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Alkohol und Prävention
Mehr Fälle von Alkoholmissbrauch in Düsseldorf

Alkohol und Komasaufen: Was sich Teenager antun
Alkohol und Komasaufen: Was sich Teenager antun FOTO: dpa, Jens Büttner
Düsseldorf. Die Zahl der Jugendlichen mit Alkoholvergiftung ist im vergangenen Jahr annähernd gleich geblieben. In einigen Städten wie etwa in Düsseldorf und Mülheim gibt es aber mehr Fälle von Alkoholmissbrauch. Experten sagen: Jugendliche müssen aus ihren Fehlern selbst lernen. Von Franziska Hein

Mehr als 5000 Kinder und Jugendliche aus Nordrhein-Westfalen sind im vergangenen Jahr mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gelandet. 5191 junge Menschen zwischen zehn und 19 Jahren mussten wegen "alkoholbedingter Verhaltensstörungen" stationär behandelt werden, teilte das Landesamt für Statistik am Donnerstag in Düsseldorf mit. Im Vergleich zu 2015 sind das 24 Fälle mehr. Der prozentuale Anstieg ist daher kaum relevant.

Bei Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren lag die Zahl der alkoholbedingten Behandlungen etwa auf Vorjahresniveau. 2016 wurden 611 Patienten zwischen zehn und 14 Jahren wegen einer akuten Alkoholvergiftung im Krankenhaus aufgenommen. Das waren zwölf Fälle mehr als 2015.

Besonders häufig kommen Kinder und Jugendliche an Altweiber und Feiertagen ins Krankenhaus, an denen ohnehin viel Alkohol getrunken wird. Neben Karneval wird auch an Halloween und in den Schulferien zu viel Alkohol getrunken - und das nicht nur von Minderjährigen. "Alkohol ist eine harte Droge, die gesellschaftlich akzeptiert ist", sagt Dr. Hans Martin Bosse, Leiter der Kindernotfallambulanz an der Universitätsklinik in Düsseldorf. Schwankungen der Fallzahlen lassen sich so erklären. Denn in Jahren, an denen das Wetter an Altweiber trocken und mild ist, gibt es mehr Fälle von alkoholisierten Jugendlichen als in Jahren mit nasskaltem oder gar stürmischen Wetter. 

Mehr Fälle von leicht alkoholisierten Kindern

"Wir beobachten seit einigen Jahren, dass mehr alkoholisierte Kinder und Jugendliche zu uns kommen", sagt Bosse. Er spricht von zwei Gruppen von Jugendlichen: Einerseits kommen häufiger Minderjährige, die zwar betrunken sind aber noch gut ansprechbar. Dann sind es oft die Begleitpersonen, die die Kinder ins Krankenhaus bringen, weil sie in der Situation Verantwortung abgeben möchten. Andererseits habe auch die Zahl der volltrunkenen Jugendlichen zugenommen, die oft schon bewusstlos eingeliefert werden. 

Dass erwachsene Begleitpersonen Kinder heutzutage schneller ins Krankenhaus bringen, hänge damit zusammen, dass die Gesellschaft insgesamt vorsichtiger geworden sei und einhundertprozentige Sicherheit wünsche. "Es ist ähnlich wie mit fiebernden Kindern. Da habe ich auch den Eindruck, dass Eltern ihre Kinder hier öfter als früher vorstellen. Es gibt zu Hause vielleicht auch weniger Personen wie Großeltern, die in solchen Situationen Ängste nehmen und pragmatisch helfen", sagt er. 

Nach wie vor steigt der Anteil von betrunkenen Mädchen

Seit Jahren weisen Studien und Statistiken daraufhin, dass auch immer mehr junge Mädchen alkoholisiert ins Krankenhaus eingeliefert werden. Der Anteil der Mädchen, die wegen Alkoholmissbrauchs ins Krankenhaus kamen, stieg auch in NRW im siebten Jahr in Folge. Knapp 48 Prozent aller Fälle sind Mädchen. In Düsseldorf und Mülheim an der Ruhr etwa gab es 2016 wieder mehr Fälle als im Vorjahr.

Der Düsseldorfer Oberarzt Bosse sagt, das Verhältnis von Mädchen und Jungen halte sich in etwa die Waage. Allerdings seien die volltrunkenen, bewusstlosen Patienten öfter Jungs. Mädchen hingegen kämen häufiger mit geringen Auswirkungen von Alkohlkonsum ins Krankenhaus. Sie vertragen deutlich weniger Alkohol und unterschätzen dessen Wirkung häufig, gerade wenn sie in der Gruppe trinken.

Schimpfen und Warnungen bringen wenig

Auf das gesamte Bundesland gerechnet, beträgt der Anteil von Jugendlichen mit einer Alkoholvergiftung etwa 0,3 Prozent an der gesamten Altersgruppe. "Die Sensibilisierung für das Thema ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen", sagt Hans-Jürgen Hallmann, Vorstand der Ginko-Stiftung für Suchtvorbeugung. Prävention kann helfen, die Fälle weiter zu reduzieren. Die Ginko-Stiftung arbeitet gemeinsam mit dem Land und den Kommunen an Projekten. "Wir stellen fest, dass Reden und Warnungen wenig bringen. Stattdessen sollten Jugendliche sich eine eigene Meinung bilden und selbst zu der Erkenntnis kommen, dass zu viel Alkohol schädlich ist", sagt Hallmann. 

Das Projekt "Hart am Limit" (Halt) setzt genau dort an. Die Düsseldorfer Uniklinik macht auch mit. Dort werden Kinder, die wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus mussten, am nächsten Tag noch am Krankenbett angesprochen, wenn der Rausch nachlässt. "Direkt am Folgetag ist ein sehr prägsamer Moment. Uns ist dabei wichtig, nicht zu schimpfen. Aber wir bestehen darauf, dass  die Jugendlichen nach dem Vollrausch über den Umgang mit sich und ihrem Körper nachdenken", sagt Medizinier Bosse. Wenn die körperlichen Folgen noch spürbar sind, ist die Zeit, um den eigenen Alkoholkonsum zu reflektieren. Fast alle Jugendlichen erklärten sich bereit, bei dem Projekt mitzumachen, sagt Bosse.

Nach dem Gespräch am Krankenbett wird dann das örtliche Gesundheitsamt informiert, und eine Fachkraft berät Eltern und Kind zeitnah, wie so etwas in Zukunft vermieden wird und welche Regeln im Umgang mit Alkohol gelten sollten. "Es ist wichtig, dass Eltern den Vorfall ernst nehmen, aber nicht dramatisieren. Jugendliche müssen den verantwortlichen Umgang mit Alkohol lernen." 

 
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