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Düsseldorf/Essen
Massenschlägereien um Macht und Ehre

Nachts unterwegs in Duisburg-Marxloh
Nachts unterwegs in Duisburg-Marxloh FOTO: Christoph Reichwein
Düsseldorf/Essen. Immer wieder liefern sich rivalisierende Großfamilien Straßenschlachten. Dabei unterscheidet die Polizei zwischen Konflikten im Roma-Milieu und Auseinandersetzungen bei kriminellen arabischen Clans. Von Christian Schwerdtfeger

Das Universitätsklinikum Essen glich am Sonntagabend einer Festung. Vor dem Gebäude parkten mehrere Einsatzwagen der Polizei. Beamte der Hundertschaft sicherten die Eingänge und Zufahrtswege, kontrollierten verdächtige Autos. Der Grund: Verletzte einer Roma-Familie wurden dort nach einer Massenschlägerei operiert und behandelt. Dutzende Verwandte belagerten deshalb einen Platz in der Nähe des Krankenhauses. Die Polizei befürchtete weitere gewalttätige Auseinandersetzungen. Es kam aber nur noch zu kleineren Tumulten.

Zuvor hatten sich gleich an mehreren Stellen auf dem Essener Stadtgebiet Mitglieder zweier rivalisierender Roma-Familien eine Massenschlägerei geliefert, an der nach Angaben der Polizei rund 100 Personen beteiligt gewesen sein sollen. Mindestens vier Männer wurden zum Teil schwer verletzt.

In Oberbilk stritten erst zwei Brüder, dann prügelten sie auf die Polizisten ein. Familienmitglieder standen drumherum. FOTO: Kai Jürgens

In mehreren NRW-Städten ist es mittlerweile zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Großfamilien gekommen, oder Mitglieder von Großfamilien haben sich der Polizei widersetzt wie unlängst in Duisburg-Marxloh.

Die Essener Familien gehören zur Volksgruppe der Roma und sind in der Regel in den vergangenen Jahren aus Rumänien und den Balkanstaaten wie Mazedonien und dem Kosovo zugewandert. Meist leben sie als Armutsflüchtlinge in deutschen Großstädten und bewohnen manchmal einen ganzen Straßenzug. Die Polizei macht die Südosteuropäer für eine Vielzahl von Diebstählen, Einbrüchen und Raubüberfällen verantwortlich.

No-Go-Area? Duisburg-Marxloh am Abend

In NRW sind besonders Duisburg, Dortmund, Essen und Köln von dieser Armutszuwanderung betroffen. Einige Roma-Familien sind miteinander verfeindet. In ihren Heimatländern, wo sie meist in Armut leben, enden Clan-Fehden oft tödlich. In Deutschland müssen sie sich aber arrangieren, obwohl sie zum Teil direkt Wohnung an Wohnung leben. In Duisburg gibt es zum Beispiel laut Polizei-Ermittlern auf einer Straße zwei sogenannte rumänische Sippen mit je einem Oberhaupt: den Clans der Barbulescht und der Cindera. Beide sind eigentlich verfeindet. Nur das Elend, in dem sie leben, lässt sie ihren Zwist vorübergehend ruhen.

Massenschlägerei bei Schützenfest in Grevenbroich FOTO: Daniel Bothe

Dennoch brechen die Konflikte immer wieder auf - wie jetzt in Essen. Die meisten Streitigkeiten gibt es wegen Frauen. "Wenn etwa ein Mann eine Frau eines anderen Clans heiraten will", erklärt ein Ermittler. "Wenn eines der Oberhäupter damit nicht einverstanden ist, die andere Seite aber dessen Willen nicht respektiert, eskaliert in der Regel die Gewalt, und es kommt zu Massenschlägereien." In der Regel bleiben diese Auseinandersetzungen in ihrem Kulturkreis - und richteten sich nicht gegen die Polizei.

Etwas anders verhält es sich bei den kriminellen arabischen Großfamilien, die sich in einigen Ruhrgebietsstädten sowie in Köln ausbreiten und ganze Straßenzüge für sich reklamieren. "Bei ihnen geht es nur um Macht und Geld", so ein Polizeisprecher. Sie gehen brutal und rücksichtslos vor, um ihre Interessen durchzudrücken. Sie wähnen sich außerhalb von deutschen Gesetzen, die Polizei akzeptieren sie nicht als Ordnungsmacht, attackieren sie sogar, wenn sie in ihre Einflusssphäre eindringt. Auch bei diesen Clans kommt es gelegentlich zu Massenschlägereien. Dann geht es aber um Interessenskonflikte und die Vorherrschaft im kriminellen Milieu.

Die Struktur dieser Clans sei streng hierarchisch, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) zuletzt unserer Redaktion. Es gibt ein Oberhaupt, oftmals der älteste Sohn, der dafür sorgt, dass alle Familienangehörigen zusammenhalten. Viele der heute als kriminell eingestuften Clanmitglieder kamen in den 70er Jahren als Flüchtlinge aus dem Libanon nach Deutschland. Aus Sicht vieler Experten trug auch eine verfehlte Integrationspolitik dazu bei, dass sie sich von Anfang an vom Rechtssystem abwandten. Ihr großer Zusammenhalt sorgt dafür, dass es der Polizei enorm schwer fällt, ihnen Straftaten nachzuweisen. "Die Clan-Mitglieder sagen eigentlich nie gegeneinander aus", so ein Polizeisprecher. Auch verdeckte Ermittler könnten in diese Familien nicht eingeschleust werden.

Quelle: RP