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Essen
76-Jährige Frau verhungert - Sohn muss ins Gefängnis

Essen. Eine 76-jährige pflegebedürftige Frau verhungert in ihrem Schlafzimmer. Ehemann und Sohn sehen tatenlos zu. Kann man ihnen einen Vorwurf machen? Dem Sohn schon, sagen die Richter.

Wochenlang hat ein 78-jähriger Mann aus Essen zugesehen, wie seine Ehefrau in ihrem Bett verhungert ist. Bestraft werden kann er dafür aber nicht. Das Essener Landgericht hat den Ehemann am Montag freigesprochen – wegen Schuldunfähigkeit. Er war schon zu dement, um Hilfe zu holen, heißt es im Urteil. Anders der 47-jährige Sohn, der gleich gegenüber wohnte. Gegen ihn wurden wegen versuchten Totschlags zwei Jahren und neun Monate Haft verhängt.

"Die Frau bestand nur noch aus Haut und Knochen", sagte Richter Andreas Labentz bei der Urteilsverkündung. "Ihr Zustand war nicht schlimm, er war katastrophal." Die 76-Jährige habe schwere Aufliegegeschwüre am ganzen Körper gehabt, ihre Fingernägel seien krallenartig verformt, eine halb offene Operationsnarbe sei nur notdürftig mit Küchenrolle abgedeckt gewesen. Das eingekotete Bett habe nicht einmal ein Laken gehabt. Als der Notarzt aufgetaucht sei, habe die Frau nackt auf einem aufgeschnittenen Plastikmüllsack gelegen.

Der 47-jährige Sohn hatte seine Mutter zuletzt einen Tag vor ihrem Tod gesehen. Laut Urteil war es ihm jedoch völlig gleichgültig, ob sie sterben werde. "Bei dem Geruch im Schlafzimmer hätten eigentlich alle Alarmglocken losgehen müssen", betonte der Richter. Dass der Sohn nicht härter bestraft worden ist, hängt mit seinen eigenen Beeinträchtigungen zusammen. Der 47-Jährige leidet seit seinem dritten Lebensjahr unter Epilepsie und den damit verbundenen Folgeerkrankungen. Laut Urteil war er vermindert schuldfähig.

(heif/lnw)
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