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Schützenkönig bei Kanonenschuss getötet
"Es hätte noch schlimmer kommen können"

Marsberg: Schützenkönig stirbt durch Kanone: Polizei befragt Zeugen
FOTO: RP
Marsberg. Mit Salutschüssen sollte ein Schützenfest im sauerländischen Marsberg feierlich eröffnet werden. Doch plötzlich fliegen Teile der Kanonen durch die Luft und verletzen den 30-jährigen Schützenkönig tödlich. Der Ort steht unter Schock. Von H. Bittner, T. Breitkopf, L. Brook und J. Kuschnik

Trauer und Fassungslosigkeit herrschen gestern an dem Ort, an dem man eigentlich die festliche Schützenmesse feiern wollte. Hunderte Menschen aus Marsberg und den umliegenden Ortschaften besuchen den Trauergottesdienst, in dem sie des 30-jährigen Schützenkönigs gedenken, der am Tag zuvor durch einen tragischen Unfall so schwer verletzt worden war, dass er wenig später während der Behandlung im Krankenhaus starb. Die Kirche ist so voll, dass auch die Orgelbühne für Besucher geöffnet wird. Nur 24 Stunden zuvor war das jährlich stattfindende Schützenfest eröffnet worden. Nach Polizeiangaben wurden beim so genannten Anböllern drei gusseiserne Kanonen gezündet. Dabei kam es zu dem Unglück: Wegen des Drucks seien Metallteile von zwei Kanonen nach hinten geschleudert worden in einen Bereich, in dem auch Freunde, Familie und Hofstaat des Schützenkönigs der Bruderschaft St. Magnus Niedermarsberg 1843 standen. Eines der Teile traf den 30-Jährigen in den Bauch.

Die Kanonen wurden nach ersten Erkenntnissen der Polizei von Mitgliedern eines anderen Vereins gezündet. Der Schützenkönig hatte in einer kleineren Gruppe gestanden. "Es hätte noch schlimmer kommen können", sagt Polizeisprecher Ludger Rath, denn weitere Verletzte gab es nicht. Mehrere Dutzend geschockte Menschen wurden seelsorgerisch betreut. Das Fest wurde sofort abgebrochen. Jetzt ermittelt die Polizei wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Die zuständige Staatsanwaltschaft Arnsberg war gestern nicht zu erreichen.

Schützenkönig stirbt durch Kanonenschuss FOTO: dpa, bt lof

Der Sprecher des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften, Rolf F. Nieborg, geht von einem tragischen Einzelfall aus. "Es ist sehr lange her, dass einmal ein Kanonenrohr geborsten ist", sagte er. In Leverkusen hatte sich ein Schlebuscher Schütze vor drei Jahren schwere Gesichtsverletzungen zugezogen, als beim Laden ein Schwarzpulver-Böller vorzeitig losgegangen war. Der erfahrene Böller-Schütze hatte aus kurzer Distanz beim Ladevorgang in das Abschussrohr geschaut und war dabei von der Explosion überrascht worden. Umstehende erlitten ein Knalltrauma. Auf das Böllern wurde daraufhin in Schlebusch verzichtet.

Arnold Plickert, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, schätzt den Vorfall in Marsberg als Unglück ein. Grundsätzlich besteht laut Nieborg immer die Gefahr einer Materialermüdung, die von außen schwer erkennbar sei: "Deshalb müssen solche Geräte regelmäßig kontrolliert werden. Der Wartungstermin ist alle fünf Jahre bei den Beschussämtern in NRW."

Schützenkönig André Bieker starb durch ein Metallteil, das sich von der Kanone löste. FOTO: St. Magnus Kurier

Das Alter der Geräte spielt keine Rolle

In der Regel prüft der Landesbetrieb Mess- und Eichwesen (LBME) die Kanonen mit einer höheren Belastung, um eine einwandfreie Funktionsweise zu gewährleisten. Das Eichamt in Köln markiert die geprüften Kanonen mit einem Metallstempel samt Datum und Bundesadler. Das Alter der Geräte spielt bei der Sicherheit wegen der hohen Auflagen laut Experten keine Rolle.

Wer eine Böllerkanone bedienen möchte, braucht eine Beschussgenehmigung. Die Prüfung nimmt ebenfalls der LBME ab. In NRW ist dafür das Beschussamt Köln zuständig. Der Schütze muss eine gültige Beschussgenehmigung besitzen und sich seine Fähigkeiten alle fünf Jahre bescheinigen lassen. Anders als in Marsberg, wo die Kanone von den Mitgliedern eines anderen Schützenvereins gezündet worden waren, sind in Neuss dafür städtische Angestellte zuständig. Grund dafür ist, dass die Geschütze nicht von den Schützenvereinen oder Bruderschaften betrieben werden, sondern sich im Besitz der Stadt befinden. Oberster "Kanonier" war dort lange Jahre Bernd Ermbter als Leiter des Außendienstes des städtischen Ordnungsamtes. In Dormagen sind hingegen die Schützenvereine und -bruderschaften für das Böllern zuständig.

"Das Böllern vor großen Festen ist eine sehr alte Tradition"

Heinz Heger ist Mitglied im Artillerieverein Büderich von 1922 und böllert seit vielen Jahren auf Schützenfesten in Düsseldorf und dem Rhein-Kreis Neuss. "Das Böllern vor großen Festen ist eine sehr alte Tradition, in der Regel werden drei Schuss abgegeben, auch beim Abspielen des Gebets beim Großen Zapfenstreich", sagt Heger. Der Meerbuscher bedient drei verschiedene Kanonen. Zwei davon sind Vorderlader. "Die am häufigsten eingesetzte Kanone ist aber ein Hinterlader. Dort werden vorgefertigte und mit Schwarzpulver bestückte Kartuschen geladen." Die Waffe enthalte kein Geschoss, nur Pulver.

In Marsberg geht es nun darum, die Hintergründe des Unglücks zu ermitteln – und das Erlebte zu verarbeiten. "Wir sind sehr, sehr traurig und fühlen mit den Angehörigen, mit der Ehefrau", sagte der Geschäftsführer des Sauerländer Schützenbundes, Wolfram Schmitz.

Quelle: RP
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