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Lastwagen parken auf der Autobahn
In NRW fehlen 5000 Lkw-Rastplätze

Motorradfahrer stirbt bei Unfall auf A40
Motorradfahrer stirbt bei Unfall auf A40 FOTO: G�nter Jungmann
Kempen/Düsseldorf. Weil in NRW Tausende Rastplätze fehlen, parken Lkw vor allem nachts auf den Seitenstreifen der Autobahn. Eine gefährliche Idee. Polizei, Politik und Verkehrsplanern ist das Problem bekannt. Eine schnelle Lösung ist trotzdem nicht in Sicht. Von Laura Harlos und Laura Sandgathe

Der Motorradfahrer hatte am Dienstagabend vermutlich einfach nicht damit gerechnet, dass an der A40 kurz vor dem Rastplatz Tomm Heide bei Grefrath ein Lkw auf dem Seitenstreifen stehen würde. Er prallte mit seinem Fahrzeug gegen den Silo-Auflieger und rutschte unter ihn. Das Motorrad geriet in Brand und entzündete ausgetretenes Granulat aus dem Lastwagen. Die Feuerwehr fand später die Leiche des Kradfahrers unter dem Lkw. 

In der betreffenden Nacht parkten laut Augenzeugen rund 100 Lastkraftwagen rund um den Rastplatz Tomm Heide auf dem Standstreifen. Der Lkw, der in den Unfall verwickelt wurde, war nur der letzte in einer Reihe. Fragt man bei Polizei, dem NRW-Verkehrsministerium oder dem Landesbetrieb Straßen.NRW nach, hört man überall die gleiche Antwort: "Das Problem ist uns bekannt". Eine zeitnahe Lösung hat aber niemand parat.

"Staatsversagen auf ganzer Linie"

"Das ist Staatsversagen auf ganzer Linie – das habe ich Verkehrsminister Groschek persönlich mitgeteilt", sagt Rüdiger Ostrowski vom Verband Spedition und Logistik NRW (VSL). Zurzeit fehlen in NRW laut VSL rund 5000 Lkw-Parkplätze. Dass dieses Problem entstehen würde, war laut Ostrowski absehbar: "Dem Land lagen schon vor Jahren die Prognosen für ein stark erhöhtes Verkehrsaufkommen vor." Ein erhöhter Warenaustausch zwischen Ost- und Westeuropa sei dafür verantwortlich, dass dramatisch mehr Lkw auf den Straßen unterwegs seien. Parallel dazu verlängerte die Politik Ruhezeiten für Lkw-Fahrer. Diese sind also gezwungen, sich irgendwann einen Rastplatz zu suchen  – und wählen mitunter aus Mangel an Alternativen den gefährlichen Seitenstreifen.

Das NRW-Verkehrsministerium weißt die Vorwürfe Ostrowskis zurück. "Wir haben die Prognosen nicht ignoriert, der Bund hat umgehend ein Programm zum Ausbau der Lkw-Stellplätze gestartet", sagte ein Sprecher. Bis Ende 2016 werden demnach in NRW rund 860 neue Stellplätze für Lkw gebaut, ein Drittel davon soll bis Ende Dezember für den Verkehr freigegeben sein.

Doch "das Verkehrsaufkommen durch Lkw wächst mit 30 bis 40 Prozent so rasant, dass wir mit den Baumaßnahmen nicht hinterherkommen". In NRW fehlen Rastplätze vor allem an der A1 bei Dortmund und Köln, an der A2 bei Bielefeld und zwischen Oberhausen und Recklinghausen, an der A4 ab dem Grenzübergang Vetschau bis Kreuz Kerpen, an der A44 bei Dortmund und an der A61 zwischen Bliesheim und Meckenheim. 

Anwohnerproteste behindern den Bau

Nicht nur, dass Landesbetrieb Straßen.NRW und das Verkehrsministerium mit dem Bau der Plätze nicht nachkommen – Proteste von Anwohnern behindern den Fortschritt zusätzlich. So komme es zu langwierigen Genehmigungs- und Anhörungsverfahren. Jüngst sorgte ein auf der A1 in Richtung Münster geplanter Parkplatzausbau um wenige hundert Meter für Proteste bei Anwohnern. Sie fürchteten ein erhöhtes Lärmaufkommen. "Menschlicher Egoismus ist hier ein behinderndes Element", sagt Ostrowski dazu.

Eine mögliche Lösung wäre, zumindest Teile des Güterverkehrs von der Straße zu holen. Doch auch dieses Projekt kommt nicht voran. "Den Güterverkehr von der Straße auf die Schienen zu lenken, ist ein Vorhaben, das von der Politik ständig propagiert wird", sagt Lars Wagner vom Verband deutscher Verkehrsunternehmen, "doch mit der Schienenmaut und weiteren Kosten wie der Stromsteuer ist die Umlagerung für Unternehmen nicht rentabel". Auch die Neuauflage der Lkw-Maut, die ab 2018 auch 3,5-Tonner betrifft, werde in der Summe nichts verändern. "Die Mehrkosten werden dem Kunden aufgehalst, das hat 0,0 Verlagerungswirkung auf die Schienen", sagt Wagner.

Solange weiter Parkplätze fehlen, ist es laut Verkehrsministerium "Aufgabe der Polizei, einzugreifen, wenn Lkw unzulässig, also zum Beispiel auf dem Standstreifen, parken". Doch die Beamten können nur kurzfristig eingreifen. "Wenn wir einen Lkw-Fahrer dabei erwischen, wie er auf dem Standstreifen parkt, schicken wir ihn weiter mit dem Auftrag, sich einen neuen, freien Parkplatz zu suchen", sagt Polizeisprecherin Anja Kynast. Doch die Fahrer können aufgrund der gesetzlichen Ruhezeiten nicht ewig auf der Suche nach einem freien Stellplatz weiterfahren. Dann wählen sie mitunter den gefährlichen Standstreifen als Parkplatz für die Nacht. Kynast appelliert deshalb an die Fahrer, sich rechtzeitig einen Stellplatz für die Nacht zu suchen.

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