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Überflutungsgefahr
NRW-Städte vernachlässigen Hochwasserschutz

Überflutungsgefahr: NRW-Städte vernachlässigen Hochwasserschutz
Der Mehlemer Bach in Wachtberg bei Bonn hatte sich durch den Starkregen zu einem kleinen Fluss entwickelt. FOTO: dpa, aba pil
Bonn. Bislang haben die Kommunen längst nicht alle finanziellen Möglichkeiten genutzt. Experten sagen, dass technische Mittel wie Rückhaltebecken gegen Sturzfluten wie in Bonn wenig bewirken. Von Kirsten Bialdiga und Lena Köhnlein

Eingestürzte Brücken, Wassermassen, die durch Straßen rauschen, und Menschen, die ihre Häuser verlassen müssen - schwere Unwetter haben im Land vielerorts für Katastrophenalarm gesorgt: Die Gemeinde Wachtberg (Rhein-Sieg-Kreis) ist von Starkregen schwer getroffen, ebenso Bonn. In den Stadtteilen Bad Godesberg und Mehlem sind Bäche über die Ufer getreten. Die unterirdischen Kanäle waren den Wassermassen nicht gewachsen. Die Aufräumarbeiten laufen, die Angst der Anwohner vor weiteren Überflutungen bleibt.

Zumindest die Bewohner des Stadtteils Mehlem sind Kummer gewöhnt: Bereits 2010 sowie 2013 habe es Überschwemmungen in Mehlem gegeben, daher sei die Kommune dabei, einen Entlastungskanal zu bauen, sagt ein Sprecher der Stadt Bonn. 2018 soll er fertiggestellt werden. Bad Godesberg sei bislang jedoch nicht in den Plänen berücksichtigt gewesen. "Bis zum jetzigen Zeitpunkt war der Bach dort unauffällig."

Deiche oder Rückhaltebecken helfen unter normalen Bedingungen, das Wasser aufzufangen. Einen absoluten Hochwasserschutz können jedoch selbst sie nicht geben, sagt Jörg Langner, Leiter des Fachbereichs Gewässer beim Niersverband. "Bei starkem Regen ist jedes Becken irgendwann voll." Auch Deiche würden dann an ihre Grenzen kommen, wie in der vergangenen Woche in Hamminkeln und Isselburg, als dort Dämme zu brechen drohten. "Bei lokal begrenztem Starkregen wird auch aus einem kleinen Bach ein großer Fluss", sagt Langner. Dann helfen auch alle technischen Einrichtungen nicht.

Hochwasser an der Issel in Hamminkeln FOTO: dpa, mku fdt

Viele kleinere Flüsse besitzen keine Rückhaltebecken oder Deiche. "Der Aufwand wäre zu groß", sagt Dieter Stein, Betriebsleiter beim Erftverband. "Maßnahmen werden dort ergriffen, wo man in vergangenen Jahren erkannt hat, dass es Bedarf gibt", sagt er. Häufig seien es nicht die Bäche, die Probleme machen, sondern die Wasserflächen, die durch den Starkregen entstehen. "Das Wasser tritt dann gar nicht aus dem Bach heraus", sagt Stein. Für diese Sturzfluten gebe es keinen richtigen Schutz.

Hohe Besiedlung ist ein Problem 

Ein Problem sind auch die hohe Besiedlung und die vielen versiegelten Flächen in NRW. In der freien Landschaft könnte das übertretende Wasser teilweise noch versickern, in bebauten Gebieten ginge das nicht, sagt Langner. Auf Wohnen in Flussnähe könne man aufgrund der Bevölkerungsdichte in NRW jedoch nicht verzichten. "Den Platz kann man nicht einfach freimachen. Wir müssen mit der Situation klarkommen."

Trotz des wachsenden Risikos von Extremwetterlagen haben viele Kommunen in NRW den Hochwasserschutz schleifen lassen. Vor allem bei der Renaturierung von Gewässern hätten Städte und Gemeinden längst nicht alle zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel abgerufen, sagte ein Sprecher des Landesumweltministeriums auf Anfrage.

Von den 80 Millionen Euro, die zur Renaturierung vorgesehen seien, hätten die Kommunen bisher nur einen Teil angefordert. Das könnte sich nun rächen: Viele Gewässer in NRW wurden in den zurückliegenden Jahrzehnten einbetoniert, wodurch sich die Fließgeschwindigkeit erhöht und auch das Hochwasserrisiko steigen kann. Der EU-Wasserrahmenrichtlinie zufolge müssen Europas Flüsse bis 2027 renaturiert werden.

Dagegen sieht NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) das Land beim Deichschutz an großen Flüssen wie Rhein und Ruhr auf einem guten Weg. Dort laufe alles nach Plan, sagte der Sprecher. Auch bei der Ausweisung von Überschwemmungsgebieten hätten die Bezirksregierungen in NRW ihre Hausaufgaben fristgerecht erledigt. Insgesamt seien zwischen 2010 und 2015 knapp 300 Millionen Euro in den Hochwasserschutz an den großen Gewässern investiert worden. Das Kabinett wird in seiner heutigen Sitzung über die Unwetter- und Hochwassersituation beraten. Über die genaue Höhe der Hilfen könne aber erst entschieden werden, wenn die Größenordnung der Schäden abschätzbar sei, hieß es in der Staatskanzlei.

Remmel wird sich am Dienstag in den Hochwassergebieten im Rhein-Sieg-Kreis und im Kreis Wesel selbst ein Bild von der Lage machen. Künftig müssten sich auch die Menschen darauf einstellen, dass es häufiger zu extremen Wetterlagen kommen könne, sagte er. "Durch den ungebremsten Klimawandel werden Starkregenereignisse wie jetzt am Niederrhein oder vor zwei Jahren in Münster häufiger vorkommen", so der NRW-Umweltminister. Auswertungen des Landesumweltamts aus den letzten 100 Jahren zeigten, dass die globale Erderwärmung auch in NRW schon jetzt deutliche Spuren hinterlassen habe.

Quelle: RP
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