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Rheinliebe
Der Chemie-Fluss Europas

Rheinliebe: Der Chemie-Fluss Europas
Carl Leverkus gründete am Rhein eine Farben-Fabrik: Dort gab es genug Platz, genug Arbeiter aus Köln, den Rhein als Transportweg - Leverkusen entstand. Heute ist die Stadt Sitz des Bayer-Konzerns. FOTO: Christoph Reichwein
Leverkusen. Von Basel bis Rheinberg, von Roche bis Bayer - wie Perlen reihen sich Chemie- und Pharmafirmen am Rhein. Hier saßen seit jeher Färber: Mit der Herstellung künstlicher Farbstoffe beginnt die Chemie. Von Antje Höning

Am 25. November 1986 färbte sich der Rhein blutrot - von Basel bis weit stromabwärts. Über mehr als 400 Kilometer nahm der Fluss das tödliche Gift mit, das er in der Schweiz hatte schlucken müssen. Fische und Pflanzen starben, fast die gesamte Aalpopulation ging zugrunde. Ursache war ein Brand beim Sandoz-Konzern, bis heute der größte Chemieunfall in der Geschichte Europas. In einer Lagerhalle von Sandoz waren damals Tonnen hochgiftiger Chemikalien in Flammen aufgegangen. Die Feuerwehr löschte schnell. Doch verhängnisvollerweise leitete sie das Löschwasser und mit ihm 20 Tonnen giftiges Pflanzenschutzmittel in den Rhein. Auf ganz hässliche Weise erlebten die Anwohner, was es heißt, am größten Chemie-Fluss Europas zu leben.

Seither hat sich beim Katastrophen- und Gewässerschutz von Unternehmen und Behörden viel getan. Fische sind in den Rhein zurückgekehrt. Wäre er nicht wegen der Strömung so gefährlich, könnte man ihn unbedenklich als großes Naturschwimmbad nutzen.

Doch das Unglück von 1986 hat auch deutlich gemacht, wie eng Chemie und Rhein verbunden sind. Von Basel bis Rheinberg reihen sich bis heute die Werke der großen Adressen der Chemie- und Pharmabranche wie Perlen an einer Schnur: Roche und Novartis in Basel, Clariant in Muttenz, Bayer in Grenzach, Evonik in Rheinfelden, BASF in Ludwigshafen, Shell in Köln-Wesseling, Bayer und seine Abspaltungen Lanxess und Covestro in Leverkusen, Dormagen und Krefeld, Solvay in Rheinberg.

Warum dort? Was hat die Vorläufer all der Konzerne an den Fluss gezogen?

Das hat mehrere Gründe: Zum einen gab es am Rhein alles, was man brauchte. Und was es nicht gab, konnte leicht per Schiff herbeigeschafft werden - Rohstoffe, Energie und Maschinen. Was man produziert hatte, konnte ebenso leicht wegtransportiert werden - in andere Zentren der Industrialisierung und über die Seehäfen bis in alle Welt. Flüsse, insbesondere wenn sie so groß und über 700 Kilometer schiffbar sind wie der Rhein, waren schon schon immer Ansiedlungsachsen und Lebensadern von Volkswirtschaften.

Für die Chemie war der Rhein auch deshalb naheliegend, weil sich an seinen Ufern schon im Mittelalter Färber und Gerber niedergelassen hatten. Für sie war der Fluss Werkstatt und Abwasser zugleich. Als man im Labor entdeckte, Farben synthetisch herzustellen, wurde aus dem Handwerk Industrie. Die Farbherstellung war die Geburtsstunde der modernen Chemie.

Auf der Weltausstellung in London 1862 stellte der Chemiker August Hofmann 1862 die ersten künstlichen Farbstoffe vor, die aus Steinkohle-Teer, eigentlich ein lästiges Abfallprodukt bei der Koksherstellung, produziert wurden. Was zuvor mühsam aus Schnecken (Purpur) oder Pflanzen (Indigo) gewonnen werden musste und entsprechend kostbar war, konnte günstig als Massenprodukt hergestellt werden. Die Farbstoff-Chemie war die junge Schwester der Textilindustrie, die vielfach am Rhein saß. Krefeld ist heute Chemie-Standort, weil es einst Seidenweber-Stadt war.

Auch Bayer hat seine Wurzeln im Handwerk. Der Färber-Enkel Friedrich Bayer und der Färber Johann Weskott gründeten 1863 die "Friedr. Bayer et comp". Zweck des Unternehmens: die Herstellung von Anilinfarbstoffen. Das Unternehmen war zwar in Elberfeld entstanden. Doch bald wurde es im Tal der Wupper zu eng. 1895 zog man um, aufs Land nördlich an den Rhein, wo ein gewisser Carl Leverkus schon eine Farben-Fabrik hatte. Hier gab es genug Platz, genug Arbeiter aus Köln, den Rhein als Transportweg. Leverkusen entstand.

Auch am Anfang der BASF, die heute Ludwigshafen ist und umgekehrt, standen Farben: Die aus Teer gewonnene Chemikalie Anilin, aus der man seit 1897 Indigo-Blau künstlich herstellen konnte, steckt, wenn auch im Kürzel verborgen, bis heute im Namen der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF).

Apropos Soda. In der Nähe des Rheins hat die Natur viele Salzstöcke angelegt. Und Salze sind die Basis für die Soda-Herstellung, das seit 100 Jahren als Reinigungs- und Bleichmittel eingesetzt wird. Das hat sich nicht nur die BASF zunutze gemacht.

Schon seit über 100 Jahren wird auch in Borth, das heute zu Rheinberg gehört, Salz abgebaut. Hier errichtete die Firma Solvay 1907 eine erste Soda-Fabrik. Heute ist Solvay eines der mittelgroßen Chemieunternehmen in Europa. Zugleich sind Salze auch Basis für die Düngemittelherstellung, die viele Chemiekonzerne ebenfalls in ihrem Portfolio haben.

Zurück zum Anfang: Auch in Basel wurden seit dem 19. Jahrhundert die Farbstoffe Fuchsin und Anilin hergestellt, unter anderem von Johan Geigy, aus dessen Unternehmen der Pharmakonzern Ciba-Geigy entstand. Der wiederum ging 1996 mit der Sandoz in Novartis auf. Der durch den Chemieunfall berüchtigte Name Sandoz wurde getilgt.

Blutrot wie 1986 darf der Rhein nie wieder werden, Schlagader einer sauberen Chemiewirtschaft darf er gerne bleiben.

Quelle: RP
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