| 18.39 Uhr

Klimawandel
Bundesregierung sieht Skigebiete in Gefahr

Skigebiete in NRW
Skigebiete in NRW FOTO: Wintersport-Arena Sauerland
Winterberg. Weil die Temperatur in Deutschland seit 1882 in den Wintermonaten um 1,25 Grad angestiegen ist, fürchtet die Bundesregierung, dass damit auch die Schneefallgrenze sinken und der Skitourismus vielerorts aussterben könnte. In den Skigebieten in NRW hält man diese Prognose für übereilt. Wetterexperten sind sich uneins. Von Jessica Kuschnik

Es ist eine finstere Prognose, die die Bundesregierung abgibt: In den kommenden Jahren könnten viele Skigebiete vor dem Aus stehen. Das geht aus der Antwort auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen hervor. Darin heißt es in Bezug auf eine Studie des Deutschen Alpenvereins, dass aufgrund der Klimaerwärmung nur jedes zehnte Skigebiet in Deutschland dauerhaft schneesicher sei. Nur ein Drittel der Gebiete könnte mit künstlicher Beschneiung schneesicher und damit attraktiv gehalten werden.

Ein Grüner befürchtet eine wirtschaftliche Katastrophe

Für eine gute Saison brauchen die Regionen im Schnitt etwa 100 Tage, in denen die Pisten schneebedeckt sind und die Touristen sie voll nutzen können. Heißt unterm Strich: 60 Prozent aller Skigebiete in Deutschland könnten bald auf dem Trockenen sitzen. Die Zahlen der Bundesregierung beruhen auf Berichten des Uno-Klimarats, der OECD und des Deutschen Alpenvereins. 

Grünen-Politiker Markus Tressel fürchtet den wirtschaftlichen Supergau für die Wintersportregionen. "Wenn hier nicht schon heute umgedacht wird, drohen ein massiver Rückgang der Beschäftigung und der regionalen Wertschöpfung einzelne Kommunen zu ruinieren", sagt er.

Widersprüchliche Daten

In NRW bleibt man angesichts dieses düsteren Zukunftsszenarios entspannt. "Dass der Klimawandel da ist, bestreiten wir nicht", sagt Susanne Schulten, Sprecherin der Wintersportarena in Winterberg. "Aber auch wir betreiben Klimamonitoring und kommen zu anderen Werten, die sich auf unabhängige Gutachten stützen", so Schulten.

Die Bundesregierung fürchtet, dass mit einer Erwärmung von zwei Grad die Schneefallgrenze um 300 Meter steigen könnte, und dass Gebiete unterhalb von 900 Metern dann keinen dauerhaften Schnee mehr abbekommen – betroffen wären damit auch die Eifel und das Sauerland. Und ohne anhaltende Schneedecke, so die Befürchtung, bleiben die Wintersporttouristen aus.

Mit Wellness und Wandern gegen die Winterflaute

Dass dies in der Eifel und dem Sauerland katastrophale Folgen für die Wirtschaft der Region haben könnte, glaubt Schulten nicht. Seit den 1990er Jahren investiere man darin, sich breit aufzustellen, mit Schwimmbädern, einer Biker-Arena, Restaurants, Wellnesshotels und Freizeitangeboten abseits des Skitourismus. "Das verlangt der Gast heute einfach, und das ist auch nichts, was man schnell aus dem Boden stampft", so Schulten. Zumal die Wintersaison dort ohnehin nur drei Monate dauerte. Regionen wie die Alpen hingegen, so Tressel, die hauptsächlich von Skitouristen lebten, dürfte es weitaus härter treffen. 

Meteorologe Dominik Jung ist skeptisch, ob das, was die Bundesregierung prognostiziert, tatsächlich so eintreffen wird – zumal diese keinerlei Angaben dazu macht, wann es so weit sein soll, dass die Skigebiete nicht mehr dauerhaft mit Schnee rechnen können. "Die Klimaexperten haben den Vorteil, dass sie sich in 50 oder 100 Jahren nicht mehr rechtfertigen müssen, wenn ihre Prognosen nicht eingetroffen sind", sagt Jung. Zwar gebe es durchaus den Trend, dass die Temperaturen durchschnittlich steigen, "jedoch zu sagen, dass jedes zehnte Skigebiet in einigen Jahren verloren ist, halte ich für Kaffeesatzleserei".

Szenario beruht auf Simulationen 

Andreas Matzarakis vom Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes in Freiburg hingegen erklärt, dass es sich bei der Einschätzung der Bundesregierung um ein Szenario handelt, das bis zum Jahr 2050 bestimmte Regionen in bestimmten Höhenlagen treffen wird. "Es wird in Regionen unter 900 Metern keine Schneesicherheit mehr geben, und auch in den Lagen darüber sieht es nicht rosig aus", meint er. Zwar könne man in einigen Regionen mit künstlicher Beschneiung arbeiten, doch auch da müsse man den hohen Energie- und Wasserbedarf berücksichtigen. "Damit sich ein Skigebiet lohnt, muss es einfach Schneesicherheit geben."

Laut Matzarakis sind dies Simulationen, bei denen es Schwankungen gibt. "Sie beruhen auf Annahmen, die nicht berücksichtigen, wie der Mensch in Zukunft mit dem Klimawandel umgehen wird", so der Klimaexperte. Man wisse nicht, wann dieses Szenario eintritt – es handele sich dabei um einen Trend. So sieht es auch der Uno-Klimarat.

Alternativen für Wintersportregionen

Für Grünen-Politiker Markus Tressel ist in diesem Zusammenhang wichtig, dass Investitionen von der Bundesregierung unter diesem Aspekt eingehend geprüft werden. "Es darf keine Neuinvestitionen von öffentlichen Geldern in die Skiinfrastruktur geben", sagt er, und meint damit Beschneiungssysteme, die über einen Zeitraum von 20 Jahren abgeschrieben werden. "Wir brauchen eine Potenzialstudie, die Alternativen für die Regionen aufzeigt, die mittelfristig Probleme bekommen werden", so Tressel. 

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Klimawandel: Bundesregierung sieht Skigebiete in Gefahr


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.