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Projekt Heroes in Köln und Duisburg
Gegen Sexismus im Namen der Ehre

Projekt Heroes in Köln und Duisburg: Muslimische Männer kämpfen für Gleichberechtigung
Religion, traditionelle Vorstellungen von Ehre und ein modernes Leben in Deutschland: Heroes kämpfen gegen überholte Traditionen. FOTO: dpa, obe fdt
Düsseldorf . Sie sind muslimische junge Männer, die für Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern eintreten, die gegen Sexismus sind und gegen patriarchalische Strukturen. Im Heroes Projekt in Köln und Duisburg kommen sie zusammen und lernen, wie man sich gegen traditionelle Ehrvorstellungen wehren kann.  Von Susanne Hamann

Sich unerschrocken für eine Sache oder andere einsetzen - das ist es, was einen Helden ausmacht. Im Projekt "Heroes" (engl. für Helden) sollen junge Männer mit Migrationshintergrund eben das lernen: Nein sagen, wenn der Vater sie losschickt, um ihre Schwester zu überwachen. Nein sagen, wenn die Eltern sie auffordern, bedingungslos zu gehorchen. Und nein sagen, wenn Freunde oder Verwandte auf den traditionellen Ehrenkodex pochen.

Damit das gelingt, hat "Heroes" ein klares Konzept: Ein Jahr lang durchlaufen die 16- bis 23-Jährigen regelmäßige Gesprächsrunden, Rollenspiele, besuchen Museen, treffen andere Heroes-Gruppen, und vor allem haben sie ein Jahr lang permanent einen Ansprechpartner in ihrem Gruppenleiter. Der kommt selbst aus einem "Ehrenland", wie die Heroes es nennen, kann sich deswegen gut in die jungen Männer einfühlen - und wird von ihnen akzeptiert. Am Ende der Zeit bekommen alle ein Zertifikat, werden somit selbst zu "Heroes" und können ab dann gemeinsam mit ihrem Gruppenleiter Aufklärungsworkshops in Schulen abhalten. Vorbild ist das gleichnamige Berliner Pilotprojekt. In Berlin-Neukölln läuft die Initiative seit 2007 sehr erfolgreich.

In Duisburg öffneten die Türen 2011. Inzwischen wird hier die vierte Gruppe ausgebildet. 2014 startete der Kölner Ableger, dort läuft gerade die zweite Gruppe. Alle Teilnehmer sind in Deutschland geboren, der Migrationshintergrund ist jedoch breit gefächert: Türkei, Uganda, Libanon, Palästina, sogar ein Italiener ist darunter. Gesamtschule, Gymnasium oder Auszubildender sind die gängigen Ausbildungshintergründe. "Sie alle verbindet aber die gleiche Motivation: Sie merken, dass etwas falsch läuft in ihrem Umfeld", sagt Maggie Böhler, Koordinatorin in Köln. "Die eine Hälfte hat das Bedürfnis, den gängigen Vorurteilen in Deutschland gegen Muslime etwas entgegenzusetzen. Die andere Hälfte hat selbst erlebt, was es bedeutet, Ehrenvorstellungen erfüllen zu müssen. Nicht jeder will seine Schwester kontrollieren oder ständig seinem Vater Gehorsam zeigen. Und was auch viele vergessen ist, dass in den Ehrenkulturen auch Männer zwangsverheiratet werden." 

Nein sagen lernt man in Rollenspielen

In Rollenspielen sollen die jungen Männer lernen, wie es sich anfühlen kann, gegenüber Autoritäten "Nein" zu sagen, und neue Lösungsmöglichkeiten für schwierige Momente erproben. "Besonders emotional ist für die Jungs die Szene, in der wir spielen, dass die Schwester nachts noch draußen unterwegs ist, und der Vater vom Sohn verlangt, sie holen zu gehen", sagt Burak Yilmaz, Gruppenleiter bei den Duisburger Heroes. "Wenn die Jungs dann üben "Nein" zu sagen, oder auch ihren Standpunkt klarzumachen, merkt man, dass es für sie ein intensiver Befreiungsmoment ist - auch im Rollenspiel." 

Einmal pro Woche für rund drei Stunden treffen sich die Heroes für diese Maßnahmen. Aber das wichtigste sind nicht die Aktivitäten, das wichtigste ist die Ansprache. "Die Jungs dürfen hier absolut alles sagen, was ihnen durch den Kopf geht. Auch Äußerungen wie "Die Frau gehört in die Küche" sind nicht tabu, aber eben unter der Bedingung, dass wir anschließend darüber sprechen", sagt Jaouad Hanin, Gruppenleiter bei Heroes in Köln.

Ein straffreier Raum für Gedanken

So entsteht ein straffreier Raum für Gedanken, in dem viele der Jungs verarbeiten können, wobei ihnen sonst niemand hilft: Was zeichnet einen ehrenvollen Menschen wirklich aus? Warum gehen Menschen mit der gleichen Religion zum IS oder werden Salafist? Wie sind Bilder in den sozialen Medien zu bewerten, auf denen etwa eine halbnackte Frau zu sehen ist, und darunter steht "Eine echte Frau lässt ihren Mann niemals hungrig zu Bett gehen"? Und nicht zuletzt: Wie geht man mit Gegenreaktionen aus dem Umfeld um?

"Zivilcourage ist nicht einfach", sagt Jaouad Hanin. Nicht alle Eltern sind damit einverstanden, dass ihre Kinder zu den Heroes gehen, hinzu kommen Freunde, die ihnen vorwerfen, keine Männer mehr zu sein. Und die jungen Männer müssen mit einer dritten Komponente fertig werden: "Zuhause sollen die Jungs dem Vater gehorchen und dürfen nicht wiedersprechen, in der Schule aber sollen sie kritisch denken und diskutieren. Diese Situation zerreisst sie innerlich, und macht viele ratlos und wütend." Gefühle, mit denen sie bei Heroes umzugehen lernen. 

Ein Integrationsprojekt ist es dennoch nicht. Aber es könnte eines werden. Den Koordinatoren wäre das sogar Recht. "Wir verstehen, dass Menschen aus ehrenkulturellen Milieus Probleme haben, das betrifft auch einige Geflüchtete, wenn sie nach Deutschland kommen. Gerade für sie wären solche Angebote in Zukunft unheimlich wichtig", erklärt Susanne Lohaus von den Heroes in Duisburg.

Ihr größtes Problem, ebenso wie das der Regionalgruppen in Köln oder Berlin, ist jedoch die geringe Zahl an Betreuern. Die ist jetzt schon zu gering, um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. In Duisburg gibt es bereits erste Anmeldungen für die Gruppe 2017. In Köln wird derzeit nach neuen Betreuern gesucht, um die nächste Runde, die eigentlich im Mai 2016 starten soll, überhaupt gewährleisten zu können. Angebote für Flüchtlinge sind deshalb bislang nicht möglich.

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