| 09.52 Uhr

Weißer Ring berät Betroffene
Nicht mehr Opfer sein

Weißer Ring berät Betroffene: Nicht mehr Opfer sein
Artus Libertus wurde vor seinem Haus von Jugendlichen zusammengeschlagen. Er erlitt unter anderem einen Trümmerbruch in der Schulter. FOTO: Hans-Juergen Bauer
Dormagen. Seit 40 Jahren hilft der Weiße Ring Opfern von Verbrechen, ihre Rechte durchzusetzen und Traumata aufzuarbeiten. Artur Libertus aus Dormagen ist dankbar für die Unterstützung. 2012 wurde er verprügelt - mit schweren Folgen. Von Jörg Isringhaus

Für Artur Libertus hat sich das Leben an einem Abend vor vier Jahren gedreht, innerhalb weniger Sekunden. Wenn der 81-Jährige davon erzählt, muss er um Fassung ringen. Zu tief sitzen die Wunden, zu gegenwärtig ist der Schmerz. An dem Abend hatte der Dormagener gegen 23.30 Uhr vor dem Haus Geräusche gehört. Er trat auf die Straße, sah drei Jugendliche, einer schien auf ein geparktes Auto einzuschlagen. "Was soll der Unsinn?", fragte Libertus. Als Antwort rammte ihm einer der Täter ein Knie in den Bauch, Libertus spürte einen Schlag an der linken Schulter, fiel hin, wurde getreten. Genau weiß er das nicht mehr. "Das ging alles in Sekundenschnelle", sagt er. An den Folgen aber laboriert er seit Jahren, körperlich wie seelisch. Unterstützung fand er beim Opferhilfeverein Weißer Ring. "Ohne diese Hilfe wäre ich auf der Strecke geblieben", sagt Libertus.

Als Opfer eines Verbrechens muss man nicht nur die Tat selbst bewältigen. Meist ist das, was danach kommt, schlimmer. Nicht nur, weil man Verletzungen davongetragen hat, sondern auch, weil möglicherweise juristische und bürokratische Hürden zu nehmen sind. Für Libertus war die Zeit von der Attacke bis heute ein langer, mühseliger und desillusionierender Weg. Trümmerbruch im Schultergelenk, lautete der medizinische Befund nach dem Angriff. Den Arm kann er nur noch eingeschränkt bewegen, oft plagen ihn Schmerzen. Am schlimmsten aber fand es Libertus, dass er sich nicht mehr um seine pflegebedürftige Tochter kümmern konnte. "Nachts habe ich wachgelegen", erzählt er, "und immerzu nur gedacht: Wie geht es weiter mit dem Kind?"

Libertus engagierte eine Haushaltshilfe, und er hoffte darauf, dass ihm Gerechtigkeit widerführe. Dass ihn, das Opfer von Schlägern, die Justiz entschädige. Der Täter wurde zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Als Genugtuung habe er das nicht empfunden, sagt Libertus. Dazu sollte der Täter ihm 2000 Euro zahlen, um die Auslagen zu decken, in Raten von 25 Euro monatlich. "75 Euro habe ich bis jetzt bekommen", erzählt der Rentner. "Das war's." Deprimierend sei das gewesen und lange so geblieben. Dass er heute zufriedener sei, verdanke er allein dem Weißen Ring.

Eduard Bales leitet die Außenstelle des Opferhilfe-Vereins im Rhein-Kreis Neuss. Er empfahl Libertus unter anderem einen Fachanwalt und später einen Gutachter. Denn der Landschaftsverband Rheinland weigerte sich, dem Verbrechensopfer eine Entschädigungsrente zu zahlen, weil der Schädigungsgrad unter 25 Prozent liege. Erst das Sozialgericht sprach Libertus die Rente zu. Vor drei Wochen kam der positive Bescheid. "Alleine hätte ich das nicht geschafft", sagt der 81-Jährige. Bales sei immer ansprechbar für ihn gewesen, nicht nur in juristischen Fragen. "Für Opfer ist das sehr wichtig, dass sie schnell Hilfe erfahren", erklärt Bales. "So können wir psychotherapeutischen Rat innerhalb weniger Tage vermitteln. Normalerweise dauert so etwas Monate."

Rund 1200 bis 1500 persönliche Beratungsgespräche führen er uns seine Kollegen in Neuss pro Jahr, in 40 bis 50 Fällen wird materielle Hilfe geleistet. Bales ist pensionierter Kripobeamter und arbeitet seit 1982 ehrenamtlich für den Weißen Ring. Er weiß, dass Verbrechensopfer die Rechtsprechung oft nicht als gerecht empfinden. "Sie fühlen sich vor Gericht nicht ernst genommen", sagt Bales. So sieht es auch Libertus. Der Täter sei zu milde davongekommen, empfindet er. Seine seelische Belastung bleibe. "Und lieber als eine monatliche Rente hätte ich meine Gesundheit zurück."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Weißer Ring berät Betroffene: Nicht mehr Opfer sein


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.