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Vorwürfe gegen Klinik in Wuppertal
Mutter fühlt sich nach Entbindung im Stich gelassen

Mutter fühlt sich nach Entbindung in Helios-Klinik Wuppertal im Stich gelassen
Michele Lange mit ihrer Tochter Malou nach dem Kaiserschnitt in der Klinik. FOTO: Lange
Michele Lange wurde vor zwei Wochen zum zweiten Mal Mutter. Die ersten Tage mit Tochter Malou hätte sie gerne in guter Erinnerung behalten. Stattdessen erlebte sie die Zeit nach eigenen Angaben als Albtraum. Per Facebook macht sie der Helios Landesfrauenklinik in Wuppertal Vorwürfe. Von Christina Rentmeister

Michele Lange war zu einem geplanten Kaiserschnitt am 5. August in die Helios Klinik Wuppertal gekommen. Wenige Stunden später war ihre Tochter Malou auf der Welt. Doch nicht die Geburt war für die Mutter ein traumatisches Erlebnis, sondern die Tage danach. In einem Facebook-Post  an das Krankenhaus, der inzwischen mehr als 10.000 Mal teils mit Beschimpfungen gegen die Klinik kommentiert und fast 30.000 Mal geteilt wurde, schreibt sich Lange ihren Ärger von der Seele.

Ihre Vorwürfe:

  • Sie soll nur Fläschchen mit kalter Milch für ihre Tochter bekommen haben
  • Krankenschwestern sollen die Mutter beschimpft haben, weil sie blutverschmiert war
  • Zehn Stunden nach dem Kaiserschnitt habe sie sich alleine waschen sollen
  • Das Dokument für die Werte der ersten Untersuchung für Neugeborene (U1) sei nicht ausgefüllt worden
  • Der Hörtest für Neugeborene sei nicht durchgeführt worden
  • Ihre Tochter sei von den Krankenschwestern lieblos behandelt worden.

"Als Sie mir den Blasenkatheter gezogen haben, haben Sie mich angeekelt angeguckt und gesagt 'Was für eine Sauerei. Ist ja alles durchgeblutet. Sie gehen jetzt sofort auf die Toilette und waschen sich'", schreibt Lange unter anderem und richtet sich damit an ihre Krankenschwester. Zehn Stunden nach dem Kaiserschnitt hätte sie sich kaum bücken können. An alleine waschen sei da nicht zu denken gewesen, sagt sie später im Gespräch mit unserer Redaktion.

"Im Kreißsaal habe ich mich sehr gut aufgehoben gefühlt. Danach, auf der Station, sind meine Tochter und ich aber entweder ignoriert oder schlecht behandelt worden", sagt Lange. Die Mutter wirft der Klinik vor, dass sie für ihre Tochter nur Flaschen mit kalter Milch bekommen habe. Weil sie täglich auf Medikamente angewiesen sei, habe sie nicht stillen können. "Hätte ich gewusst, dass das mit der Milch im Krankenhaus so schwierig wird, hätte ich die Abstilltabletten nicht direkt genommen und irgendwie versucht, meine Tochter doch zu stillen", sagt Lange.

Die Krankenschwester habe darauf bestanden, dass die Milch warm genug sei. Später habe Lange ihren Mann gebeten, die Temperatur zu messen. 29 Grad statt der für Neugeborene üblichen 37 Grad sei die Milch warm gewesen. "Kein Wunder, dass meine Tochter kaum etwas getrunken hat", sagt die junge Mutter. Als ihr Cousin die Flasche später im heißen Wasser aufgewärmt habe, habe Malou auch getrunken.

Die Klinik bestreitet, dass Neugeborenen in der Einrichtung zu kalte Milch gegeben wird. "Die auf der Station unserer Geburtshilfe angebotene Milch wird im Fläschchenwärmer auf 37 Grad vorgewärmt und dann an die Mütter ausgegeben", sagt ein Sprecher. "Das Stationspersonal macht die Mütter darauf aufmerksam, dass bei einer erneuten Gabe von Milch ein neues Fläschchen bestellt werden kann. Beschwerden über zu kalte Milch gab es vor und auch nach dem Aufenthalt der Verfasserin des Facebook-Eintrags nicht. Dennoch haben wir überprüft, ob der Fläschchenwärmer ordnungsgemäß arbeitet, dies war auch der Fall."

Dass die Schwestern sie selbst schlecht behandelt haben, hätte sie noch ertragen können, sagt Lange. Wie lieblos mit ihrer Tochter umgegangen wurde, habe ihr aber das Herz zerissen. "Ich kann mich ja noch wehren. Die Kleine aber nicht", sagt sie. Allerdings sei sie auch persönlich an ihre Grenzen gekommen. "Als die Schwester mir den Katheter gezogen hat und mich zum Waschen geschickt hat, da habe ich mich richtig schmutzig und entwürdigt gefühlt", sagt Lange. Sie hätte mit der Kaiserschnittnarbe schon Probleme gehabt, ihre Tochter aus dem Bett zu heben. Geholfen habe ihr tagsüber aber nur ihre Familie, die ständig im Krankenhaus war, damit sie nicht alleine ist. Sie habe ja auch nicht ständig nach den Schwestern klingeln wollen.

"Eine Schwester hat geschimpft, ich müsse mich endlich um mein Kind kümmern. Das sei unterkühlt. Aber eine zweite Decke gab es für Malou nicht", sagt die Wuppertalerin. Schon am ersten Morgen habe sie das Gefühl gehabt, dass die Krankenschwestern persönlich etwas gegen sie haben: "Zu meiner Bettnachbarin waren sie total liebevoll. Bei mir hat sich der Tonfall dann drastisch geändert. Auch für meine Tochter hatten die Schwestern kein nettes Wort übrig", sagt Lange. Sie vermutet, dass die Krankenschwestern wegen des geplanten Kaiserschnittes oder weil sie nicht stillt Vorbehalte gegen sie hatten. Dabei sei beides medizinisch bedingt und nicht freiwillig gewesen.

Nach drei Tagen entschied Lange auf eigenen Wunsch, das Krankenhaus zu verlassen. Als der Kinderarzt vor der Entlassung feststellte, dass bei Malou noch kein Hörtest gemacht wurde, sei er entsetzt gewesen, sagt sie. Weil das Gerät im lauten Zimmer aber nicht funktionierte, habe man sie an einen niedergelassenen Kinderarzt verwiesen. Der habe dann festgestellt, dass das Dokument zur U1-Untersuchung nicht ausgefüllt gewesen sei, sagt die Wuppertalerin. Durchgeführt habe man sie allerdings. Die Klinik wiederum bestätigt, dass ein Dokumentations-Fehler auf ihrer Seite zu dem leeren Dokument geführt habe.

Klinik-Leitung erschreckt von Kritik

"Mit den nicht geplanten Arztbesuchen waren die ersten Tage ganz schön stressig. Wir mussten schnell einen Termin für die U2-Untersuchung bekommen und ich musste ja auch zum Frauenarzt", sagt Lange. Dafür habe ihre Tochter zu Hause direkt drei Stunden durchgeschlafen und sei genau wie sie entspannter. Auch wenn sie selbst psychisch noch mit den Erfahrungen zu kämpfen habe.

Die veröffentlichte Kritik der jungen Mutter habe die Klinik-Leitung sehr erschreckt, sagt ein Helios-Sprecher. Die Anschuldigungen seien in den vergangenen Tagen aufgearbeitet worden. "Unser erstes Ziel ist es, dass sich schwangere Frauen und Mütter, die gerade ihr Baby zur Welt gebracht haben, bei uns gut aufgehoben fühlen. Ganz offensichtlich haben wir aber hier in der Kommunikation mit der Patientin und bei bestimmten Abläufen Fehler gemacht, für die wir die junge Mutter auch in einem persönlichen Gespräch um Entschuldigung gebeten haben", heißt es seitens des Klinikums. Die Patientin sei emotional offenbar nicht so aufgefangen worden, wie das nach einer Entbindung nötig gewesen wäre.

In dem persönlichen Gespräch sei die Klinikleitung vor allem daran interessiert gewesen, wie sie die Mängel aufarbeiten und beheben könne, so die Wahrnehmung der Mutter. Die Chefs hätten sich zwar bei ihr entschuldigt, sie hätte sich aber gewünscht, von den Schwestern persönlich zu hören, warum sie sie so herablassend behandelt haben, sagt Lange.

Unterstützung für Pflegepersonal

Auch wenn Fehler gemacht worden seien, stehe fest, dass dieser Fall nicht einen generellen Zustand der Geburtsstation beschreibe, sagt der Kliniksprecher. "Nach den zum Teil hasserfüllten Kommentaren, die die Leistung der Mitarbeiter in der Frauenklinik oft insgesamt verunglimpfen, möchten wir uns jedoch an dieser Stelle auch ausdrücklich vor unsere Beschäftigten stellen", betont die Klinikleitung vor allem in Bezug auf die teils heftigen Reaktionen, die Langes Facebook-Post ausgelöst hat.

Durch das nachträgliche Gespräch habe sich auch herausgestellt, dass Milch für ihre Tochter in Abpumpflaschen abgefüllt wurde und nicht in den vorgesehenen Glasflaschen verabreicht wurde, sagt Lange. Die Hygieniker des Krankenhauses sagt jedoch, dass alle Regeln eingehalten wurden: "Zu der Kritik, dass die Babynahrung nicht hätte abgefüllt werden dürfen, gibt es eine klare Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung: Babymilch darf auch im Klinikbereich portioniert werden, wenn sie ,reif geborenen, gesunden Neugeborenen' verabreicht wird."

Psychologische Hilfe, um die Erfahrung zu verarbeiten, habe das Krankenhaus ihr nicht angeboten, sagt die Mutter. Die Klinik betont hingegen, dass man ihr angeboten habe, sie mit unterstützenden Maßnahmen zu begleiten. Dieses Angebot bestehe auch weiterhin.

Lange wiederum spürt nach eigenen Angaben bis heute die Auswirkungen ihres Klinikaufenthalts. "Ich habe nachts Albträume und Panikattacken. Ich wache auf und denke, ich bin immer noch in der Klinik", sagt die Mutter. Eigentlich sollten es schöne Wochen sein, an denen sie sich um die Familie und die ersten Kindergartentage ihres zweijährigen Sohnes kümmern wollte. "Jetzt bin ich in Gedanken die ganze Zeit noch bei den schlimmen Erfahrungen im Krankenhaus", sagt Lange.

Die Klinikleitung habe sie zu weiteren Gesprächen gebeten, um die Situation aufzuklären. "Das schaffe ich nervlich im Moment aber nicht. Ich will jetzt damit abschließen", sagt sie.

(rent)
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