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In der Gewalt der Abu Sayyaf
Henrike Dielen – und ihr Leben nach der Geiselnahme

Philippinen: Das Leben nach der Geiselnahme
"Ich mag den Niederrhein, ich mag Deutschland", sagt Henrike Dielen. Aber die Seglerin bezeichnet die Jacht "Catherine" immer noch als ihr Zuhause. FOTO: C. Reichwein
Niederrhein. Die Niederrheinerin Henrike Dielen segelte um die Welt. Dann wurden sie und ihr Partner von islamistischen Rebellen auf den Philippinen entführt. Sechs Monate war sie eine Geisel der Abu Sayyaf. Von Martina Stöcker

22 Jahre war das Meer ihr Zuhause, nun schläft Henrike Dielen wieder in ihrem alten Kinderzimmer in einer Kleinstadt am Niederrhein. Es ist der Ort, an dem sie zur Ruhe kommt und ihre sechsmonatige Geiselhaft auf den Philippinen in weiter Ferne scheint. Doch seit zwei Wochen kreisen ihre Gedanken häufig um diese Zeit. Denn wieder ist ein deutsches Seglerpaar entführt worden. Die Frau wurde erschossen, der Verbleib des Mannes ist unklar. Bei Henrike Dielen kommen Erinnerungen hoch. Und eine Erkenntnis. "Ich bin so froh, dass ich am Leben bin."

Die 49-Jährige, die 22 Jahre mit ihrem Partner Stefan (74) auf ihrem Boot "Catherine" um die Welt segelte, kannte das Paar. "Wir haben sogar einen gemeinsamen Abend verbracht", sagt sie. Der Entführer ist sogar derselbe Mann: Er nennt sich Abu Rami und ist ein Kommandant der islamistischen Terrormiliz Abu Sayyaf. Von April bis Oktober 2014 waren Henrike Dielen und ihr Lebensgefährte in seiner Gewalt auf der philippinischen Insel Jolo. Wie das Schicksal der anderen deutschen Segler zeigt, haben sie viel Glück gehabt. Im Juni hat die Abu Sayyaf auf den Philippinen einen Kanadier enthauptet, das Schicksal eines Niederländers ist ungeklärt.

Vor der Entführung leben Henrike Dielen und ihr Partner einen Traum: Sie segeln gemeinsam um die Welt. Er ist Kardiologe, hat seine Familie verlassen und seine Praxis verkauft; sie ist ausgebildete Hotelkauffrau und hat auf einer Jacht als Köchin gearbeitet. Über eine Annonce in einer Segel-Zeitschrift lernen sie sich kennen. Er sucht eine Partnerin für den großen Törn. Sie träumte schon als Kind, als sie in Holland Segeln lernte, von einem Leben auf dem Wasser. Sie machen die Leinen in Deutschland los und segeln nach Mauritius, auf die Malediven, zu den Seychellen. Alle drei Jahre kommen sie auf Heimatbesuch, dann geht es zurück aufs Schiff und zur nächsten Trauminsel. 22 Jahre geht das so, sie sind ein eingespieltes Team und führen ein bescheidenes Leben, in dem der größte Komfort Zeit ist.

FOTO: RP

Am Abend des 17. April 2014 sitzen die beiden an Deck ihrer Jacht "Catherine". Sie ankern vor der philippinischen Insel Palawan. Es ist ihr abendliches Ritual, dass sie sich zum Sonnenuntergang einen Drink gönnen, als ein Boot sich nähert. Die Männer tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Pulis" - Polizei. Sie sagen, sie wollen die Yacht durchsuchen, dann fesseln sie die beiden und werfen sie in ihr Boot. "Da war uns sofort klar, dass sie Entführer sind", sagt Henrike Dielen. Die Gefahr war ihnen bewusst, ihre Routen suchten sie immer nach "touristisch sicheren" Zielen aus. Nun aber liegen sie unter einer dreckigen Plane, die Entführer rasen mit ihnen 30 Stunden übers offene Meer.

Der größte Komfort ist Zeit

Sie bringen sie in ein Camp auf der Insel Jolo, wie sie später erfährt. Die Entführer sind nicht begeistert, als sie hören, dass sie Deutsche sind. "Deutschland zahlt kein Lösegeld", sagt Anführer Rami. Anfangs versucht Stefan, gegen die Entführer zu rebellieren. Doch nach einer Woche gibt er auf und zieht sich in sich zurück. Hilflos sitzen sie fest, orientierungslos, ohnmächtig. Sie hungern, Dielen nimmt acht, Stefan 15 Kilo ab. Ihr Lebensgefährte, der Medikamente benötigt, bekommt diese nur selten. Das Paar wird voneinander getrennt, an wechselnde Orte gebracht. Sie sitzen im Dschungel und hoffen, dass nichts passiert. Oder sie verfluchen es, dass nichts passiert. "Das bedeutete ja auch, dass sich an unserer Situation nichts änderte", stellt Dielen fest. Sie sprechen auch über Suizid. "Wir hatten uns unsere Träume erfüllt - sogar mehr, als wir uns gewünscht haben", sagt sie. Der Tod ist nicht das Schrecklichste, sondern die Misshandlungen - und vor Schmerzen nicht denken zu können.

 "Ich war beinahe im Himmel"

Zunächst versuchen die Entführer Kontakt zu ihren Familien aufzunehmen. Henrike Dielen soll ihren Bruder anrufen, kennt aber die Nummer nicht auswendig. Schließlich findet der Anführer sie unter ihrer Anleitung über www.dasoertliche.de heraus. Sie will nicht, dass ihre Familie zahlt. Sie könnte es auch nicht. "Das ist nicht fair: Sie arbeiten 20 Jahre, und ich mache 20 Jahre Urlaub, und dann sollen sie sich für mich verschulden? Das kam für mich nicht in Frage", sagt die 49-Jährige. Dann soll sie Kontakt mit der deutschen Botschaft aufnehmen. Rami und seine Männer fordern 4,5 Millionen Euro. Werden die nicht gezahlt, werden die Geiseln enthauptet, sagen sie.

Aber es passiert nichts, die Verhandlungen ziehen sich. Die Entführer lassen ihre Wut an Stefan aus, Henrike Dielen wird verschont. Aber er wird verprügelt, mit Scheinhinrichtungen gequält. Mehrmals lässt man Henrike Dielen glauben, es wäre vorbei. Ihr Partner muss in eine Grube steigen. Das ist sein Grab, sagen die Entführer, wir bringen deinen Mann um. Nach Stunden oder Tagen bringen sie ihn dann zurück. "Ich war beinahe im Himmel, und das war gut so", sagt er einmal zu ihr.

"Ich wehre mich gegen die Angst"

Nach einem halben Jahr werden sie vom philippinischen Militär befreit, ein Krisenstab im Auswärtigen Amt bemühte sich um die Freilassung - angeblich ist kein Lösegeld geflossen. "Ich habe die Entführung ganz gut verarbeitet. Zum Glück", betont Henrike Dielen. Sie hat ein Buch geschrieben ("Der entführte Traum", Rowohlt, 10,99 Euro), um sich von dem seelischen Ballast zu befreien. Die "Catherine" liegt noch in Asien in einem Hafen. "Unser Schiff wartet auf uns", sagt sie lächelnd und meint doch nur "auf mich". Denn ihrem Partner haben die Quälereien sehr zugesetzt, sie leben nicht mehr zusammen.

Hat sie denn keine Angst? "Ich wehre mich gegen die Angst", sagt sie. Sie müsse ja nicht auf die Philippinen zurückkehren. In Malaysia habe sie sich zum Beispiel immer sicher gefühlt. Sie fragt sich auch, ob die Entführung passiert ist, um ihrem Leben eine Wendung zu geben. "Aber ich mache mir keine Sorgen, alles wird sich für mich finden." Sie mag den Niederrhein, sie mag Deutschland. Die deutschen Regeln mag sie nicht. "Aber sie haben mir das Leben gerettet", stellt sie fest.

Quelle: RP
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