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Tierische Einwanderer
Invasion der Exoten

Tierische Einwanderer in NRW
Tierische Einwanderer in NRW FOTO: dpa, dpa
Düsseldorf. In Nordrhein-Westfalen gibt es rund 400 Tier- und Pflanzenarten, die hier eigentlich nicht hingehören. Sie wurden aus anderen Staaten eingeschleppt oder ausgesetzt. Für die heimischen Arten stellen sie eine Bedrohung dar. Von Detlev Hüwel und Christian Schwerdtfeger

Immer wenn Carla Michels für Untersuchungen in einen Fluss steigt, desinfiziert die Naturschützerin vorher ihre Gummistiefel. Es sollen keine Keime ins Wasser gelangen, die dort nicht hingehören. "Ein kontaminierter Schuh reicht aus, um einen Erreger zu verbreiten, der für die Flusskrebse tödlich ist", sagt Michels. Denn der heimische Flusskrebs ist in NRW schon so stark dezimiert, dass er in fließenden Gewässern kurz vor der Ausrottung steht oder bereits gar nicht mehr vorkommt. Grund dafür seien neben den Keimen vor allem fremde Krebsarten, die aus Amerika eingeschleppt worden sind. Diese sind immun gegen die Erreger. "Um den Bestand sieht es deshalb schlimm aus. Unsere Krebsart wird kaum zu retten sein", sagt Michels.

Viele Tier- und Pflanzenarten in NRW sind durch Fremdlinge bedroht. Landesweit gibt es inzwischen 400 Arten, die als "gebietsfremd" gelten und in der Fachsprache als "Neobiota" bezeichnet werden. Sie sind seit der Entdeckung Amerikas durch Christopher Kolumbus im Jahr 1492 absichtlich oder versehentlich eingeschleppt worden. 45 Arten, die als besonders aggressiv ("invasiv") gelten, hat Nordrhein-Westfalens Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) den Kampf angesagt, weil dies für die Erhaltung der biologischen Artenvielfalt zwingend nötig sei. Denn als Krankheitsüberträger oder durch Massenverbreitung können sie nach Darstellung des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) wirtschaftliche Schäden anrichten oder die Gesundheit des Menschen gefährden.

Extreme im Tierreich: Axolotl, Schlinger und Co. FOTO: dpa, vfd kno

Mehr als 30.000 Euro hat das Land im vergangenen Jahr den fünf Bezirksregierungen für die Bekämpfung der aggressiven Pflanzen und Tiere ausgegeben, wie aus Remmels Antwort auf eine Anfrage der CDU-Politikerin Christina Schulze-Föcking hervorgeht. Der größte Anteil (13.800 Euro) ging an den Regierungsbezirk Detmold.

Wie bei den Flusskrebsen stammen die tierischen Einwanderer sehr oft aus Nordamerika. So werden etwa die heimischen Eichhörnchen und Biber von ihren Artgenossen aus den USA und Kanada allmählich zurückgedrängt. "Sie sind robuster als unsere Arten", sagt Carla Michels. Tierforscher vermuten, dass einige "Eindringlinge" auch aus deutschen Zoos entfleucht sind und sich seitdem in der Natur, wo sie kaum natürliche Feinde haben, nahezu ungestört ausbreiten. "Viele wurden zudem einfach von Aquarianern ausgesetzt", berichtet Michels. Sorge bereitet den Naturschützern auch die wachsende Waschbär-Population, weil sie den heimischen Tieren in Gewässernähe wie zum Beispiel Fröschen und kleineren Amphibien die Nahrung wegfrisst, so dass diese in ihrem Bestand bedroht sind.

Verschwundene und neue Tierarten im Kreis Kleve FOTO: dpa, Rolf Haid

Ins Visier der staatlichen Kammerjäger sind auch der rote amerikanische Sumpfkrebs und die Nilgans geraten, die andere Wasservögel am Brutplatz verdrängt. Auch die Schneegans gilt als unerwünscht, selbst wenn bisher nur eine Kolonie gesichtet wurde - und zwar in Neuss. Doch ihre Anwesenheit ist unübersehbar: "Verkotung einer städtischen Grünanlage", vermerkt Remmel in seiner Neobiota-Liste. In der Fauna will die Landesregierung auch die Spanische Wegschnecke bekämpfen, die sich auf Kosten der heimischen Roten Wegschnecke ausbreite. Auf der "Abschussliste" steht zudem der nordamerikanische Ochsenfrosch. "Den wollen wir nicht haben, weil er ein ganzes Ökosystem kaputt machen kann, weil er keine Feinde hat und alles frisst", sagt Michels.

In der Pflanzenwelt findet ein ähnlicher Verdrängungsprozess statt. Der chinesische Götterbaum und das brasilianische Tausendblatt sind - anders als die wohlklingenden Namen vermuten lassen - keine Pflanzen, die hiesigen Naturschützern Freude bereiten. Im Gegenteil: Die Exoten gelten als unerwünscht, da sie heimische Arten verdrängen. Unter den Pflanzen, die auf der "Abschussliste" stehen, befinden sich auch die Herkulesstaude ("bildet dominante Massenbestände"), die Robinie ("Gefährdung wertvoller Eichenwälder") sowie die "wechselständige Wasserpest" und der Sachalin-Staudenknöterich, weil sie ebenfalls eine Gefahr für heimische Arten darstellen.

So arbeitet der Rattenfänger von Moers FOTO: Klaus Dieker
Quelle: RP
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