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Streit um Schützenkönig in Werl
Kirche in Werl steht hinter muslimischem Schützenkönig

Streit um Schützenkönig in Werl: Kirche in Werl steht hinter muslimischem Schützenkönig
Mithat Gedik hat beim Schützenfest in Werl-Sönnern im Juli den Vogel abgeschossen und wird von seinen Schützenbrüdern gefeiert. Weil er kein Christ ist, soll der Schützenkönig seine Königskette zurückgeben. FOTO: dpa, cul
Werl. Ein muslimischer Schützenkönig sorgt für Ärger im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften. Der 33-jährige Türke ist im westfälischen Werl-Sönnern integriert. Nun soll er seine Königskette zurückgeben. Die Geschichte sorgt für Empörung im Land.

Der muslimische Schützenkönig Mithat Gedik aus Werl hat Rückendeckung von den Katholiken im Ort bekommen. "Wir haben kein Problem mit dem König. Wir haben ihn herzlich willkommen geheißen", sagte der Werler Probst Michael Feldmann am Montag. Mit einem gläubigen Menschen gleich welcher Konfession hätte er kein Problem, sagte Feldmann. "Bei einem Schützenkönig, der aus der Kirche ausgetreten ist und sich damit bewusst gegen die Kirche entschieden hat, würde ich das anders sehen."

Der Bund Historischer Deutscher Schützenbruderschaften (BHDS) möchte, dass Gedik abtritt, weil er kein Christ ist, wie es die Satzung des Schützenvereins verlangt. "Wir sind ein katholischer Verband, der laut Statut im Sinne der Ökumene auch andere Christen aufnimmt, aber eben keine Muslime, ansonsten verlieren wir unseren Status als katholischer Verband nach dem kanonischen Recht", sagte Vorstandssprecher Rolf Nieborg der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Montag. Der Verband will den türkischstämmigen Mithat Gedik, der bei der Schützenbruderschaft St. Georg im westfälischen Werl-Sönnern Schützenkönig geworden war, nicht anerkennen, weil er kein Christ ist.

Am Mittwoch werden die Vorstände des BHDS' und des betroffenen Mitgliedsvereins über den Fall beraten, wie BHDS-Sprecher Rolf Nieborg am Montag sagte.

Musterbeispiel für Integration

Dabei könnte Mithat Gedik eigentlich als Musterbeispiel für gelungene Integration gelten. Der 33-jährige türkischstämmige Muslim ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, belegte katholische Religion als Abiturfach und leitet als Kaufmann die Niederlassung eines großen Unternehmens in Mannheim. Im westfälischen Werl-Sönnern lebt er mit seiner Frau Melanie und vier Kindern. Er ist in der freiwilligen Feuerwehr aktiv und im Vorstand des örtlichen Schützenvereins.

Doch nun hat Gedik den Vogel abgeschossen und damit eine Diskussion um Brauchtum, Toleranz und Integration losgetreten: Weil er kein Christ ist, soll er seine Königskette zurückgeben. Der "Westfälische Anzeiger" hatte am Wochenende über den Fall berichtet.

"Wir haben doch nicht provozieren wollen, sondern wollten nur ein schönes Schützenfest feiern", sagt Gedik entschuldigend. Beim Schützenfest am 18. Juli war die Welt noch in Ordnung. Gedik brachte den Vogel zu Fall und wurde von seinen St. Georg-Schützenbrüdern gefeiert. Beim Schützen-Gottesdienst sprach der Pastor von christlichen Werten und Integration.

Integration endet beim Vogelschuss

Doch ein muslimischer Schützenkönig - das geht dem Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BDHS) zu weit: Beim Bezirksschützenfest darf der König aus Sönnern nicht antreten. Als Dachverband wacht der Verein auch über die St. Georg-Bruderschaft, wo Gedik aber bereits König ist. Ein Widerspruch?

"Wer lesen kann, ist klar im Vorteil", sagt der Sprecher des BDHS, Rolf Nieborg. "Die haben ihre eigene Satzung nicht gelesen." Heißt: Gedik hätte überhaupt nicht Mitglied der Bruderschaft in Sönnern werden können. In Paragraf 2 der Satzung heiße es, dass die Bruderschaft "eine Vereinigung von christlichen Menschen" sei.

Offenbar habe sich darüber aber niemand Gedanken gemacht, sagte Nieborg weiter. "Es hat ihn wohl niemand nach seiner Konfession gefragt, weil er so gut integriert ist." Nun habe sich der Verein, dem mit dem muslimischen Schützenkönig der Rauswurf aus dem Dachverband droht, entschuldigt. "Die haben einen Fehler gemacht und wollen den korrigieren. Die könnten den König um Abdankung bitten oder ihn zum Bürgerschützenkönig machen", sagt Nieborg.

Integration funktioniert nur oberflächlich

Gedik schüttelt angesichts dieser Forderung nur den Kopf. "Es ist mir völlig unverständlich, dass wir im 21. Jahrhundert solche Diskussionen führen müssen." Er habe in den vergangenen Tagen viel Zuspruch bekommen. "Einige haben gesagt, dass das Ganze doch nichts mehr mit Integration zu tun hat." Besonders bedenklich findet Gedik, dass seinem Brudermeister aus den Reihen des Dachverbandes empfohlen worden ist, ihn zum Konvertieren aufzufordern.

Muslime kritisieren Debatte über Schützenkönig

Bei den Muslimen in Deutschland herrscht angesichts der Debatte Unverständnis. Deren Zentralat (ZMD) rügte, Satzungen von Schützenvereinen, die nur Christen als Schützenkönige zuließen, seien nicht mehr zeitgemäß. "Stets fordert man in der Integrationsdebatte, dass Muslime sich auch in Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und auch Schützenvereinen beteiligen sollen", sagte der Vorsitzende des ZMD-Zentralrats, Aiman Mazyek, der dpa. Er fügte hinzu: "Wir haben immer gesagt: Integration ist keine Einbahnstraße. An diesem Beispiel wird wieder klar, was damit gemeint ist."

Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) hat die Beteiligten im Streit um einen muslimischen Schützenkönig zu einer schnellen Einigung aufgerufen. "Ich hoffe, dass diese Peinlichkeit zügig aus der Welt geschaffen wird", sagte Schneider am Montag der dpa in Düsseldorf. Schneider nannte die Debatte ein "Stück aus dem Tollhaus", der von "Provinzialität" zeuge. Es gebe in NRW inzwischen viele Muslime, die Schützen- oder Karnevalskönige seien. Auch gebe es etwa im Ruhrgebiet keinen christlichen Kindergarten, in dem nicht auch muslimische Kinder integriert seien.

Auch Gedik sagt angesichts der Diskussion, dass Integration in Deutschland nur oberflächlich funktioniert. "Da ist Deutschland doch noch nicht so weit." Das sieht Nieborg anders: "Wenn ich in einen Fußballverein gehe, kann ich auch nicht sagen: "Wir spielen jetzt Handball". Man muss sich an die Satzung halten."

Der Sönneraner Schützenkönig Gedik will nun gemeinsam mit seinen Vorstands-Kollegen überlegen, was zu tun ist. Ein Rauswurf aus dem Dachverband hätte eine Reihe negativer Folgen. Der Wechsel zum Sauerländer Schützenbund, dessen Reglement einen nicht-christlichen Schützenkönig zulässt, ist auch keine Option. "Abtrünnige werden in den anderen Verbänden nicht aufgenommen", sagt Nieborg.

(dpa)
 
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