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Verdünnte Krebsmittel
Mutmaßlicher Medikamenten-Panscher bald wieder frei?

Verdünnte Krebsmittel: Mutmaßlicher Medikamenten-Panscher bald wieder frei?
Nach der Durchsuchung dieser Apotheke war Peter S. vor einem halben Jahr in Untersuchungshaft gekommen. FOTO: dpa
Bottrop. Aus Geldgier soll der Apotheker Peter S. 40.000-fach Krebsmedikamente absichtlich zu niedrig dosiert haben. Nach Pfingsten könnte er aus der Untersuchungshaft freikommen. Von Tobias Jochheim

Rosafarbene, reich verzierte Wände, Fenster mit Rundbögen unter einem Kupferdach, das in mehr als 125 Jahren längst Patina angesetzt hat: Die Alte Apotheke in Bottrop ist ein prächtiger Bau mit großer Vergangenheit, die allerdings von der Gegenwart in den Schatten gestellt wird. Niemand spricht mehr über die originale Inneneinrichtung aus dunklem Holz von 1896 oder davon, dass die schon 1864 ein paar Straßen weiter gegründete Apotheke lange die Telefonnummer 6 hatte. Seit einem halben Jahr gibt es nur noch ein Thema, das die Menschen hier schockiert, elektrisiert und auch spaltet.

Ein-Sterne-Wertungen

In der Bottroper Fußgängerzone wird meist nur hinter vorgehaltener Hand darüber getuschelt, doch umso mehr Klartext steht in den Nutzerbewertungen im Internet. Früher vergaben fast alle Kunden die Höchstwertung von fünf Sternen. Seit einem halben Jahr wimmelt es vor Ein-Sterne-Wertungen.

Eine Frau schreibt dazu: "Zu unserer großen Trauer über den schmerzlichen Verlust meines Mannes und unseres Vaters kommt jetzt noch eine große Wut, wenn sich herausstellt, dass er wegen einer zu niedrig dosierten Krebsimmuntherapie zu früh sterben musste." Eine andere Nutzerin hält dagegen: "Es ist gut, dass ein Mitarbeiter dieser Apotheke den Mut aufgebracht und den entscheidenden Hinweis gegeben hat, dass diesem skrupellosen Menschen das Handwerk gelegt wird." Sie selbst werde weiterhin dort ihre Medikamente beziehen, weil die Angestellten unschuldig seien und nicht mit dem Verlust ihrer Arbeitsplätze für die "Geldgier ihres Chefs" bezahlen sollten.

Der Angeklagte schweigt

Am 29. November 2016 durchsuchte die Kripo Recklinghausen die Geschäfts- und Privaträume des Apothekers Peter S. (46), seit diesem Tag sitzt er in Untersuchungshaft. Zu den Vorwürfen schweigt er beharrlich. Der Verdacht ist ungeheuerlich: Die Staatsanwaltschaft wirft S. vor, in bis zu 40.000 Fällen Infusionen für schwer Krebskranke bewusst verdünnt zu haben – um mit der Differenz zwischen der Menge der angeblich und tatsächlich verkauften Wirkstoffe etwa 2,5 Millionen Euro zu verdienen. Doch die Ermittlungen sind extrem aufwändig, und den Staatsanwälten läuft die Zeit davon. Sechs Monate darf Untersuchungshaft in der Regel maximal dauern. Ein Antrag auf Verlängerung der U-Haft-Zeit liegt seit knapp zwei Wochen beim Oberlandesgericht Hamm, das seine Entscheidung nach Pfingsten bekannt geben will. Sollten die dortigen Richter keinen Grund sehen, S.' Untersuchungshaft zu verlängern, käme er noch am selben Tag auf freien Fuß.

Die Ermittlungen würden deshalb aber nicht eingestellt, und auch das Praktizieren ist S. derzeit untersagt. Das zuständige Gesundheitsamt hat verfügt, dass seine Zulassung bis auf weiteres ruht.

"Die Staatsanwälte trauen sich nicht ran"

, Anwältin für Medizinrecht: "Mein Eindruck ist: Die Staatsanwälte trauen sich an den größten Teil des Skandals, also den medizinischen, überhaupt nicht ran, sondern konzentrieren sich auf den Betrug an den Krankenkassen. Das ist für mich ein falsches Signal." Diehl vertritt mehrere Mandanten, bei denen sich der Krebs plötzlich wieder ausgebreitet hat, anstatt wie erwartet zurückzugehen. "Offenbar wegen gepanschter Medikamente", sagt sie. Dies habe sich nach dem Wechsel der Apotheke gezeigt, weil die Blutwerte der Patienten sofort besser geworden seien. "Zu diesem Zeitpunkt hatten sie aber bereits wertvolle Lebenszeit verloren."

Ob inzwischen auch wegen Körperverletzung ermittelt wird, weiß sie nicht, weil sie keine Akteneinsicht erhält. Generell sei jede Verabreichung von Medikamenten Körperverletzung, allerdings nicht strafbar, wenn der Patient darin einwilligt. Diese Einwilligung gelte aber nur für die vom Arzt empfohlene Dosis. "Jede Gabe eines gestreckten oder gepanschten Medikaments sollte deshalb als Körperverletzung geahndet werden – und hier stehen fast 40.000 dieser Fälle im Raum." Bei dem Gedanken, dass sich diese Vorwürfe bestätigen, "gruselt es mich", sagt Diehl.

Der verdächtige Apotheker selbst hat bis heute nicht ein Wort zu den Vorwürfen gesagt. Dem kaufmännischen Leiter seiner Apotheke, der sich als "Whistleblower" an die Staatsanwaltschaft gewandt hatte, hat er fristlos gekündigt. Über dessen Einspruch dagegen wird derzeit noch verhandelt. Im Handelsregister ist S. seit dem 5. Mai nicht mehr als Inhaber seiner beiden Apotheken verzeichnet; eine Zweigstelle seines Bottroper Geschäfts betrieb er seit Februar 2012 im Grand Arc Medical Center in Düsseldorf-Grafenberg.

Großspender für das örtliche Hospiz

Im Licht der schwerwiegenden Vorwürfe erscheint auch das lange gefeierte Engagement des Apothekers zynisch, denn der eröffnete nicht nur das 1. Winzerfest Bottrop-Kirchhellen 2012 oder finanzierte die Anschaffung eines Bechstein-Konzertflügels von 1902 für die Kulturkirche Heilig Kreuz mit:

Einerseits hat S. für einen zweistelligen Millionenbetrag einen ganzen Häuserblock gegenüber seiner Apotheke aufgekauft, abgerissen und durch einen 6.200 Quadratmeter großen Neubau ersetzt, in dem unter anderem ein Onkologe praktiziert, der seine Medikamente von ihm bezog.

Andererseits hatte er sich jahrelang als Vorsitzender des Fördervereins für Bau und Betrieb eines ganz besonderen Gebäudes eingesetzt, laut "WAZ" unter anderem mit 125.000 Euro aus seinem Privatvermögen: Das Bottroper Hospiz steht nur anderthalb Kilometer von seiner Praxis entfernt.

In einem Zeitungsartikel taucht S. auf als Mitglied des örtlichen Palliativnetzes. Vor zwei Jahren erklärte er: "Der Tod gehört zum Leben – eine Erkenntnis, die leider nicht selbstverständlich ist". Und weiter: In jedem Bekannten- oder Verwandtenkreis komme es irgendwann dazu, dass Menschen sterben. Besonders schwierig sei es, wenn etwa eine unheilbare Erkrankung den Tod bereits absehbar mache.

 
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