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Immer wieder Angriffe
Sanitäter sollen mit Polizeischutz in Problemviertel fahren

Nach Angriffen: Sanitäter mit Polizeischutz in Problemviertel
Sie kommen, um zu helfen - trotzdem geraten Rettungssanitäter in jüngster Zeit vermehrt in das Visier von Verbrechern. FOTO: dpa, nar soe vfd
Düsseldorf. Der Deutsche Berufsverband Rettungsdienst hat sich dafür ausgesprochen, dass Sanitäter in bestimmte Stadtteile zum Schutz vor Übergriffen von Polizisten begleitet werden sollen. Denn immer häufiger werden Retter Opfer von Gewalt. Von Christian Schwerdtfeger

Die Sanitäter sind im Einsatz, als die Diebe an einer belebten Straße in Gelsenkirchen am Montagnachmittag zuschlagen. Sie haben es auf ein tragbares EKG-Gerät im Rettungswagen abgesehen. Als sie versuchen, es durch eines der Seitenfenster aus dem Fahrzeug zu stehlen, werden sie von einem Passanten gestört. Dieser ruft sofort die Sanitäter, die versuchen, die Kriminellen zu stellen. Die Diebe schlagen ohne Vorwarnung mit Fäusten auf die Rettungskräfte ein und fliehen. Wenig später können sie aber von der Polizei gefasst werden. Es handelt sich um zwei 18 und 44 Jahre alte Männer und eine 36 Jahre alte Frau, die stark alkoholisiert gewesen sein sollen. Es wird geprüft, ob sie dem Haftrichter vorgeführt werden können.

Zwei Angriffe innerhalb weniger Tage

Es ist der zweite Angriff auf Rettungssanitäter in Gelsenkirchen innerhalb weniger Tage gewesen - und ein weiterer Höhepunkt einer bereits seit Jahren andauernden Reihe solcher Attacken im ganzen Land. Seit 2011 stieg nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) die Zahl der Übergriffe auf Polizisten und Rettungskräfte in NRW von 6186 auf 8109 im Jahr 2015 an. Wie in Gelsenkirchen sind die Angreifer dabei häufig alkoholisiert.

Der Deutsche Berufsverband Rettungsdienst fordert deshalb einen besseren Schutz für die Sanitäter. "In Problemviertel, von denen man weiß, dass es dort zu Übergriffen kommen kann, sollten die Rettungswagen mit Streifenwagen-Begleitung fahren, damit sie geschützt sind", sagt der Verbandsvorsitzende Marco König. Wichtig sei es zudem, dass die angezeigten Fälle aber auch von den jeweiligen Staatsanwaltschaften verfolgt werden. "Das ist nämlich leider sehr oft nicht so. Stattdessen hören wir immer wieder von betroffenen Kollegen, dass die Verfahren eingestellt werden. Das ist deprimierend und der eigentliche Skandal", betont König.

Zu wenig Personal bei der Polizei

Auch der Verband der Feuerwehren in NRW unterstützt den Vorschlag, Rettungsfahrzeuge mit Polizeistreife zu eskortieren. Doch das Problem dabei sei, dass die Polizei oft selbst nicht ausreichend Personal zur Verfügung habe, um das zu machen. "Weil es mittlerweile aber wirklich gefährlich ist, in bestimmte Stadtteile zu fahren, begleiten bereits Feuerwehrmänner, obwohl sie keinen eigenen Einsatz haben, Sanitäter zum Schutz zu gerufenen Notfällen", sagt der Landesvorsitzende des Feuerwehrverbandes, Christoph Schöneborn. "Wir müssen sehen, wie wir uns besser vor solchen Übergriffen schützen", betont er. Eine von vielen Möglichkeiten wäre es, Rettungskräfte in NRW künftig mit Pfefferspray und Stichschutzwesten auszurüsten, so Schöneborn. "Wir müssen jetzt alle Optionen prüfen. Denn eines steht fest: Die Übergriffe müssen aufhören. So kann es nicht weitergehen."

Mit dem Thema beschäftigt sich in NRW nun auch eine Arbeitsgruppe im Innen- und im Gesundheitsministerium, der auch Vertreter des Feuerwehrverbandes, der Polizei, der Unfallkasse und der Gewerkschaft für Beamte und Beschäftigte bei Land und Kommunen (Komba) angehören. Erst am vergangenen Freitag hat Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) zudem in einer Videobotschaft Übergriffe auf Rettungskräfte und Polizisten als Indiz für den sinkenden Respekt in der Gesellschaft kritisiert. Denn auch Polizisten werden immer öfter im Dienst angegriffen; nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei (GdP) wird in NRW sogar alle 50 Minuten ein Polizist Opfer einer Attacke.

Wann die Arbeitsgruppe ihre Ergebnisse präsentieren wird, steht noch nicht fest. "Es gibt aber keine Denkverbote. Alles wird in der Runde diskutiert", heißt es aus gut informierten Kreisen. Steffen Schimanski vom Deutschen Roten Kreuz Nordrhein, selbst viele Jahre im Rettungsdienst tätig gewesen, plädiert dafür, dass in der Aus- und Weiterbildung noch mehr Wert auf Deeskalationstrainings gelegt werde. Von der Idee, Rettungskräfte mit Pfeffersprays auszurüsten, hält er nicht viel. "So etwas kann auch das Gegenteil bewirken. Potentielle Angreifer können sich dadurch provoziert fühlen und zuschlagen."

Quelle: RP
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