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Prozess gegen "Satanisten von Witten"
Wichtigste Zeugin verstrickt sich in Widersprüche

Prozess in Bochum: Wichtigste Zeugin verstrickt sich in Widersprüche
Daniel W. sitzt wegen Mordes im Gefängnis. Aus der Haft heraus soll er einen weiteren Mord geplant haben. FOTO: dpa, bt eir
Im Prozess gegen den "Satanisten von Witten" scheint eine Verurteilung unwahrscheinlich. Die Frau, die behauptet, der 41-Jährige habe sie zu einem Mord angestiftet, verwickelt sich vor dem Bochumer Landgericht in Widersprüche. Das Urteil wurde verschoben. Von Claudia Hauser, Bochum

Die Vernehmung der Zeugin Paula K. (Name geändert) läuft auch am zweiten Prozesstag im Bochumer Landgericht schon seit Stunden, als der Angeklagte Daniel W. ihr eine Frage stellt: "Haben Sie stets die Wahrheit gesagt?" Es ist eine wichtige Frage in dem Verfahren, das "mit der Aussage dieser Zeugin steht und fällt", wie die Vorsitzende Richterin der Schwurgerichtskammer bei Prozessauftakt gesagt hatte. Bevor Daniel W. die 34-Jährige befragte, machte er deutlich: "Erstmal klar, dass wir uns definitiv siezen." Sie hatte ihn zuvor geduzt – und sich während ihrer Aussage wieder und wieder in Widersprüche verstrickt.

Sie behauptet, Daniel W. habe versucht, sie vor sieben Jahren zum Mord an seiner Ex-Frau anzustiften. Doch die Zeugin präsentiert vor Gericht verschiedene Versionen ihrer Wahrheit: Mal soll er ihr gesagt haben, sie solle seiner Ex mit einem Gegenstand auf den Kopf schlagen, mal soll er sie aufgefordert haben, eine Waffe in den Knast zu schmuggeln, damit er nach seiner Entlassung selbst tätig werden könne.

Seine Frage, ob sie stets die Wahrheit gesagt habe, beantwortet sie mit trotzigem Unterton mit: "Ja." Dann wird es laut zwischen den beiden. Paula K. wechselt auch zum "Sie" und sagt: "Sie haben mich damals so manipuliert!" Er wisse doch, was alles besprochen worden sei.

Verurteilung wegen gemeinschaftlichen Mordes

Vor 15 Jahren war der heute 41-Jährige wegen gemeinschaftlichen Mordes mit seiner Ex-Frau verurteilt worden, die Strafe des "Satanisten von Witten" ist eigentlich verbüßt, im Juli 2016 sollte er entlassen werden, doch nach der Anzeige von Paula K. waren erneute Ermittlungen gegen ihn eingeleitet worden, die Lockerungen und Ausgänge in der JVA Bochum wieder gestrichen.

Paula K. war eine Zeit lang seine Brieffreundin gewesen, "Sweetie" und "Pretty" nannte er sie in den Briefen. Sein Typ sei sie nie gewesen, hatte er am ersten Prozesstag gesagt, aber die Tage im Gefängnis seien lang, warum also nicht ein paar Briefe und Besuche bekommen von einer Frau, die sich ihm regelrecht angebiedert habe, wie er sagt.

Paula K. redet im Prozess äußerst bereitwillig, doch ihre Unbekümmertheit, mit der sie belastende Aussagen formuliert, revidiert oder wiederholt, bringt die Vorsitzende dazu, einmal mit der flachen Hand auf den Tisch zu hauen. Sie sagt: "Hier sitzt ein Mensch, der nur aufgrund ihrer Aussage noch im Gefängnis ist." Paula K. solle sich klar machen, was tatsächlich passiert sei – und was sie sich selbst herleite oder denke.

Und sie wird noch deutlicher: "Reden Sie fahrlässig daher oder ist es eine bewusste Falschaussage?" Die Zeugin wehrt sich: "Mir kommt es vor, als ob mir jedes Wort im Mund umgedreht wird." Die Vorsitzende mahnt sie noch einmal an, genau zu überlegen, was sie sagt, "es kann nämlich sein, dass Sie ein Verfahren am Hals haben, wenn Sie hier raus gehen". Es könne passieren, dass Paula K. sich dann wegen Freiheitsberaubung, Verleumdung und übler Nachrede verantworten müsse.

Die Anklage bröckelt

Noch ist der Prozess noch nicht zu Ende, aber die Anklage bröckelt an diesem zweiten Tag doch sehr. Selbst die Staatsanwältin zeigt der Zeugin die Widersprüche auf und bringt sie mit vielen Nachfragen regelrecht ins Schwitzen. Und ein psychiatrischer Sachverständiger, der den Prozess beobachtet, ist davon überzeugt, dass sich "der wahre Kern nicht mehr verifizieren lässt", nachdem das Gericht verschiedenste Versionen des angeblichen Mordauftrags von der Zeugin hörte. Er hält es für möglich, dass verschmähte Liebe eine Rolle für die Anzeige gespielt hat, aber auch der Wunsch der Zeugin, "sich in den Vordergrund zu stellen".

Er geht noch einmal auf die Szene ein, in der Daniel W. der Zeugin das Du entzogen hat. "Das war noch einmal eine deutliche Zurückweisung", sagt der Gutachter. Paula K. wurde gleich danach laut, wirkte aufgebracht. Daniel W. war es, der den Kontakt vor sieben Jahren zu ihr abgebrochen hatte, sie soll ihm danach noch viermal geschrieben haben – ohne eine Antwort von ihm zu bekommen.

Am ersten Prozesstag hatte Daniel W. gesagt: "Wir sitzen garantiert nur deshalb hier, weil sie das alles noch nicht verwunden hat." Am Mittwoch sagte er: "Meine Freundin und ihre Kinder warten händeringend darauf, dass ich endlich raus komme." Die Vorsitzende hakt nach: "Sie haben eine neue Partnerin?" Ja, sagt der Angeklagte, und mit der wolle er in ein anderes Bundesland ziehen, sobald er frei sei.

Am Donnerstag will die Kammer das Urteil verkünden.