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Rudi Hell
Der letzte Rheinfischer

Rudi Hell: Der letzte Rheinfischer
In den Sommermonaten steht Rudi Hell täglich auf seinem Schiff. In seinen Netzen landet alles, was der Rhein zu bieten hat. FOTO: Klaus-Dieter Stade
Kalkar. Schon als Kind angelte Rudi Hell gerne im Strom. Heute ist er 79 und als letzter Aalfänger in NRW eine Berühmtheit. Sein Fang landet bei Wissenschaftlern - und auf seinem Tisch. Von Jörg Isringhaus

Fischen im Rhein rangiert in Rudi Hells Familie so ungefähr kurz hinter Atmen und Essen. Mehr als 300 Jahre lässt sich die Passion der Sippschaft für die Fischerei zurückverfolgen, Hells Großvater Theodor fing vor dem Zweiten Weltkrieg noch in großem Stil Salme aus dem Strom. Damals wurden die Fische mit Stangeneis gekühlt, damit sie auf dem Weg von Kleve nach Düsseldorf frisch blieben. Und der kleine Rudi Hell war immer begeistert dabei, sammelte Teichmuscheln aus dem Beifang oder strickte Eiernetze, wenn die Erwachsenen die Reusen reparierten. Wenn man heute also sagt, das Fischen liegt Rudi Hell im Blut oder ist in seinen Genen vorgezeichnet, liegt man nicht ganz falsch. Und wundert sich nicht darüber, dass der Mann aus Kalkar auch mit 79 noch außerordentlich aktiv ist - als letzter Rheinfischer in Nordrhein-Westfalen.

Längst eine Berühmtheit

Hell ist längst eine Berühmtheit, auch wenn ihm das herzlich egal ist. Landauf, landab wurde über ihn berichtet, auch ausländische Medien besuchten den Aalfänger. Selbst aus Japan reiste ein Fernsehteam an. Was auch daran liegen mag, dass Hell nicht nur der Letzte seiner Art ist, sondern auch vom Aussehen her mit seinem grauen Seebärenbart und der Schiffermütze jedes Klischee erfüllt. Gut erzählen kann er obendrein, noch dazu, ohne Seemannsgarn zu spinnen. Zum Beispiel von der Zeit, als der Rhein noch chemisch so verunreinigt war, dass die Fische nach Carbol stanken - und schmeckten. Oder davon, dass niemand mehr weiß, wie man Bresen (ein Karpfenfisch) richtig entgrätet. "Heute gibt's doch nur Fischstäbchen", poltert Hell, aber man weiß schon, wie es gemeint ist.

Bei ihm wird mindestens zweimal die Woche Fisch gegessen, einmal davon Aal. Obwohl dessen fettreiches Gewebe mit Dioxin belastet ist und eigentlich laut Gesetzgeber zum Verzehr nicht geeignet. "Alles Quatsch", sagt Hell. "Mir hat es auf jeden Fall bisher nicht geschadet." Auch wenn sich das etwas leichtfertig anhört, Hell kennt die Werte genau und hält das Risiko für kalkulierbar. Immerhin fischt er vor allem im Dienste der Wissenschaft - unter anderem für Unis in Köln, Trier, Koblenz und Essen, für die Landesfischereianstalt in Albaum im Sauerland und Institute etwa in Hamburg. Hell liefert die Fische nicht nur ab, er will auch wissen, was bei den Projekten herauskommt.

Untersucht wird etwa, ob Rückstände von Antibabypillen, die mit Urin in den Rhein gelangen, die Laichfähigkeit von Brachsen beeinträchtigen. Oder ob Schwarzmeergründel, die über den Main-Donau-Kanal in den Rhein gelangen, ihre Parasiten auf einheimische Arten wie Zander und Hecht übertragen. Hell: "Ein Ergebnis ist, dass die Zander-Population stark gewachsen ist, weil Gründel sich mehrfach im Jahr vermehren und deren Jungtiere den Zandern als Nahrung dienen."

Leidenschaft gibt ihm die Kraft

Überhaupt, die Fische; über die kann Hell stundenlang reden. Über den Lachs, der endlich wieder im Rhein heimisch ist, genauso wie Maifisch und Nordseeschnäpel. Sie landen alle in seinen Netzen, und dazu Brachsen, Rot- und Neunaugen, ab und zu ein Hecht, Wollhandkrabben und Meerforellen. Leben kann man davon nicht. Das ist auch gar nicht Rudi Hells Absicht. Zwar steht der 79-Jährige ab Mai täglich auf seinem Schiff, der "Anita II". Aber sein Antrieb ist Leidenschaft, nicht Broterwerb. Gekauft hat sich Hell seinen ersten Aalschokker, so nennt man die niederländischen Fisch-Segelboote, erst mit Eintritt ins Rentenalter. Bis dahin hatte er nur nebenbei mit Reusen gefischt. Dann kam ihm die Idee, einen Schokker flott zu machen. "Um einen zu finden, habe ich ganz Holland abgegrast", erzählt er. Gefunden hat er sein erstes Traumschiff, natürlich nach seiner Frau "Anita" benannt, in Ingelheim.

Mittlerweile ist Hell mit der "Anita II" unterwegs. Knapp 20 Meter lang ist der Schokker, vorne fünf und hinten vier Meter breit, mit einem 13,50 Meter hohen Mast. Unter Deck gibt es nicht nur Bassins für die gefangenen Fische, die lebendig an die Unis gehen, sondern auch ein Wohnzimmer mit Parkettfußboden und einem Bett zum Ausziehen. Sogar eine Einbauküche besitzt die "Anita II" - genug Komfort, um es zur Not über Nacht an Bord auszuhalten. Nicht, dass sich Hell darum reißen würde. Ein anstrengender Tag allein an Bord reicht ihm, abends geht er gern an Land.

Rund 60 Quadratmeter groß ist das Netz, das Hell unter seiner "Anita II" spannt. Er fängt damit aber nicht nur Fische. Auch Fernseher, Kühlschränke, Computer und Ölkanister gehen ihm ins Netz, eigentlich alles, was Menschen glauben, im Fluss entsorgen zu können. "An manchen Tagen", sagt Hell, "sieht mein Netz, wenn ich es herausziehe, aus wie ein geschmückter Tannenbaum." Vor allem Plastik fischt er heraus, in allen erdenkbaren Spielarten und Größen. Früher hatte er am Ufer einen Container stehen, für den Plastikmüll, der war alle 14 Tage voll. Innerhalb eines Jahres, sagt Hell, habe er so rund elf Kubikmeter Plastik aus dem Rhein gezogen. Neben der Plackerei für ihn auch eine kostspielige Angelegenheit. Für die Entsorgung zahlte er 1300 Euro im Jahr. Bisher übernahm das am Ende die Kommune. Doch das ist vorbei. Und Hell kann das alleine nicht stemmen. Künftig bleibt der Plastikmüll also im Fluss. Falls nicht doch jemand als Sponsor einspringt.

Dem Rhein geht es viel besser

Generell aber gilt: Die Wasserqualität des Rheins ist wieder so gut, dass der Verzehr der meisten Fische als unbedenklich gilt. Bis auf den Aal natürlich. Ohnehin gehe aber dessen Zahl besorgniserregend zurück, sagt Hell. Als Gründe nennt der Kalkarer zunächst die Fischerei-Industrie in Portugal, Frankreich und Spanien. Dort würden die Glasaale, die aus dem Westatlantik kommen, um in die Flüsse hinaufzuschwimmen, in großem Stil weggefangen und in speziellen Mästereien aufgezogen. So werde vehement in den natürlichen Kreislauf eingegriffen, was sich auf die Fortpflanzung auswirke. Ein weiterer Grund seien die Kormorane, erzählt Hell. Mittlerweile lebten am Niederrhein mehrere Tausend der Vögel - ein ewiger Konflikt zwischen Naturschützern und Fischern. "Jeder Kormoran frisst mindestens einen Aal pro Tag", echauffiert sich Hell. "Das heißt, täglich verschwinden ein paar Tausend Aale aus dem Rhein."

Vorläufig aber lässt sich der Fischer davon seine Leidenschaft nicht vermiesen. Solange es geht, will er weiter mit der "Anita II" auf den Rhein. Und es geht noch gut. Nur vier Tage vor und nach Vollmond liegt der Schokker vor Anker. Dann verkriechen sich die lichtempfindlichen Aale. Zehn der Tiere fängt Hell durchschnittlich in der Woche, erst im Herbst, wenn die Aale abwandern, geht die Zahl deutlich hoch. Trotzdem will der mittlere von Hells drei Söhnen das Gewerbe vom Vater weiterführen, wenn der mal nicht mehr kann. Oder will. Rudi Hell lächelt ein ziemlich filmreifes Seebärlächeln. "Bis dahin", sagt er, "ist es aber noch lang hin."

Alle Folgen der Serie unter www.rp-online.de/rheinliebe

Quelle: RP
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