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Delegation um Hannelore Kraft in Kunshan
NRW-Firmen erobern China

NRW-Firmen erobern China
Projektleiter Michael Mantzke aus Mönchengladbach soll dafür sorgen, dass qualifiziertes Personal in China ausgebildet wird. FOTO: Roberto Pfeil
Kunshan . In der Millionenstadt Kunshan haben deutsche Unternehmer ein gemeinsames Start-up etabliert. Die Volksrepublik ist ein spannender, aber kein einfacher Markt für Gründer. Von Jasmin Buck

"Xia hai" heißt im Chinesischen "selbstständig machen". Wörtlich übersetzt bedeutet das so viel wie "ins Meer springen". Ein Unternehmen aus Mönchengladbach hat diesen Sprung gewagt: Seit Dezember betreibt die Firma Schiffer Industrieservice ein Büro direkt vor den Toren Shanghais. Projektleiter Michael Mantzke soll dafür sorgen, dass qualifiziertes Personal in China ausgebildet wird, um es päter in den Montagebereich des VW-Werks vermitteln zu können. "Das Geschäft in China ist wichtig. Die Nachfrage nach gutem Personal riesig. Da sollte man einfach investieren", sagt der 51-Jährige.

Die Firma BIW Isolierstoffe aus Ennepetal zieht es seit kurzem ebenfalls ins Reich der Mitte. 250 000 Euro wurden investiert, um künftig nach deutschen Qualitätskriterien produzierte Schläuche für die chinesische Automobilindustrie auf den Markt zu bringen. "Wenn wir in zwei Jahren 400 000 Autos in der Region beliefern können, wäre das ein Erfolg", sagt Projektleiter Hans Jörg Oberberg.

Fotos: RP-Redakteurin Jasmin Buck in China FOTO: RP

Befeuert vom aktuellen Fünf-Jahres-Plan der Zentralregierung wird China auch für deutsche Firmen immer attraktiver. In der chinesischen Millionenstadt Kunshan haben einige von ihnen deshalb vor mehr als vier Jahren ein gemeinsames Start-up gegründet - eine Schnellbrutstätte, um den Marktzugang zu erleichtern.

Auf rund 33 000 Quadratmetern Gewerbefläche ist genug Platz für Fertigung, gemeinsame Verwaltungsarbeiten und Managementexpertise. Inzwischen sind 25 Mittelständler, fünf davon aus NRW, an der Start-up-Factory beteiligt. Sie alle wollen vor Ort als Zulieferer wettbewerbsfähig bleiben. Im überregulierten China spricht man von der "ersten Wohngemeinschaft für deutsche Produzenten im Reich der Mitte".

Duisburg: China-Präsident Xi besucht Hafen FOTO: dpa, fg lre

Doch der Wettbewerb ist hart. China ist kein Ort, an dem einfach Ideen ausprobiert werden können. Was heute angesagt ist, kann morgen schon out sein. Mindestens zwei Jahre bräuchten die Unternehmen, bis sie profitabel seien, sagt Bernd Reitmeier, Gründervater des Projekts. Der gebürtige Bayer wurde im vergangenen Jahr erneut in den Vorstand der Shanghaier Außenhandelskammer (AHK) gewählt, für die er einst 13 Jahre gearbeitet hat. Er habe sich das Start-up-Konzept schon vor mehr als zehn Jahren ausgedacht. Als er seine Idee 2005 für spruchreif hielt, stellte er sie dem Mutterhaus in Berlin vor. Das Urteil: Ein solche Idee passe nicht zu den Aufgaben der AHK.

Doch Reitmeier packte der Ehrgeiz. Er bat die Bezirksregierung in Kunshan um Hilfe - und lief offene Türen ein. Der Bezirk stellte das Bauland und 50 Millionen Yuan (sechs Millionen Euro) für die Errichtung der Fabrik bereit - wohlwissend um das stabile Steueraufkommen für die chinesische Provinz Jiangsu.

Die kleine Edda, Hannelore Kraft und die Blumen FOTO: Michelis

Bis 2016 werden noch einmal rund 25 000 Quadratmeter Produktionsfläche hinzukommen. Mit 40 bis 50 deutschen Firmen an Bord soll die fernöstliche Wohngemeinschaft dann "zu einer großen Familie werden". Garant dafür ist auch, dass Reitmeier und seine 25 Mitarbeiter den Unternehmen viele Aufgaben abnehmen. Sie helfen beim Zoll, bei den Steuern oder bei der Mitarbeitersuche. Dafür wird eine Servicegebühr von rund 5000 Euro pro Monat verlangt.

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bezeichnete die Idee, den größten deutschen Industriepark in China aufbauen zu wollen, als "Pionierarbeit". Die SPD-Politikerin überreichte den fünf Unternehmen aus NRW in Kunshan gestern während einer feierlichen Zeremonie offiziell ihre Geschäftslizenzen. Der Bürgermeister von Kunshan, Lu Jun, versprach, schon bald eine deutsche Straße mit deutscher Gastronomie in der chinesischen Provinz zu eröffnen.

Damit ist sie endgültig ausgebrochen: die deutsche Goldgräberstimmung in der größten Volkswirtschaft der Welt.

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