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Unterkunft in Oberhausen
Flüchtlinge in Kirche spalten Gemeinde

Kirche in Oberhausen als Flüchtlingsunterkunft
Kirche in Oberhausen als Flüchtlingsunterkunft FOTO: Hans-Juergen Bauer
Oberhausen. 54 Flüchtlinge beherbergt die evangelische Kirche Schmachtendorf in Oberhausen. Die Gemeinde ist zerrissen. Die einen reden von Nächstenliebe, die anderen haben Angst vor den Fremden. Besuch in einer Notunterkunft. Von Philipp Jacobs

Stellwände bilden den Privatbereich. Viel ist es nicht. Zehn, zwölf, vielleicht mal 15 Quadratmeter für drei bis fünf Menschen. Eine Kirche sei kein Ort zum Leben, sagt Baschar Mouamar, sondern zum Beten. Und trotzdem ist er hier, in der evangelischen Kirche Schmachtendorf im gleichnamigen Stadtteil von Oberhausen – um zu leben.

Fotos: Wo Flüchtlinge wohnen können FOTO: dpa, rwe jai

Mouamar ist einer von 54 Flüchtlingen, die das Gotteshaus beherbergt. Es sind Familien. Die meisten Kinder sind im Grundschulalter. Es gibt einen Säugling und eine Schwangere – sechster Monat. Mouamar führt seinen Besucher durch das Kirchenschiff. Die Abtrennwände formen ein kleines Labyrinth vom Eingang bis zum Altar. Von der Empore aus betrachtet wirken die einzelnen Schlafbereiche wie Bienenwaben. Mouamar zeigt seine Wabe. Drei Feldbetten sind zu sehen. Ein Doppel- und ein Einzelbett. Mehrere Decken liegen auf den Matratzen. "Die Nächte sind kalt", sagt Mouamar auf Englisch. In drei Spinden bewahren er, seine Frau und sein kleiner Sohn ihren Besitz auf. Vieles fiel den Flammen Syriens zum Opfer. Natürlich sei alles derzeit besser als sein Heimatland, sagt Mouamar, aber das Leben in einer Kirche sei dennoch "very bad", sehr schlimm.

Es ist eine ungewöhnliche Unterkunft, gibt auch Pfarrer Thomas Levin zu. Doch die Stadt Oberhausen hatte letzten Endes keine Wahl. Die Zahl der Flüchtlinge überstieg alles bisher Dagewesene. Unterbringungsplätze wurden knapp, "also haben wir der Stadt diese Kirche angeboten", sagt Levin. Die Stadt zögerte. Wo sollen die Flüchtlinge essen, sich waschen? Man bräuchte Container hinter der Kirche. Der Plan wurde zunächst verworfen. Als dann immer mehr Busse aus den Erstaufnahmeeinrichtungen kamen, willigte die Stadt schließlich ein. Am 28. Oktober veröffentlichte die Pressestelle den Beschluss. Damit fing der Ärger für Levin an.

Klischees und Vorurteile wurden rausgekramt

Gemeindemitglieder meldeten sich bei ihm. Einige waren erbost. Wieso wurden wir nicht gefragt?, warfen sie Levin vor. Was solle denn jetzt aus dem Viertel werden? Klischees und Vorurteile wurden rausgekramt: Die Immobilienpreise würden fallen. "Die pissen und scheißen doch in die Ecke", sagte ein Gemeindemitglied. Auch ein Informationsabend am 16. November, eine Woche nachdem die Flüchtlinge eingezogen waren, brachte nicht die erhoffte einheitliche Zustimmung. Zwar war das Gros der Gemeindemitglieder für die Entscheidung, aber Protest blieb nicht aus, erinnert sich Levin. Und das wenige Tage nachdem man deutschlandweit Sankt Martin gefeiert hatte. Jenes Fest, bei dem an einen barmherzigen Reiter gedacht wird, der einem Bettler Schutz vor der Kälte gewährte, indem er ihm ein Stück seines Mantels gab.

Doch alle Überzeugungskraft half nichts. Es gab Austritte. Vor allem jene, die in unmittelbarer Nähe zur Kirche lebten, verloren das Vertrauen in ihre Gemeinde. Dabei ist die Kirche Schmachtendorf ein Auslaufmodell. Nur noch wenige Menschen fanden sich in den vergangenen Wochen und Monaten, bevor die Flüchtlinge kamen, zu den Gottesdiensten ein. Nicht selten predigte Thomas Levin nur für einige wenige Zuhörer. Weil das Geld knapp wurde, gab die Gemeinde die Kirche auf. Was mit ihr geschehen soll, ist ungewiss. Abreißen geht nicht. Denn das 1906 erbaute Gotteshaus ist denkmalgeschützt. Für die Gemeinde seien die Flüchtlinge eine Chance, sagt Levin. Er spricht von einer Bereicherung, von Nächstenliebe.

Hintergrund: So läuft das Asylverfahren ab FOTO: dpa, ua fpt

In der Kirche ist es an diesem milden Novembermorgen tropisch. An den Fensterscheiben haben sich kleine Wasserperlen gebildet. Über Nacht kühlte das Kirchenschiff in den vergangenen Tagen so stark aus, dass die Stadt eine provisorische Heizungsanlage installierte, die nun 24 Stunden in Betrieb ist. Ein Flüchtling ist krank geworden. Ein Arzt ist bereits informiert. Nach seiner Sprechstunde will er sich den Patienten ansehen. "Es gibt immer etwas zu tun, wenn ich hier bin", sagt Thomas Levin. Er möchte nach dem kranken Familienvater sehen und führt auf die Empore, auf der ebenfalls Betten aufgestellt sind. An der Treppe fängt ihn Baschar Mouamar ab. "Ich weiß, dass Sie Ihr Bestes tun", sagt Mouamar, "aber das hier ist kein Leben." Thomas Levin nickt, er will Mouamar Mut machen. Levin sagt, es werde nicht mehr lange dauern, bis sie an einem besseren Ort untergebracht werden. Er weiß auch, dass es so schnell nicht passieren wird, aber das sagt er nicht.

"Wir hoffen, dass wir die Flüchtlinge bis Ende Februar, Anfang März neu verteilen können", sagt Stadtsprecher Uwe Spee. Bis dahin soll der Bau einiger Fertighäuser an drei Standorten beendet sein. 400 Unterbringungsplätze sollen so entstehen. Alle Beteiligten wissen: Je länger eine Umverteilung dauert, desto verzweifelter werden die Flüchtlinge. Einige von ihnen sitzen an diesem Morgen mit Winterjacken auf Holzstühlen im Kirchenvorraum. Sie reiben sich ihre müden Augen und starren fast schon apathisch auf den kalten Kirchenboden oder auf ihr Smartphone, ohne es wirklich zu benutzen. Im Hintergrund läuft ein kleiner Fernseher, ZDF, das "Morgenmagazin", niemand schaut hin. Langeweile und Perspektivlosigkeit sind die Zutaten für ein Konglomerat, das traurig macht. Zwar können sich Mouamar und die anderen frei bewegen, doch von Freizeit kann keine Rede sein. Wohin sollen sie schon gehen?

Ein neues Leben beginnen

Mouamar will mit seiner Familie ein neues Leben beginnen. 2008 war er schon einmal für ein Praktikum in Deutschland. Damals war er mitten in seiner Ausbildung zum Medizintechniker. Es war eine kurze Zeit, doch sie reichte, um Mouamar zu beweisen, dass es sich in Deutschland zu leben lohnt. Nachdem in Syrien der Krieg ausgebrochen war, machte er sich wie viele andere auf den Weg.

2600 Flüchtlinge leben derzeit in Oberhausen. Die Bezirksregierung hat mitgeteilt, dass sich die Stadt wöchentlich auf bis zu 100 weitere einstellen sollte.

Bilder aus der Kirche sehen Sie in unserer Galerie.

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