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Ein Landwirt bangt um seine Existenz
"Mir fehlen 8000 Euro Milchgeld im Monat"

Niedriger Milchpreis: "Mir fehlen 8000 Euro Milchgeld im Monat"
Landwirt Alois Landwehr hat 100 Kühe - doch für deren Milch bekommt er aktuell nur noch 21 Cent pro Liter. Molkereien zahlen den Bauern momentan zwischen 17 Cent in Norddeutschland und 29 Cent in Bayern. FOTO: Anne Orthen
Bergisch Gladbach . Alois Landwehr aus Bergisch Gladbach lebt von dem, was seine 100 Kühe hergeben. Bei einem Milchpreis von 21 Cent ist das zu wenig, um die Kosten zu decken. Der Landwirt bangt daher um seinen Betrieb. Von Jörg Isringhaus

Wenn Alois Landwehr das Wort Milch hört, wird er sauer. Weil der Landwirt aus Bergisch Gladbach vor allem von dem lebt, was seine 100 Kühe hergeben – er mit dem Erlös aber nicht mehr seine Kosten decken kann. "In unserer Familie reden wir jeden Tag darüber, beim Frühstück, beim Mittagessen und abends nach der Arbeit", sagt der 64-Jährige. "Wir hoffen nur, dass wir das nächste halbe Jahr überstehen und es danach wieder aufwärts geht."

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Ausgemacht ist das aber noch lange nicht. Der Milchpreis ist im Keller. Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) zahlen Molkereien den Bauern mittlerweile pro Liter Milch zwischen 17 Cent in Norddeutschland und 29 Cent in Bayern. Erst Anfang Mai hat der Discount-Marktführer Aldi die Preise für einen Liter frische Vollmilch von 59 auf 46 Cent heruntergesetzt – das hat Signalwirkung für den gesamten Handel.

Landwehr bekommt derzeit 21 Cent für den Liter, darauf schlägt er noch die Mehrwertsteuer. Trotzdem bleibt der Bauer weit unter seinen Produktionskosten. "Die liegen zwischen 34 und 35 Cent", sagt er. "Uns fehlen im Monat rund 8000 Euro Milchgeld." Rund 38 Cent pro Liter müsste er haben, auch um seine Investitionen zu decken, rechnet Landwehr vor. 40 Cent wären schön – aber weil die Energie zuletzt günstiger war, wäre er mit 38 Cent zufrieden. Mit den derzeitigen Preisen habe der Betrieb auf jeden Fall keine Zukunft.

Viele Höfe halten dem finanziellen Druck nicht stand

So heikel wie jetzt war die Situation für den Landwirt noch nie. Dabei existiert der Hof schon seit drei Generationen. Alois Landwehr hat ihn sukzessive ausgebaut, mit Zukäufen auf 100 Hektar vergrößert. Rund 100 Milchkühe und 150 Kälber gehören zum Betrieb, 950.000 Liter Milch produziert er im Jahr, ist auch in der Zucht aktiv. Angefangen hatte er mit sieben Kühen. "Damals hat man sich gefreut, wenn man am Ende des Jahres 10.000 Mark zum Investieren hatte", sagt Landwehr. "Heute braucht man 100.000 Euro, um etwas zu bewegen. Und das tut unheimlich weh, wenn man einen kleinen schuldenfreien Hof übernommen hat und sieht, wo man heute steht."

Viele Höfe, denen es ähnlich geht wie dem Landwirt aus Bergisch Gladbach, halten dem finanziellen Druck nicht lange stand. Etliche, vor allem kleinere, haben schon aufgegeben. Auch Landwehr hat einen Kredit aufgenommen, bei seiner Hausbank. Die gehe flexibler auf seine Bedürfnisse ein. Von den Millionen-Hilfen, die Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) als Hilfe für die Bauern in Aussicht gestellt hat, hält Landwehr nichts. Die Konditionen der Kredite seien zu schlecht, das erhöhe nur den Druck auf die Betriebe. Lösungen sieht der Milchbauer nur in europaweiten gesetzlichen Regelungen, beispielsweise die Produktionsmenge aller Betriebe um fünf Prozent zu drosseln, um den Markt nicht mit Milch zu überschwemmen.

"Milchgipfel" am 30. Mai

In Deutschland planen CDU und CSU ein Hilfspaket von "100 Millionen Euro plus X". Details stehen noch nicht fest, im Gespräch sind aber Zuschüsse zur Unfallversicherung, Bürgschaften, damit Banken den Landwirten weiter Geld leihen, und Freibeträge zum Abbau von Schulden. Am 30. Mai lädt Minister Schmidt zum "Milchgipfel" – dort will er Erzeuger, Molkereien und den Handel an einen Tisch bringen. Kritik daran kommt vom BDM: Die Landwirte hätten "keine Zeit mehr für eine weitere Gesprächsrunde".

Sonderlich optimistisch klingt auch Landwehr nicht, was die Zukunft seiner Zunft angeht. Schon ohne die derzeitige Situation sei es schwierig, Menschen für den Beruf des Milchbauern zu begeistern. Weil es Einsatz teils rund um die Uhr bedeute. "Wenn die Kühe kalben, muss man auch mal die Nacht durcharbeiten", sagt er. Ohne Milchwirtschaft aber würden seiner Meinung nach "ganze Landstriche kaputt gehen". So sei beispielsweise gerade das Oberbergische von Milchbetrieben dominiert, die letztlich auch Landschaftspflege betreiben.

Landwehr hat neben einem kleinen Hofladen, in dem er Fleischwaren verkauft, eine Milchtankstelle eingerichtet. Dort können die Kunden jederzeit frische Milch abzapfen – für 80 Cent den Liter. Die Mengen, die Landwehr damit umsetzt, sind allerdings gering. "Wenn sich ganz Bergisch Gladbach bei mir versorgen würde, hätte ich keine Probleme."

Quelle: RP
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