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Nordrhein-Westfalen
Jede dritte Geburt per Kaiserschnitt

Kaiserschnittrisiken für das Kind
Kaiserschnittrisiken für das Kind FOTO: dpa, Patrick Pleul
Nordrhein-Westfalen. Laut Experten werden deutlich mehr Kaiserschnitte durchgeführt als medizinisch notwendig. Selbst europaweit liegt NRW mit an der Spitze. Das hat unter anderem wirtschaftliche Gründe. Manche Kliniken steuern aber gegen den Trend. Von Ludwig Krause

Rekord für das Düsseldorfer Florence-Nightingale-Krankenhaus (FNK): Insgesamt 2083 Kinder kamen dort im vergangenen Jahr zur Welt. Das ist nicht nur die eigene Bestmarke, sondern auch Spitzenwert in der Landeshauptstadt. Vor Ort ist man mächtig stolz auf die Klinik für Gynäkologie und Geburtenhilfe. Sie ermögliche ein "individuelles Geburtserlebnis bei größtmöglicher Sicherheit und Geborgenheit", wie eine Krankenhaussprecherin betont. 35 Prozent der Kinder im FNK kommen per Kaiserschnitt zur Welt, alleine im vergangenen Jahr waren es 729 Stück. Damit steht die Klinik beispielhaft für das Land Nordrhein-Westfalen: 33 Prozent aller Kinder werden hierzulande per Kaiserschnitt geboren.

Zahlen, die Dr. Klaus-Dieter Jaspers nur allzu gut kennt. Genau wie seine Kollegen in Düsseldorf hat der Chefarzt des "Perinatalzentrums Level I" an der Christophorus-Klinik in Coesfeld mit vielen Risiko- und Mehrlingsgeburten zu tun. "Bis vor wenigen Jahren lag bei uns die Rate der Kaiserschnitte noch bei 36 Prozent", sagt Jaspers. Dann aber begann beim Klinikteam ein Umdenkprozess. "Wir hinterfragen mittlerweile jeden einzelnen Kaiserschnitt", sagt er. Das Ergebnis: Die Rate konnte innerhalb von sieben Jahren um 200 Geburten auf 19,4 Prozent gesenkt werden – bei gleicher Erfolgsquote. Der Chefarzt kommt zu einem eindeutigen Urteil:  "In Deutschland werden erheblich mehr Kaiserschnitte durchgeführt, als medizinisch notwendig wären."

Faszinierende Baby-Bilder: Sekunden nach dem Kaiserschnitt FOTO: Christian Berthelot

Schwere Folgen für Mutter und Kind möglich

Und das, obwohl Kaiserschnitte nachweisbar Probleme für Mutter und Kind zur Folge haben können. So kommt eine groß angelegte Studie, die Mitte Juni im renommierten British Medical Journal vorgestellt wurde, zu dem Ergebnis, dass Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind, später häufiger an Diabetes, Asthma oder starkem Übergewicht leiden. Die Ursachenforschung hat gerade erst begonnen, erste Ansatzpunkte gibt es aber bereits: So kommen Säuglinge bei der natürlichen Geburt zwangsläufig mit Darm- und Vaginalkeimen der Mutter in Berührung. Beim Kaiserschnitt bleibt das aus – genau wie der Stress beim Geburtsvorgang an sich, der das Kind für das spätere Leben abhärten könnte.

Die unglaublichsten Geburtsdramen FOTO: dpa, Fotostudio Sessner, Dachau

Auch für Frauen können Kaiserschnitte zum Problem werden. Immer wieder berichten Mütter von einem Gefühl des Ausgeliefertseins bei der Entbindung per Kaiserschnitt. Besonders solche, die unter Vollnarkose entbinden müssen. Sie werden nach dem Eingriff wach und haben plötzlich ein Kind, ohne den Geburtsvorgang erlebt zu haben. "Außerdem sind weitere Geburten nach einem Kaiserschnitt für werdende Mütter immer deutlich gefährlicher als nach einer natürlichen Geburt", sagt Renate Egelkraut, seit 25 Jahren Geburtshelferin und Vorsitzende des Landesverbandes der Hebammen in Nordrhein-Westfalen. "Selbstverständlich müssen Kaiserschnitte möglich sein, wenn es um Menschenleben geht. Aber wann immer möglich, ist eine natürliche Geburt das Beste für Kind und Mutter."

Trotz aller Erkenntnisse gehört Deutschland immer noch zu den Ländern mit der höchsten Kaiserschnittrate in Europa, Nordrhein-Westfalen ist ganz vorne mit dabei. Im Jahr 2000 sind Zahlen des NRW-Gesundheitsministeriums zufolge noch 20 Prozent der 174.000 hierzulande geborenen Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen. Im Jahr 2013 waren es schon 33 Prozent von 146.500 Geburten. Obwohl die Zahl der Geburten sinkt, steigt die der Kaiserschnitte kontinuierlich an.

Risiken werden je nach Klinik anders bewertet

Der Hauptgrund für Kaiserschnitte liegt mit Abstand bei den sogenannten relativen Indikationen. Dabei handelt es sich um die individuelle Bewertung von Risiken bei der Geburt, etwa wenn sich das Kind in Beckensteißlage befindet. "Bei Geburten vor der 32. Schwangerschaftswoche wird nach heutigem wissenschaftlichen Erkenntnisstand eher ein Kaiserschnitt empfohlen. Kaiserschnitte werden ebenfalls durchgeführt, wenn das Risiko für Mutter oder Kind für eine vaginale Entbindung aus anderen medizinischen Gründen zu hoch ist", sagt eine Sprecherin des Florence-Nightingale-Krankenhauses.

Die relativen Indikationen werden je nach Klinik unterschiedlich bewertet, regional gibt es große Unterschiede. "Bei uns sind mittlerweile viele der Indikationen weggefallen, die wir früher für sehr wertvoll gehalten haben", sagt Chefarzt Klaus-Dieter Jaspers aus Coesfeld. So habe man im vergangenen Jahr etwa problemlos eine Drillingsgeburt durchführen können, bei der sich eines der Kinder in Beckensteißlage befand. "Vielen Frauen wird schon im Vorhinein gesagt, dass das Kind nicht auf natürlichem Wege geboren werden kann. Natürlich funktioniert es dann nicht. Das ist auch eine Kopfsache", meint Hebamme Renate Egelkraut.

Experten sehen eine entscheidende Ursache für die hohe Zahl der Kaiserschnitte im Geldbeutel der Kliniken: Die Operationen sind für die Krankenhäuser deutlich lukrativer als natürliche Geburten. "Während die normale Geburt sich schonmal über 20 Stunden hinziehen kann, ist ein Kaiserschnitt in 30 bis 45 Minuten beendet. Außerdem lässt er sich viel besser planen", sagt Jaspers. So lassen sich zum einen Personalkosten sparen. Zum anderen zahlen Krankenkassen für Kaiserschnitte deutlich mehr als für natürliche Geburten. "Durch die nachhaltige Senkung der Kaiserschnittgeburten haben wir im Jahr etwa 400.000 Euro weniger Einnahmen", sagt Jaspers. Angesichts immer knapper werdender Kassen im Gesundheitssektor klatscht da nicht jede Geschäftsleitung Beifall. "Kliniken werden finanziell abgestraft, wenn sie gute Arbeit leisten", sagt Renate Egelkraut.

In der größten Kinderklinik Düsseldorfs sei das nicht der Fall, wie Krankenhausdirektor Dr. Holger Stiller erklärt: "Im Florence-Nightingale-Krankenhaus werden Frauen per Kaiserschnitt entbunden, wenn dies medizinisch indiziert ist. Dabei richten wir uns nach den Leitlinien und Empfehlungen der Fachgesellschaften. Die Vergütung hat keinerlei Einfluss auf die Entscheidung."

Hebammen verunsichert

Die Sorge vor rechtlichen Auseinandersetzungen lässt auch Hebammen bei Geburten immer häufiger in die Defensive gehen. Sie wollen genau wie die Kliniken nicht das Risiko eingehen, im Falle einer kritisch verlaufenden Geburt haftbar gemacht zu werden. Hebammen müssen seit Jahren immer mehr für ihre Haftpflichtversicherung zahlen. Diese springt ein, wenn bei der Geburt ein Kind durch Fehler zu Schaden kommt. Die Gerichte sprechen Kindern und Eltern ein immer höheres Schmerzensgeld und langfristige Pflege-Unterstützung zu. So wird immer öfter zum Skalpell gegriffen, ohne dass es wirklich notwendig wäre.

Die wenigsten Kaiserschnitte werden auf expliziten Wunsch der Frauen durchgeführt. Gerade bei Jüngeren wird das Thema aber immer größer. Die Motive der Frauen sind unterschiedlich: Manche glauben, dem Kind die Geburt erleichtern zu können, andere haben Angst vor Schmerzen. "Die Wenigsten wissen, dass auch ein Kaiserschnitt große Schmerzen verursachen kann und auch dort Instrumente wie Zange und Saugglocke zum Einsatz kommen können", sagt Klaus-Dieter Jaspers. Manche Kliniken lehnen medizinisch unbegründete Wunsch-Kaiserschnitte kategorisch ab – und nehmen dadurch in Kauf, Eltern und Einnahmen an ein anderes Krankenhaus zu verlieren.

Mütter dürfen selbst Hand anlegen

Um selbst bei Kaiserschnitten noch Natürlichkeit zu simulieren, bieten immer mehr Kliniken die sogenannte Kaisergeburt an. Dabei steht die Mutter unter örtlicher Betäubung, im entscheidenden Moment wird das Tuch, das sie von der Operation abschirmt, aber heruntergenommen. So kann sie mitansehen, wie das Kind aus ihrem Bauch genommen wird. Für Schlagzeilen gesorgt hat vor kurzem eine Klinik in Bad Oeynhausen. Dort hatte sich die Mutter das vorher freigelegte Kind gleich selbst aus dem Bauch gehoben und auf die Brust gelegt. Eine Methode, die von einigen Ärzten heftig kritisiert wurde.

Die Quote der Kaiserschnittgeburten zu senken ist auch politisches Ziel in Nordrhein-Westfalen, bereits 2013 ist ein runder Tisch zu dem Thema eingerichtet worden. Um nachhaltige Erfolge zu erzielen, müssen Teile des Gesundheitssektors aber komplett neu denken – und das wird dauern. Im Juli möchte das NRW-Gesundheitsministerium die aktuellen Zahlen der Kaiserschnittgeburten präsentieren. Kaum einer der Experten glaubt  aber daran, dass die Quote dann schon deutlich gesunken ist.

Chefarzt Klaus-Dieter Jaspers: "Beim Thema Kaiserschnitt wird manchmal viel Unsinn erzählt. Wir haben noch einen weiten Weg und viel Aufklärungsarbeit vor uns."

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