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Kölner Abikrieg
Rektor für Schulverweis

Köln. Der Leiter eines Kölner Gymnasiums hat sich für harte Strafen für die Krawallmacher ausgesprochen. Eltern, Lehrer und Polizisten sind von der neuen Dimension der Gewalt überrascht. Sie alle rätseln, woher diese Zerstörungswut kommt. Von Jörg Isringhaus und Christian Schwerdtfeger

Schon die martialische Wortwahl verstört. Vom Kölner Abikrieg ist in sozialen Netzwerken die Rede, die Schüler selbst haben den Begriff geprägt; er wurde bereits in den vergangenen Jahren für die sogenannte Mottowoche benutzt. In der Nacht zu gestern war aber die bislang höchste Eskalationsstufe in der Auseinandersetzung erreicht.

Rund 200 junge Menschen traktierten sich im Umfeld des Kölner Humboldt-Gymnasiums mit Gegenständen, die Polizei stellte einen "speerähnlichen" Stock sicher. Zwei 18-Jährige wurden bei den Ausschreitungen schwer verletzt, einer der beiden erlitt eine Schädelfraktur. Bereits am Freitag waren feiernde Schüler auf Polizisten losgegangen, weil diese einen Platz räumen wollten.

Lehrer überrascht von der Zerstörungswut

In der Nacht zu Montag wurden sieben Gymnasien beschädigt; rund 100 Abiturienten lösten 15 Polizeieinsätze aus. Das alles wurde offenbar selbst einigen Schülern zu viel: "Wir, die 12. Klasse des Humboldt Gymnasiums, beenden hiermit den ,Abikrieg'!" schreibt die Gruppe "Schweinerei" auf Facebook.

Die Dimension der Ausschreitungen überrascht selbst langjährige Angehörige des Lehrbetriebs. "Dass Polizisten angegriffen und Waffen benutzt werden, das ist ein Tabubruch und geht weit über das Ausmaß der vergangenen Jahre hinaus", sagt Klaus Kombrink, Leiter des Kölner Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums. Solche Verstöße gegen die Schulordnung müssten hart bestraft werden, notfalls auch mit Verweisen. "Wir haben die Schulleitungen darin bestärkt, keine Toleranz zu zeigen und Strafanzeigen bei der Polizei zu stellen", erklärte auch die Leiterin der Kölner Schulabteilung, Gertrud Bergkemper-Marks.

Die Landesschülervertretung NRW verurteilte die Ausschreitungen ebenfalls. "Wir können uns dieses Verhalten nur damit erklären, dass sich die Betroffenen gegenseitig überbieten wollen bei ihren Aktionen", sagt Landesschüler-Sprecher Sönke Eskeldsen. Von harten Strafen wie etwa einem Schulverweis hält er allerdings wenig. "Das verbaut denen doch die Zukunft", betonte er.

Bei der Frage, worauf diese Entgleisungen zurückzuführen sind, herrscht weitestgehend Ratlosigkeit. Es hätte dafür keine Indikatoren gegeben, sagt Rektor Kombrink, er könne sich das nicht erklären. Viele Schüler seines Hauses hätten sich ausdrücklich von diesem Gebaren distanziert. "Es ist deutlich zu weit gegangen", heißt es auch in dem Facebook-Eintrag der zwölften Klasse des Humboldt-Gymnasiums. Und weiter: "Wir wurden mit Glasflaschen, Böllern, Eiern und Steinen abgeworfen. (...) Ihr habt applaudiert, als Leute von uns blutend auf dem Boden lagen."

"Wir reden von zum Teil schweren Straftaten"

Der Institutsleiter des Düsseldorfer Zentrums für Schulpsychologie, Stefan Drewes, hat den Eindruck, dass einige Jugendliche nur einen Anlass suchen, um zu rebellieren und sich ohne Grenzen auszutoben. Wenn dann noch Alkohol ins Spiel käme, seien viele völlig enthemmt, sagt der Psychologe. "Die Mottowochen haben auch ein bisschen was von Karneval, noch einmal die Emotionen rauslassen, bevor das Lernen für die Klausuren beginnt", betont Drewes.

Kölns Schuldezernentin Agnes Klein sieht bei der Aufarbeitung die Gesellschaft gefordert. "Jugendliche nehmen hier das Abitur als Vorwand, um in ihrer Freizeit Gewalt gegen Mitschüler, Polizisten und Gebäude auszuüben. Wir reden von zum Teil schweren Straftaten, die in keiner Weise zu entschuldigen sind." Sie sagt, die Erziehungsberechtigten seien in der Pflicht, den Kindern ihre Grenzen aufzuzeigen.

Für Regine Schwarzhoff, Vorsitzende des Elternvereins NRW, reicht das nicht aus. Es sei bedenklich, die Schulverwaltung aus der Verantwortung herauszuziehen und diese stattdessen zu delegieren. "Dabei wird den Eltern durch das Bildungssystem doch der Zugriff auf die Kinder immer mehr entzogen", erklärt Schwarzhoff. Das verunsichere viele Eltern. Ein Ergebnis dieser Politik seien Schulabgänger, die auf der Schule unterfordert würden. "Wären sie besser ausgelastet, würden sie nicht auf solche Gedanken wie in Köln kommen", sagt Schwarzhoff.

Die Facebook-Gruppen "Schweinerei" und "Kölsche Gören & Buben" (KGB) zeigten unmittelbar nach den Krawallen mit den zwei Schwerverletzten immerhin Reue. "Wir sprechen unser Beileid an alle aus, die Schäden jedweder Form davontragen mussten", lautet ein Eintrag der KGB.

Quelle: RP
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