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Düsseldorf
NRW-Polizei kommt auf 3,6 Millionen Überstunden

So arbeitet ein Spezialeinsatzkommando (SEK)
So arbeitet ein Spezialeinsatzkommando (SEK)
Düsseldorf. Die rund 40.000 Polizisten in NRW schieben einen gewaltigen Berg an Überstunden vor sich her. Am meisten belastet sind die Beamten in der Einsatzbereitschaft, die bundesweit Fußballspiele und Demonstrationen schützen müssen. Von Christian Schwerdtfeger

Wer zur Bereitschaftspolizei möchte, muss teamfähig sein, Mut besitzen und über starke Nerven verfügen, heißt es unter anderem im Anforderungsprofil für die Bewerber. Die Mission in dieser Einheit sei es, zur Stelle zu sein, wenn man gebraucht werde. Der Arbeitsplatz: im Mittelpunkt des Geschehens. Das Einsatzgebiet: die gesamte Bundesrepublik. Die Aufgaben: verschiedene Einsatzverfahren wie Überwachungs- und Objektschutz, Durchsuchungen und Festnahmen. Was dort nicht steht, aber stehen sollte: Bereitschaft, an fast jedem Wochenende im Jahr zu arbeiten mit geringer Chance, die Überstunden abzubauen.

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Insgesamt gibt es in NRW rund 40.000 Polizeibeamte. Zusammen kommen sie auf etwa 3,6 Millionen Überstunden. Die Bereitschaftspolizisten schieben bei weitem den größten Berg an Mehrarbeit vor sich her, weil sie täglich bei einer Vielzahl von Einsätzen in ganz Deutschland beteiligt sind. Bei Demonstrationen und Fußballspielen sind sie etwa der Puffer zwischen zwei rivalisierenden, meist gewalttätigen Gruppen. Über sich selbst sagen Bereitschaftspolizisten: "Wo wir sind, ist vorne."

Der Bereitschaftspolizei gehören in NRW 18 Hundertschaften an. Eine Einheit besteht aus drei Zügen mit jeweils 38 Polizisten und einer neunköpfigen Führungsgruppe - also insgesamt 123 Personen. Sie arbeiten im Schicht- und Wechseldienst von 6 bis 14 und 13 bis 21 Uhr. Dieser Zeitrahmen ist aber eher als eine Art Richtwert zu betrachten. Die Realität sieht anders aus. Denn die Demonstrationen, Kundgebungen und Fußballspiele fallen selten in diese Dienstzeiten. "Derzeit sind Einheiten jede Woche in Ostdeutschland im Einsatz bei den Pegida-Kundgebungen in Leipzig und Dresden", sagt Arnold Plickert, NRW-Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Sie unterstützen dort die örtliche Polizei. Versorgt werden die Beamten an den Einsatzorten meistens durch mobile Suppenküchen externer Caterer. Nach den Demonstrationen geht es direkt wieder zurück nach Hause. Die An- und Abreise dauert für die Einsätze im Osten mehr als zehn Stunden. "Schon jetzt haben unsere Hundertschaften in diesem Jahr doppelt so viele Einsätze in anderen Bundesländern geschoben als im gesamten vergangenen Jahr", erklärt Plickert.

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Dabei liegt der Großteil der Arbeit im eigenen Bundesland. Ein ganzer Zug der Bereitschaftspolizei ist zum Beispiel seit Jahresbeginn in Duisburg-Marxloh im Kampf gegen kriminelle libanesische Großfamilien gebunden. Rund weitere 100 Beamte registrieren derzeit Flüchtlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen. Hinzu kommen aktuell noch die kräftezehrenden Sicherungsmaßnahmen nach den Anschlägen in Paris wie etwa die verstärkte Präsenz auf Weihnachtsmärkten. Auch die neue, noch im Aufbau befindliche Antiterroreinheit soll zu großen Teilen aus Reihen der Bereitschaftspolizei bestehen. "Dadurch werden auch noch Lücken gerissen, ohne zu wissen, wie diese gestopft werden sollen", sagt ein Insider. Nicht nur er fragt sich, wie das alles noch zu bewältigen sei.

Die Millionen Überstunden, die angefallen sind, müssen innerhalb von drei Jahren abgebaut werden. Danach verfallen sie - was mehrheitlich auch passiert. Ein Unding, findet die Gewerkschaft der Polizei und fordert die Einführung von Langzeitkonten. "Es kann doch nicht sein, dass man Überstunden macht und gleichzeitig davon ausgehen muss, dass man diese nicht abbauen kann", betont Plickert.

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Weil durch die angespannte Sicherheitslage in den kommenden Jahren bei der Polizei eher noch mehr als weniger Überstunden anfallen, sollte zudem die Möglichkeit bestehen, sich die Mehrarbeit auszahlen lassen zu können. Dafür müsste die Landesregierung einen Topf bereitstellen, aus dem zumindest ein Teil bezahlt werden könnte, fordert die Gewerkschaft. Doch danach sieht es derzeit wohl nicht aus.

Quelle: RP
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