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Ein Jahr Höxter-Prozess
Keine Reue, nur Grauen

Szenen aus dem Höxter-Prozess in Paderborn
Szenen aus dem Höxter-Prozess in Paderborn FOTO: dpa, gki
Höxter. Seit einem Jahr läuft der Höxter-Prozess vor dem Landgericht Paderborn. Angelika und Wilfried W. sollen zwei Frauen auf ihrem Hof zu Tode gequält haben. Das Verfahren offenbart eine Welt, die verrohter kaum sein könnte. Wir blicken zurück.  Von Claudia Hauser

Es war Anfang Dezember vergangenen Jahres, als Angelika W. vor dem Landgericht Paderborn erzählte, wie sie die Leiche von Anika W. in der Tiefkühltruhe im Keller zersägen musste. Ihr Ex-Mann Wilfried W. habe damit nichts zu tun haben wollen. "Die ganze Maloche damit hatte ich", sagte die 47-Jährige. Nächtelang habe sie die Leiche zerteilt, vier Sägeblätter verbraucht, die Körperteile wickelte sie in Zeitungspapier und verbrannte sie im Ofen im Wohnzimmer. Die Asche durchsiebte sie später nach Zähnen oder Knochenresten, um ganz sicher sämtliche Spuren zu beseitigen. Wilfried W. habe im Sessel gesessen und geschlafen. "Es war ja schön warm."

"Lachen Sie jetzt nicht"

Dieser vierte Tag im so genannten Höxter-Prozess wird allen Beteiligten in Erinnerung bleiben. Angelika W. plauderte mehrere Stunden lang über grausigste Details – und alle im Saal bekamen einen Eindruck von einer Lebenswelt, die verrohter nicht sein könnte. Beflissen beantwortete die Angeklagte sämtliche Fragen des Vorsitzenden Richters Bernd Emminghaus, machte den einen oder anderen Scherz, "Lachen Sie jetzt nicht", sagte sie. "Ich habe mir im Fernsehen diese Doku-Serien über Autopsien angeschaut." Es sei sehr schwer gewesen, den Kopf der Toten zu zersägen. Technisch, meint sie. Aber klar, auch emotional. "Ich hab schließlich auch mal Mensch-ärgere-dich-nicht mit der gespielt, ich kannte die ja." Außer ihr gab es niemanden im Schwurgerichtssaal, der lachte.

Der Fall Höxter – eine Chronologie der Gewalt

Vor einem Jahr startete der Prozess um die Verbrechen auf einem heruntergekommenen Hof in Höxter-Bosseborn. Seit dem 26. Oktober 2016 müssen sich Angelika und Wilfried W. vor dem Landgericht Paderborn verantworten: Angeklagt waren sie wegen zweifachen Mordes durch Unterlassen, die Staatsanwaltschaft wirft dem Ex-Paar außerdem 30 Fälle von Körperverletzung vor. Im Laufe des Prozesses musste die Staatsanwaltschaft vom ursprünglichen Vorwurf abrücken, da die Leiche von Anika W. nie begutachtet werden konnte, es also keine sichere Aussage zur Todesursache geben kann. Susanne F. starb nach einem Sturz an einem Schädelhirntrauma – ein Laie habe aber nach Aussage des Gutachters nicht zwingend erkennen können, dass sie sofort einen Arzt gebraucht hätte. Deshalb geht es nun um versuchten Mord durch Unterlassen. 

"Ich bin lieb, nett und zärtlich"

Über Jahre sollen die beiden Angeklagten, die sich als Geschwister ausgaben, mindestens sechs Frauen auf ihrem Hof in Ostwestfalen gedemütigt und schwer misshandelt haben, Anika W. (33) und Susanne F. (41) überlebten das Martyrium nicht. Kennengelernt hatte Wilfried W. die Frauen über Kontaktanzeigen: "Bauer sucht Frau – Ich bin lieb, nett und zärtlich und suche für eine längere Beziehung eine Frau." Hunderte solcher Anzeigen gab das Paar im Laufe der Jahre in Lokalzeitungen auf. Angelika W. half ihrem Mann dabei, "seine Traumfrau zu finden", wie sie im Prozess sagte. Eine Traumfrau sei sie ja nicht mehr für den 47-Jährigen gewesen.

Im April 2016 kamen die Ermittlungen in dem Fall ins Rollen, nachdem das Paar mit der völlig entkräfteten und schwer verletzten Susanne F. auf dem Rücksitz eine Autopanne hatte. Susanne F. starb im Krankenhaus, das Paar wurde festgenommen.

Die Schwurgerichtskammer muss nun klären, wer der beiden Angeklagten wofür zur Verantwortung gezogen werden kann. Angelika W. hat ein Geständnis abgelegt, eine ganze Verhandlungswoche lang hat sie nur geredet – und ihren Ex-Mann schwer belastet. Ihr Verteidiger Peter Wüller sagt: "Ich habe sie unmittelbar nach der Festnahme kennengelernt und sie hat von Anfang an geplappert wie ein Wasserfall – sie wollte reden, wir haben von morgens bis abends bei der Mordkommission gesessen." Sie habe immer klar gesagt, was Wilfried W. getan habe – aber auch, wofür sie verantwortlich sei. Reue hat Angelika W. nie gezeigt.

"Meine Frau war der Boss"

Fotos: Mordprozess von Höxter – Ex-Ehepaar vor Gericht FOTO: dpa, gki sab jai

Angelika W.s Einlassung steht im vollkommenen Gegensatz zu der ihres Ex-Mannes. Im Prozess schwieg er fünf Monate. Dann redete er fast schüchtern über die Beziehung zu seiner Ex-Frau: "Sie ist ein Sadist", sagte er. Angelika sei eine herrschsüchtige, eifersüchtige Frau, die ihn und die anderen Frauen tyrannisiert und misshandelt habe. Sie erzähle Lügengeschichten, wolle ihm die Taten in die Schuhe schieben. Später zeigte sich Angelika W.s Verteidiger irritiert angesichts einer Missbrauchsgeschichte, die der Angeklagte aus seiner Kindheit erzählt hatte. "Das haben meine Mandantin und ich zum ersten Mal gehört", sagte Wüller. Wilfried W. sagte, er sei immer schon der Mitläufer gewesen, auch in der Beziehung mit Angelika. "Ich bin nicht der Mann, der Anweisungen gibt", sagte er. "Meine Frau war der Boss."

Detlev Binder, der den Angeklagten vertritt, sagte: "Wilfried W. ist gar nicht in der Lage, über Stunden vor dem Gericht zu schauspielern. Alle haben doch gemerkt, wie unsicher er bei seiner Aussage war."

Fest steht: Wilfried W. hat seine erste Ehefrau 1994 so schwer misshandelt, dass sie nur knapp überlebte – die Art der Misshandlungen ähneln denen in der jetzigen Anklage. Fast drei Jahre saß er für die Tat im Gefängnis. Am Rande des Prozesses wurde bekannt, dass das psychiatrische Gutachten vor allem für den Angeklagten schlecht ausfallen könnte – ihm droht Sicherungsverwahrung, weil er weiterhin als gefährlich gelten und sadistische Züge haben soll. 

Rechtsanwalt Wüller sagt: "Die beiden haben in einer fatalen Symbiose gelebt. Wilfried verkauft sich vor Gericht als der große, liebenswürdige Teddybär – das ist er aber nicht." Glaubt man Angelika W., so hat ihr Ex-Mann sie instrumentalisiert, um die Frauen zu erniedrigen. Das System funktionierte offenbar so gut, dass er kaum sagen musste, was seine Ex-Frau tun soll. Sie kannte ihn seit 17 Jahren, gab den neuen Frauen regelrechte Gebrauchsanweisungen für Wilfried W. an die Hand: Immer beim Reden anschauen, ihm nicht ins Wort fallen, schauen, dass seine Teetasse voll ist. Passte etwas nicht, setzte es Schläge. Für Angelika W. war es immer eine Erleichterung, wenn eine andere Frau mit ihnen lebte – sie sagte, dann sei sie selbst nicht mehr so oft gedemütigt und misshandelt worden von ihrem Ex-Mann. Er soll ihr im Laufe der Ehe die Zähne ausgeschlagen oder ihren Arm mit kochend heißem Wasser verbrüht haben. Immer wieder soll er sie mit Bettdecken fast erstickt haben, "Decken, Alte" habe er das genannt.

"Oh, das war ich nicht"

Ermittler entdeckten im Haus später jede Menge Zettel, auf denen die Frauen unterzeichnet hatten, dass sie für diese oder jene Verletzung selbst verantwortlich seien. Christel P. ist eine der Frauen, die die Zeit in der fatalen Dreier-Konstellation überlebt hat: Vor Gericht belastete die 52-Jährige beide Angeklagten schwer. Angelika W. habe sie mit Handschellen und barfuss im Schweinestall angekettet, beide hätten die erniedrigt und geschlagen, Wilfried W. habe ihr einmal mit einer Schaufel ins Gesicht geschlagen, so dass sie blutend zusammenbrach. Er habe sie dann angegrinst und gesagt: "Oh, das war ich nicht." Sein Lachen werde sie nie vergessen. Und die Schaufel sehe sie heute noch in ihre Träumen.

Es bleibt eine schwierige Aufgabe für die Kammer, herauszufinden, wer von beiden hauptverantwortlich ist für den Tod von Anika W. und Susanne F. Am 14. November sollen nach mehr als 30 Verhandlungstagen die psychiatrischen Gutachter zur Schuldfähigkeit der Angeklagten gehört werden.

Ein Urteil wird für Anfang Februar erwartet. 

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