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Mithat Gedik aus Sönnern
Muslimischer Schützenkönig blickt zurück auf "turbulentes Jahr"

Mithat Gedik: Muslimischer Schützenkönig blickt zurück auf "turbulentes Jahr"
Der Schützenkönig Mithat Gedik und seine Frau Melanie beim Schützenfest in Werl-Sönnern im Juli 2014. Gedik ist Muslim, die Schützenbruderschaften aber sind christlich. Das hatte zu einer Debatte geführt. FOTO: dpa
Werl. Bei einem normalen Schützenfest hätte Frank Vollenberg den Vogel abgeschossen, er wäre auf den Schultern seiner Schützenbrüder getragen worden und hätte sicher noch die eine oder andere Runde ausgeben müssen. In Sönnern war das am Wochenende etwas anderes: Hunderte Besucher kamen zusammen, zeitweise gab es sogar eine Live-Schaltung ins Fernsehen.

Denn Vollenberg (23) übernimmt die Schützenkrone im 800-Einwohner-Dorf von Mithat Gedik, dem ersten muslimischen Schützenkönig. Vor einem Jahr hatte dieser unter dem Jubel seiner Vereinskameraden den entscheidenden Treffer gelandet – und für bundesweite Debatten gesorgt.

Denn dass Gedik Muslim ist, war zwar im Dorf für niemanden ein Problem - dem Bund der historischen deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) war seine Krönung aber ein Dorn im Auge. Er hatte Gedik nicht als König akzeptieren wollen, weil er kein Christ ist.

Diskussion verblüffte Gedik

"Wenn Du unter der Vogelstange stehst und schießt, da fragt doch niemand, ob Du schwul, geschieden oder Christ bist", sagt Gedik heute. Deshalb sei er zunächst völlig verblüfft gewesen, welche Diskussion sein Königsschuss losgetreten hatte.

"Das Telefon stand nicht mehr still. Wir haben den Stecker rausgezogen", erinnert er sich. Rund 15.000 Briefe, E-Mails oder Facebook-Nachrichten habe er erhalten. "Die meisten haben den Kopf geschüttelt, was da passiert", sagt der 34-jährige Familienvater. "Es waren auch etwas mehr als eine Handvoll negative dabei. Aber die waren ohne Absender."

Kirche habe immer hinter ihm gestanden

Dafür meldeten sich Integrationsbeauftragte zu Wort, die türkische Botschaft bot ihm Unterstützung an, falls er einen Prozess führen müsse und sogar der Weihbischof habe bei einem Besuch im Ort ein kurzes Gespräch mit ihm geführt. "Der hatte kein Problem damit, dass ich König und Muslim bin", sagt Gedik. Überhaupt habe die Kirche immer hinter ihm und seiner Familie gestanden.

Die Diskussion, die der "Fall Gedik" im Dachverband BHDS angestoßen hat, sei längst überfällig gewesen, meint der 34-Jährige. "Nur dass sich das ausgerechnet an meiner Person aufhängt, hätte nicht sein müssen. Ich wollte nicht unbedingt so eine kleine Berühmtheit werden."

Selbst die Unesco kam ins Spiel

Dass der muslimische Schützenkönig und die Debatte um die Öffnung der Schützenbruderschaften dann sogar die Unesco im Zusammenhang mit der Anerkennung des Schützenwesens als immaterielles Kulturerbe beschäftigte, findet Gedik schade. "Das ist dann wie ein Bumerang zum BHDS zurückgekommen", sagt er. Denn die Anerkennung wurde wegen der Vorfälle erst einmal verschoben. "Dabei hätte das Schützenwesen es verdient, solch eine Anerkennung zu erfahren", sagt Gedik. Er hoffe, dass das noch gelinge.

Auch Gediks Brudermeister Olaf Schmitz, Chef des Schützenvereins in Sönnern, begrüßt, dass endlich Bewegung in die starr christliche Ausrichtung des Verbandes kommt. "Unser Land wird sich verändern und die Vereine müssen doch ein Abbild der Realität sein. Wenn wir uns nicht öffnen, wo sollen wird denn dann die Leute herbekommen um etwas im Dorf zu machen?", fragt er.

Dann betont er lachend: "Wir sind doch alle Türken". Und zeigt auf eine Tafel in der Schützenhalle zur Historie des Ortes. 1816 gab es einen Zollstreit. Und weil die Sönneraner abtrünnig waren, erhielten sie den Beinamen "Türken". Davon zeuge auch der Straßenname "Türkenplatz" im Ort.

BHDS will sich öffnen – eventuell

Der BHDS erarbeite derzeit ein Papier, um sich eventuell etwas zu öffnen, sagt Bundesgeschäftsführer Ralf Heinrichs. Das werde dann auf der Frühjahrstagung des Verbandes beraten. Von der Diskussion um den muslimischen Schützenkönig könnten auch noch andere Gruppierungen profitieren. Denn auch gegenüber homosexuellen oder geschiedenen Schützenbrüdern als Amtsträger hat der Dachverband bislang Vorbehalte. Der Vereinschef der Schützen in Sönnern Schmitz hofft auf eine Veränderung. "Ich bin gespannt, was passiert", sagt er.

Heinrichs macht ihm nicht zu große Hoffnungen. "Wir sind ein christlicher Verband und gehören zur Kirche", sagt er. Und komischerweise schüttele ja niemand den Kopf darüber, dass beispielsweise muslimische Verbände keine christlichen Mitglieder aufnähmen.

(lnw)
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