf ist der unbekannte Mann zu seinem Komplizen ins Auto gesprungen. Dann sind die Beiden mit quietschenden Reifen davongefahren. Ich habe mich dann erst einmal um die Frau gekümmert. Sie klagte über Schmerzen am Handgelenk, daher brachte ich sie erst einmal zum Arzt. Danach wollte ich eigentlich die Polizei alarmieren. Doch das hatte schon mein Kollege erledigt.

Soler-Lopez: Da ich von oben nicht direkt eingreifen konnte, habe ich mich auf das Machbare konzentriert: Ich habe mir das Aussehen der Täter sowie das Nummernschild des Autos einprägt, um dann schnell die Polizei zu alarmieren.

Was wollten die Täter eigentlich stehlen und wie wollten sie es anstellen?

Schmidt: Ach, das war eine ganz billige Masche. Neben der Frau hielt plötzlich das Auto mit den zwei Männern an. Die Unbekannten fragten nach einer Wegbeschreibung. Nachdem die Frau die gewünschte Auskunft erteilte hatte, gaben sie vor, sich bei ihr bedanken zu wollen. Ein Mann wollte der Frau eine Billigkette um den Hals legen – und dabei ihre eigene vom Hals lösen. Doch sie bemerkte den Trick und versuchte sich loszureißen. Der Mann hielt sie jedoch fest, sie rief nach Hilfe. Dann schritten wir ein. Die Dame war im Endeffekt sehr glücklich, dass die Kette nicht geraubt wurde. Das Schmuckstück ist finanziell gar nicht so viel wert. Ideell dafür aber umso mehr. Es ist nämlich ein Geschenk ihres verstorbenen Mannes.

Was geht einem in so einem Moment durch den Kopf? Hatten Sie eigentlich keine Angst?

Schmidt: Ich habe an nichts gedacht. Ich hatte nur Angst um die Frau, die sich offensichtlich in einer Notlage befand und habe instinktiv gehandelt. Das ist für mich eine Sache des Anstandes.

Soler-Lopez: Ich würde immer wieder so handeln. Man hat mich gefragt, wie ich gehandelt hätte, wenn ich unten gewesen wäre und einen der Täter erwischt hätte. Ganz ehrlich: Darüber will ich lieber nicht nachdenken. Es war im Übrigen nicht das erste Mal, dass ich eingegriffen habe. Ich habe mal mit meiner Frau in einem Schnellrestaurant erlebt, wie vier Jugendliche auf eine Person eingeprügelt haben. Da bin ich dann dazwischen gegangen und habe die Angreifer rausgeschmissen. Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich 1,90 Meter groß, drahtig und gut trainiert bin. Ich habe daher in solchen Situationen keine Angst.

Ihre gute Zusammenarbeit in dieser Situation hat dafür gesorgt, dass die Frau beschützt und die Täter schnell überführt wurden…

Soler-Lopez: Das stimmt. Dabei kannten wir uns bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht. Unsere Arbeiten standen an dem Tag nicht im Zusammenhang. Wir waren einfach zufällig am gleichen Ort und haben intuitiv gehandelt.

Haben Sie die Frau nach dem Tattag noch einmal gesehen?

Soler-Lopez: Ja, bei der Gerichtsverhandlung. Anschließend habe ich noch ein Foto mit ihr, dem Kollegen Schmidt und mir gemacht. Sie wollte gerne ein Bild von ihren Rettern haben. Danach habe ich sie noch nach Hause gefahren.

Von Aktenzeichen XY sind Sie nun für Ihre Zivilcourage ausgezeichnet worden. Wie empfinden Sie das?

Soler-Lopez: Natürlich freue ich mich darüber. Aber dass man für diese Aktion geehrt wird, zeigt auch, wo unsere Gesellschaft steht. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit. Als Held fühle ich mich in jedem Fall nicht.

Schmidt: Ich sehe das genauso.

Sie wurden in einer feierlichen Zeremonie geehrt. Bundesinnenminister Thomas de Maiziére hat Ihnen gratuliert. Außerdem waren bekannte Schauspieler wie Bettina Zimmermann oder Stefan Jürgens als Paten dabei. Wie haben Sie diesen Abend empfunden?

Schmidt: Ich gebe zu, dass ich im Vorfeld ziemlich angespannt war. Ich bin nur ein einfacher Geselle, der solche Veranstaltungen nicht gewohnt ist. Aber im Endeffekt war es eine tolle Erfahrung. Alle waren sehr nett zu mir. Bettina Zimmermann hat mir immer gut zugeredet. "Du machst das gut", hat sie gesagt. Das hat mir geholfen.

Soler-Lopez: Thomas de Maiziére ist ein netter Typ. Gleiches gilt für Schauspieler Stefan Jürgens. Er kommt wie wir beide aus dem Ruhrgebiet. Da waren wir schnell auf einer Wellenlänge.

 

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