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Verfassungsschutz
Salafisten agitieren in NRW in 55 Moscheen

NRW: Salafisten agitieren in 55 Moscheen
Außerhalb der Moscheen versuchen Salafisten, mit der "Lies"-Aktion neue Anhänger zu werben. FOTO: Julian Stratenschulte
Düsseldorf. Nach Erkenntnissen des NRW-Verfassungsschutzes verkehren radikale Islamisten in immer mehr Gebetshäusern. Experten fordern von der Landesregierung mehr Präventionsmaßnahmen. Von Detlev Hüwel und Philipp Jacobs

Die salafistische Szene in Nordrhein-Westfalen wächst. Nach Auskunft des NRW-Innenministeriums lag die Zahl der "salafistisch beeinflussten" Moscheen in den zurückliegenden Jahren bei rund 30. Mittlerweile liege die Zahl aber schon bei 55, sagte NRW-Verfassungsschutzchef Burkhard Freier dem WDR. In NRW gibt es rund 850 Moscheen.

Dass inzwischen 55 dieser Einrichtungen als salafistisch beeinflusst bekannt seien, liege aber auch an der erhöhten allgemeinen Wachsamkeit. "Wir bekommen aus der Bevölkerung mehr Hinweise", sagte ein Ministeriumssprecher gegenüber unserer Redaktion. Auch die Moscheevorstände seien inzwischen aufmerksamer gegenüber dem Thema geworden.

Radikalisierung meist im Internet

Die betroffenen Moscheen seien keinem der islamischen Dachverbände zuzuordnen – im Gegenteil: "Diese distanzieren sich vom Salafismus", hieß es. In den Moscheen, die vom NRW-Verfassungsschutz beobachtet werden, träfen sich Salafisten zum Gebet, oder es trete dort auch schon mal ein salafistischer Prediger auf.

Die Gebetshäuser seien auch ein Anbahnungsort und dienten dem Erstkontakt mit Neuzugängen, sagte Freier. Eine Radikalisierung erfolgt nach den Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden aber nicht dort, sondern findet zumeist im Internet statt.

Der Salafismus ist eine erzkonservative Strömung des Islam. Seine Anhänger lehnen die westliche Welt mit Demokratie und Gleichberechtigung von Frauen ab. Zahlreiche Salafisten, die hierzulande radikalisiert wurden, versuchen am Bürgerkrieg in Syrien teilzunehmen. Seit 2012 sind insgesamt 229 Personen dorthin ausgereist, elf davon sogar mehrfach.

Die Zahl der Salafisten stieg in NRW seit 2011 auf inzwischen rund 2700. Die Gefahr durch die Bewegung bleibe hoch, warnte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD). "Wir unterscheiden in der Szene drei Typen", sagte Terrorismusexperte Peter Neumann vom Londoner King's College: "Die gewaltlosen Puristen, die politischen Salafisten und die gewaltbereiten Dschihadisten. Letztere sind mittlerweile nicht mehr in der Minderheit."

Experten fordern Ausweitung des Programms "Wegweiser"

Bei einer Anhörung im Düsseldorfer Landtag haben in dieser Woche zahlreiche Experten mehr Präventionsbemühungen der Landesregierung gegen islamistische Radikalisierung angemahnt. So forderten sie insbesondere die Ausweitung des Programms "Wegweiser", das sich vorwiegend an gefährdete Kinder und Jugendliche richtet und in acht Städten über zentrale Anlaufstellen verfügt, darunter in Dinslaken, Düsseldorf, Duisburg und Dortmund.

Der CDU-Abgeordneten Serap Güler reicht das nicht. "Die Landesregierung braucht Partner vor Ort, also auch die islamischen Gemeinden. Geeignet wäre hierfür das Dialogforum Islam. Die Gespräche über Extremismusprävention finden hier aber nicht statt oder sind viel zu zögerlich." Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie in Osnabrück forderte die Einrichtung einer landesweiten Forschungsstelle, die Radikalisierungsprozesse und Präventionsanstrengungen wissenschaftlich untersucht.

Und Experte Peter Neumann sagt: "Wir müssen uns vor allem fragen, was wir, auch die Islamverbände und die Politik, machen können, was der Salafismus bereits tut. Warum gibt es beispielsweise keine moderate Version von Pierre Vogel, einen charismatischen, eloquenten, internet-affinen, deutschsprachigen Imam?"

Nach Einschätzung des Kinderschutzbundes NRW werden vor allem junge Menschen im Internet aufgerufen, sich den Salafisten anzuschließen.

 
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