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Trainer, Helden, Politiker
Diese Menschen haben NRW 2015 geprägt

Fotos: Henriette Reker – OB in Köln und Attentats-Opfer
Fotos: Henriette Reker – OB in Köln und Attentats-Opfer FOTO: dpa, obe jhe
Düsseldorf. Trainer, Helden, Politiker und Kirchenmänner - in einem Jahr voller Schlagzeilen haben Menschen aus Nordrhein-Westfalen 2015 mit ihren Entscheidungen, Einsätzen und Erlebnissen für Aufsehen gesorgt. Eine kleine Auswahl der Menschen des Jahres in NRW.
  • MURAT SIVRI ist in Dortmund so etwas wie das Gesicht der Flüchtlingskrise. Seine Zentrale in der Ruhrstadt zählt zu den Hotspots unter den Erstaufnahmen. "Ich gehe davon aus, dass wir bundesweit die Nummer eins sind", sagt Sivri, der Leiter. "Die meisten Flüchtlinge wollen ins Ruhrgebiet, weil sie hier Netzwerke, Freunde und Verwandte finden. Sivri zählt täglich 800 Neuzugänge, in der Spitze 1500. "Krisenmanagement" nennt der Sohn eines türkischen Gastarbeiters das. Weil die Unterkunft zunächst viel zu wenige Plätze hatte, konnten an manchen Tagen keine Flüchtlinge mehr aufgenommen werden. "Wir waren kurz vor dem Herzriss", erinnert sich Sivri.
  • HENRIETTE REKER gelingt am 18. Oktober eine Doppelpremiere. Sie wird als erste Frau und Parteilose zur Kölner Oberbürgermeisterin gewählt. Doch das gerät fast in den Hintergrund, denn nur einen Tag vor der Wahl wird sie Opfer eines wohl fremdenfeindlich motivierten Messerattentats, wird lebensgefährlich verletzt. Das Land bangt um Reker. Doch sie überlebt. Am 22. Oktober nimmt die Kämpfernatur die Wahl an - noch auf der Intensivstation. Am 20. November, ihrem ersten Tag im Dienst an der Rathausspitze, erzählt sie offen von dem Angriff. Die verheiratete Juristin will sich auch weiter für Flüchtlinge engagieren, für mehr bezahlbaren Wohnraum, Bildung unabhängig vom Geldbeutel - und sie will Vertrauen in Politik und Verwaltung zurückerobern.
  • Nach dem Absturz von Germanwings-Flug 4U 9525 in Frankreich stand ein Mann für Monate im Blickpunkt der Öffentlichkeit: ULRICH WESSEL, Schulleiter des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern am See. Auf der Rückreise von einem Schüleraustausch in Barcelona waren 16 seiner Schüler und zwei Lehrerinnen ums Leben gekommen. Wessel gab bedächtig und mit ruhiger Stimme Interviews und schirmte so seine trauernden Schüler und Lehrer ab. "Ich hoffe, dass wir die Trauer überstehen, wenn wir die Trauer teilen", sagte der hagere Mann mit den hellen, schütteren Haaren einen Tag nach dem Unglück. Dabei schämte er sich nicht für seine Tränen. Unangenehm war ihm, dass sich der Medienfokus allein auf seine Schule richtete. Vor der Trauerfeier im Kölner Dom mahnte Wessels, die anderen Absturz-Opfer nicht zu vergessen.
  • Sechs Jahre Gefängnis, 20 Millionen Euro Schadensersatz, das Firmenimperium zusammengebrochen, 2400 Kunstwerke zwangsversteigert: Der Sturzflug des prominenten Düsseldorfer Kunstberaters HELGE ACHENBACH (63) könnte kaum steiler sein. Unter Tränen legte der selbst ernannte "Hans im Glück" ein Teilgeständnis vor Gericht ab. Im März wurde er wegen Millionenbetrugs an reichen Kunden verurteilt. Im Gefängnis singt Achenbach inzwischen im Chor, lernt Malen, trägt Essen aus und putzt Toiletten. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Achenbach aber lässt sich nicht unterkriegen: "Ich komme schon zurück", sagte er im TV-Interview im Knast.
  • LUCIEN FAVRE und Borussia Mönchengladbach: Das war lange Zeit eine große Erfolgsgeschichte. Der oft in sich gekehrt und nachdenklich wirkende Schweizer Coach machte aus dem Abstiegskandidaten vom Niederrhein einen Champions-League-Teilnehmer. Im September verließ er die Borussia nach fünf Bundesliganiederlagen in Serie auf groteske Art und Weise: Nachdem der Club das Rücktrittsgesuch des zweifelnden Trainers abgelehnt hatte, schuf Favre (58) Fakten. Per Mitteilung an die Deutsche Presse-Agentur dpa legte er sein Amt nieder.
  • THOMAS STERNBERG vertritt 24 Millionen katholische Laien: Der CDU-Politiker ist seit einigen Wochen Präsident des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK). Der gebürtige Sauerländer hatte zunächst eine Bäckerlehre gemacht, ehe er auf dem Abendgymnasium das Abitur nachholte und dann Theologie und Kunstgeschichte studierte. Der 63-Jährige sitzt im nordrhein-westfälischen Landtag und ist bislang Direktor der katholisch-sozialen Akademie des Bistums Münster. Als ZdK-Präsident tritt er in die großen Fußstapfen seines Vorgängers Alois Glück. Eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben des ZdK sieht Sternberg im Dialog mit dem Islam.
  • Mit Essens neuem Oberbürgermeister THOMAS KUFEN hat die CDU in einer wichtigen Großstadt im Ruhrgebiet den Sozialdemokraten den Chefsessel abgejagt. Auch das Generationenduell gegen den 17 Jahre älteren Amtsinhaber Reinhard Paß konnte der 42-jährige Kufen bei der Stichwahl mit 62,6 Prozent der Stimmen für sich entscheiden. Wenige Wochen später hatte er denn noch einen ganz privaten Grund zum Feiern: Im engsten Freundes- und Familienkreis heiratete der Rathauschef seinen langjährigen Lebensgefährten David Lüngen.
(met/dpa)
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