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Diskussion im NRW-Schulministerium
Kampf um Lateinpflicht für Lehrer

Schule aus - und jetzt?
Schule aus - und jetzt? FOTO: dpa, Uwe Zucchi
Düsseldorf. Kommen in NRW Lehramtsstudenten in modernen Fremdsprachen künftig ohne Latinum aus? Gegen den Plan formiert sich Widerstand. Von Simon Janssen

Nikolaus Mantel kann nur den Kopf schütteln. Für die Forderung von Studenten in NRW, die Latinumspflicht für Lehramtsstudenten an Gymnasien und Gesamtschulen in modernen Fremdsprachen zu streichen, hat der Chef des Altphilologenverbandes NRW kein Verständnis. "Ich fürchte, dass die Studenten in diesen Fächern nicht mehr richtig auf ihren Beruf vorbereitet werden", sagt Mantel, der Latein am Essener Carl-Humann-Gymnasium unterrichtet. Um eine Sprache fundiert zu studieren, gehören für ihn Lateinkenntnisse dazu. Nur über den Umfang könne man streiten, findet der 60-Jährige.

Im Schulministerium ist so mancher anderer Meinung – Latein sei für den Unterricht in Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch zwar förderlich, heißt es dann, aber nicht zwingend. Derzeit werde diskutiert, ob man die Lateinpflicht fallenlasse oder drastisch verringere, heißt es aus dem Ministerium; einen genauen Zeitplan gebe es aber genauso wenig wie den endgültigen Fächerkanon, für den das gelten soll, oder eine Entscheidung, ob etwa Latein noch in einem Kurzkurs gelernt werden muss.

Vorschlag aus Bochum

Den Stein ins Rollen brachte 2013 die Studentenvertretung (der Asta) der Ruhr-Uni Bochum. Der fordert vom Land, die Lehramtszugangsverordnung für Gymnasien und Gesamtschulen zu ändern. Für Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch soll die Latinumspflicht fallen, für Geschichte und Philosophie sollten geringere Lateinkenntnisse ausreichen. Es folgte eine Online-Petition, die mehr als 9000 Unterstützer zählt. "Wir erhalten viel Zustimmung von Studierenden", sagt Moritz Fastabend vom Asta. Ein häufig genanntes Problem der Studenten: Das Latinum gefährde ihre Regelstudienzeit; für die Zusatzsemester werde das Bafög gestrichen.

Im Frühjahr machte der neue Vorstand der Altphilologen seinen Antrittsbesuch im Ministerium und nutzte die Gelegenheit, das Thema anzusprechen – mit einem für den Landesverband unbefriedigenden Ergebnis. Nach Angaben von Nikolaus Mantel bezeichnete Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) Vorstellungen vom besonderen Bildungswert des Lateinischen als "anmaßend" und "Schaffung einer Zweiklassengesellschaft". "Wir sind enttäuscht", sagt Mantel.

Pro-Latinum-Seite ist bereit zu Kompromissen

Die Fronten sind verhärtet. Doch die Pro-Latinum-Seite ist bereit zu Kompromissen. Jonas Berghaus von der Leverkusener SPD etwa schlägt Verbesserungen vor, um den Latein-Unterricht zu erhalten. So solle die Aneignung von Sprachkenntnissen an der Uni zu einer Verlängerung des Bafög-Anspruchs führen. "Latein lebt" heißt seine Initiative, die bei Facebook bereits mehr als 2100 "Gefällt mir"-Klicks zählt. Berghaus wirbt zudem für die Online-Petition der Kölner Lehramtsstudentin Hannah Birken, die mehr als 3300 Unterstützer hat. "Fachliche Qualität der Lehrerausbildung in NRW erhalten – Lateinanforderungen reformieren, nicht streichen" heißt die Petition. Dort wird unter anderem angeregt, die universitären Latein-Kurse zu verbessern -durch intensivere Betreuung, computergestütztes Lernen und stärkere Anwendungsorientierung.

Pläne, die die Klasse für Geisteswissenschaften der NRW-Akademie der Wissenschaften und der Künste teilt. Anfang September versammelten sich dort Professoren, die die betroffenen Sprachen an verschiedenen Universitäten des Landes vertreten. Dabei wurden unter anderem die Ergebnisse einer Studie zum deutschen Textverständnis von 3200 Studenten vorgestellt, bei der Absolventen mit Latinum "höchstsignifikant besser" abgeschnitten hätten als Studenten ohne Latinum. Zudem wurde anhand von Beispielen gezeigt, dass deutschsprachige Englischstudenten ohne Lateinkenntnisse englische Texte produziert hätten, die von Engländern nicht verstanden werden könnten.

Scharfe Kritik an den Überlegungen im Schulministerium übt auch der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Klaus Kaiser: "Bei Frau Löhrmann ist das Absenken der Qualität in unseren Schulen zum Programm geworden. Fundierte Bildung und Wissensvermittlung brauchen vernünftige Grundlagen. Das Abendland beruht auf den Werten und Worten, die mit dem Latinum verbunden sind." Wer das Latinum entwerte, der lege letztlich die Axt aufs Gymnasium, findet Kaiser.

Quelle: RP
 
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