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Parkplatznot an Autobahnen
Lkw als tödliche Gefahr auf dem Standstreifen

Motorradfahrer stirbt bei Unfall auf A40
Motorradfahrer stirbt bei Unfall auf A40 FOTO: G�nter Jungmann
Neuss. Weil es an Rastplätzen für Lkw mangelt, weichen immer wieder Fahrer auf den Standstreifen aus. Dort zu parken ist besonders im Dunkeln sehr gefährlich. Doch Trucker, die übermüdet weiterfahren, sind laut Experten die größere Gefahr. Von Laura Sandgathe

Bis 2025 fehlen in Nordrhein-Westfalen noch rund 5000 Autobahn-Stellplätze für Lastwagen. Wer sich diese Zahl des Verkehrsministeriums NRW veranschaulichen möchte, muss einfach mal abends über die A46 bei Grevenbroich fahren. Oder über die A40 bei Grefrath. Oder die A4 bei Frechen. Dort und an weiteren Stellen stehen nachts die Laster nicht nur dicht an dicht auf dem dafür vorgesehenen Parkplatz, sondern auch vor der Rastplatz-Einfahrt und hinter der Ausfahrt auf dem Seitenstreifen.

Die Fahrer machen über Nacht Pause, stehen also zumeist mehrere Stunden dort. Um besser schlafen zu können, schalten manche an ihrem Fahrzeug alle Lichter aus. Und machen es so zum lebensgefährlichen Hindernis für andere Verkehrsteilnehmer. An der A40 bei Grefrath starb Anfang November ein Motorradfahrer, als er auf einen geparkten Lkw prallte.

"Motorradfahrer haben kaum eine Chance"

"Wenn ein Auto oder ein Motorrad mit hoher Geschwindigkeit von hinten auf einen Lkw auffährt, haben die Fahrer kaum eine Chance", sagt Roman Suthold, Verkehrsexperte beim ADAC. Durch die Wucht des Aufpralls werde der vordere Teil des Fahrzeugs unter die Hinterachse des Lkw geschoben - und damit der Teil, in dem der Fahrer sitzt, zusammengedrückt.

"Die Auto- und Motorradfahrer werden bei solchen Unfällen mindestens schwer verletzt, oder schlimmer", sagt Suthold. Doch auch für die Lkw-Fahrer ist das Parken am Rande der Autobahn gefährlich, vor allem, wenn sie das Führerhaus verlassen, um zum Beispiel zur Toilette zu gehen. Zumal die Lastwagen für andere Verkehrsteilnehmer unerwartet auftauchen, wie Verkehrsforscher Rainer Wiebusch-Wothge von der Ruhr-Universität Bochum betont. "Auch ein liegengebliebener Lkw tagsüber ist eine große Gefahr, nur zumeist ist er mit Warnblinker und Warndreieck besser zu sehen", sagt er. 

Trotzdem könne man den Lkw-Fahrern laut Suthold keinen Vorwurf machen. Sie stecken in einer Zwickmühle. Es ist zwar verboten und gefährlich, auf dem Standstreifen zu parken. Doch gleichzeitig müssen sie die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten einhalten. Es sei wichtig, dass sich die Fahrer erholen, sonst steige die Unfallgefahr am Tag. "Ein an der Autobahn parkender Lkw ist gefährlich. Doch ein Trucker, der während der Fahrt übermüdet in den Sekundenschlaf fällt, ist viel gefährlicher", sagt Suthold. Dem stimmt auch Verkehrsforscher Wiebusch-Wothge zu: "Änderungen an den Lenk- und Ruhezeiten wären lebensgefährlich für alle Beteiligten". 

Polizei drückt ein Auge zu

Zudem wird die Nicht-Einhaltung der Ruhezeiten hart bestraft, für das Parken auf dem Standstreifen gibt es dagegen nur ein Bußgeld oder gar nur eine Verwarnung. Die Düsseldorfer Polizei etwa schickt die Fahrer oft einfach weiter mit dem Auftrag, sich einen neuen, leeren Parkplatz zu suchen.

Auch Klaus Bohne handhabt das im Einsatz für Autobahnpolizei so. Er schickt die Fahrer allerdings auch weiter, wenn sie sich zum Schlafen hingelegt haben, um die Ruhezeiten einzuhalten. Denn anders als die Verkehrsexperten vom ADAC und von der Uni Bochum sieht er eine größere Gefahr durch den zu nah an der Ausfahrt abgestellten Lkw als durch die Übermüdung der Fahrer. 

Autohöfe sind zu teuer

Auf der Suche nach einem Parkplatz von der Autobahn abzufahren, ist für die Lkw-Fahrer meist keine Option. "Man darf mit dem Lkw nicht überall parken, außerdem wünschen sich die Fahrer ein bisschen Infrastruktur wie eine Toilette, eine Dusche oder einen Kiosk", sagt Wiebusch-Wothge. Diesen Komfort bieten Autohöfe. Doch hier zu übernachten, kostet die Fahrer im Unterschied zum einfachen Rastplatz an der Autobahn Geld. "Viele Fahrer haben nur ein kleines Spesenkonto, sie können sich diese teuren Rastplätze nicht leisten", sagt Suthold.

Langfristig kann es nur eine Lösung für das Dilemma geben: Mehr Parkplätze. Die Verkehrsplaner und vor allem die Politik müssen ran, sagt Suthold. Doch der Ausbau der Stellplätze kommt nur langsam voran. Nicht selten blockieren Anwohner die Pläne, weil sie keinen Lkw-Parkplatz vor ihrer Haustür haben wollen. Suthold plädiert für unkonventionelle Lösungen: "In Köln zum Beispiel könnten Parkplätze an der Messe oder am Stadion für Lkw-Fahrer freigegeben werden, wenn sie nicht benutzt werden". Alternativ könnten die Fahrer auch versuchen, ihre Routen so zu planen, dass sie bei den Kunden-Unternehmen übernachten. Das sei aber nicht immer möglich, räumt Suthold ein.

Tipp des Experten: Vorsichtig auf Rastplätze fahren

Verkehrsforscher Wiebusch-Wothge schlägt als kurzfristige Lösung vor, die vorhandenen Parkplätze besser zu nutzen: "Man könnte Parkplätze so umbauen, dass mehrere Lkw hintereinander stehen, das spart viel Platz." Die Kapazität auf den vorhandenen Flächen könnte um etwa ein Drittel erhöht werden, schätzt der Experte. Damit das funktioniert, müssten sich die Fahrer allerdings im Voraus in einem System anmelden und angeben, von wann bis wann sie auf dem Parkplatz bleiben wollen. Dann könnten die Lkw "sortiert" werden, damit niemand zugeparkt wird, der eigentlich längst wieder auf der Autobahn sein muss. "Das System gibt es, es wird nur nicht so gern angenommen, weil es Geld kostet", sagt Wiebusch-Wothge.

Bis auf Weiteres werden Parkplätze wohl überfüllt bleiben und Lkw in den Ein- und Ausfahrten parken. Suthold rät deshalb allen Verkehrsteilnehmern: "Seien Sie immer - vor allem nachts - aufmerksam, und fahren Sie vorsichtig auf die Rastplätze". Es könnte ein Laster im Weg stehen.

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