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Düsseldorf, Kevelaer und Neuss
Irish Travellers im Rheinland – das ist die Bilanz

Irish Travellers verlassen Kevelaer
Düsseldorf. Glaubt man dem, was man so hört, hinterlassen irische Wildcamper ("Irish Travellers") eine Spur der Verwüstung, wo immer sie hingehen. Stimmt das? Wir haben in den betroffenen Städten nachgefragt. Von Helene Pawlitzki

In den vergangen Tagen waren irische Landfahrer in Kevelaer, Neuss und Düsseldorf unterwegs. Bei den Ordnungsämtern gingen zahlreiche Beschwerden von Bürgern ein. In den meisten Fällen führten diese Beschwerden aber nicht dazu, dass Ordnungs- oder Bußgelder verhängt wurden. Bisher gab es laut Polizei eine Strafanzeige.

  • Ordnungsämter In Kevelaer und Düsseldorf gab es laut Ordnungsamt Beschwerden wegen Lärms, Falschparkens, Fahren mit erhöhter Geschwindigkeit, "ungebührlichen Verhaltens" und Verunreinigungen. Die genaue Anzahl sei nicht erfasst worden, teilte das Ordnungsamt Düsseldorf mit. Weder in Kevelaer noch in Düsseldorf wurden jedoch Strafen verhängt. Aus Neuss meldet das Ordnungsamt auf Anfrage unserer Redaktion, es habe keine Beschwerden seitens der Bürger gegeben. Man habe aber hinterlassenen Müll sowie zwei fehlende Standrohr-Hydranten registriert, die bereits für die Kirmes installiert worden waren.
  • Polizei Strafanzeigen gab es in Düsseldorf und Neuss nicht. In Kevelaer zeigte am vergangenen Freitag ein Café-Betreiber fünf Frauen an. Sie waren nach seiner Aussage mit zehn Kindern in sein Lokal gekommen und hätten zwar ihre Speisen und Getränke bezahlt, aber die Toilette völlig verdreckt zurückgelassen, Deko-Artikel zerstört und ein Schild gestohlen.

"Auch Travellers müssen sich an die Gesetze halten"

Irish Travellers ziehen im Sommer 2017 durch die Region FOTO: gerhard berger

Sind die irischen Landfahrer also ganz harmlos, oder doch ein Haufen Wüstlinge ohne Respekt für Gesetz und Ordnung? Martin Collins hat da eine klare Meinung. Er ist selbst Traveller und einer der Direktoren des "Pavee Points" (Link zur Website) in Dublin, einer Nicht-Regierungsorganisation, die sich für die Rechte von Travellers und Roma einsetzt. "Wer sich nicht an die Gesetze hält, muss dafür zur Verantwortung gezogen werden", sagt er. Das gelte selbstverständlich auch für Irish Travellers, die Müll in die Gegend werfen oder zu schnell Auto fahren. "Die Gesetze sind dazu da, solche Dinge zu verhindern."

Es sei aber wichtig, die Travellers nicht in Schubladen zu stecken. "Die Menschen sagen zum Beispiel oft, dass wir laut sind. Das kann ich unterschreiben: Wir sind insgesamt ein lautes Volk." Oft schlössen Nicht-Travellers aber automatisch, wer laut sei, sei auch aggressiv. "Und das ist nicht der Fall. Es ist eine Fehlinterpretation unseres Verhaltens."

Das Problem seien die daraus erwachsenden Stereotype: "Wenn einige aus einer Gruppe Travellers Regelverstöße begehen, gehen manche Menschen sofort davon aus, dass auch alle anderen so sind." Alle Travellers pauschal als aggressive Raser zu bezeichnen, die ihr Umfeld vermüllen, sei Rassismus. "Das beginnt auf ganz niedriger Ebene und schaukelt sich dann zu etwas ganz Schlimmem hoch, wie wir aus der Geschichte wissen."

"Travellers haben mindestens so viel Angst vor Düsseldorfern wie umgekehrt"

Doch viele Bürger haben nichts als Stereotype, um zu begreifen, wer da in ihrer Stadt kampiert. Denn die Travellers - das gibt auch Martin Collins zu - sprechen nur sehr ungern mit Außenstehenden. "Für Travellers repräsentieren diese Menschen ein System, zu dem sie nicht gehören. Ein staatliches System, das viele Jahrhunderte lang Roma und Travellers systematisch unterdrückt hat." Dieses tiefe Misstrauen sei nur schwer abzulegen. "Die Düsseldorfer oder Neusser haben vielleicht Angst, die Travellers anzusprechen und kennenzulernen, weil sie sie für gefährlich halten. Man darf aber nicht vergessen, dass die Travellers mindestens genau so viel Angst vor den Düsseldorfern oder Neussern haben."

Was also kann der Weg zu mehr gegenseitigem Verständnis sein? Martin Collins wünscht sich starke Gesetze gegen Diskriminierung in jeder Gesellschaft - aber auch mehr Informationen über die Travellers, in den Schulen und in den Medien. Er gibt einige Beispiele:

  • Wie bezeichnet man Travellers korrekt? Für viele Deutsche klingt die Bezeichnung "Tinker" nicht abwertend, auch weil viele nicht wissen, was sie bedeutet. "Manche Travellers finden sie aber unpassend." Der Grund: "Tinker" ist das englische Äquivalent von "Kesselflicker" - und diesen Beruf gibt es schlicht so nicht mehr. Auch nicht unter den Travellers. Letzteres sei ein neutraler Begriff, der von allen akzeptiert werde. Viele Travellers bezeichnen sich in ihrer eigenen Sprache als "Pavee" - das heißt ebenfalls "Reisender".
  • Warum reisen die Travellers umher? "Ursprünglich hatte das wirtschaftliche Gründe", sagt Collins. Die traditionellen Berufe dieses Volks wie Schrottsammeln, Straßen teeren oder Gartenarbeit waren saisonabhängig und konnten gut ausgeübt werden, indem man von einer Kundengruppe zur nächsten zog. "Beim Nomadentum ging es also nicht ums Ferien machen, sondern um Markterschließung", sagt Collins.
  • Fahren die das ganze Jahr von Stadt zu Stadt? "Das ist sehr unterschiedlich", sagt Collins. "Aber heutzutage haben die meisten Travellers für den Winter eine feste Adresse, entweder ein Haus oder einen Stellplatz für ihren Wohnwagen, und reisen nur in den Sommermonaten."
  • Woran erkennt man einen Irish Traveller? Das sei eine komplexe Frage, sagt Collins. "Iren erkennen meistens sofort, ob jemand zu unserem Volk gehört oder nicht." Es seien subtile Zeichen - die Sprache, das Verhalten, vielleicht auch die Gesichtszüge. "Ein Deutscher würde den Unterschied aber wahrscheinlich nicht sehen." Travellers teilten eine gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte. "Das heißt aber nicht, dass alle Travellers die gleichen Ansichten und dieselbe Lebensweise haben." Manche seien dafür, ihre Kinder jung zu verheiraten - andere hielten das für falsch. Manche reisten das ganze Jahr - andere seien sesshaft. Manchen seien eine große Beerdigung und ein opulentes Grab wichtig - andere fänden das eher obszön.

Das Ziel von "Pavee Point" sei es, solche Informationen zu verbreiten. "Wir wollen gegen das gegenseitige Misstrauen vorgehen." Nur das würde gegen die Diskriminierung von Irish Travellers helfen.

 
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