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Serie Rheinliebe
Die Geschichte unseres Planeten findet man am Rhein

Erdgeschichte Stein für Stein
Erdgeschichte Stein für Stein FOTO: Christoph Reichwein
Köln. An Kieselsteinen, die man am Rheinufer entdeckt, lässt sich die Entstehung der Erde nachvollziehen. Geologe Sven von Loga erklärt, worauf man dabei achten muss. Eine Reise zurück zu den Anfängen des blauen Planeten. Von Tim Specks

Die Geschichte der Erde passt in Sven von Logas Rucksack. Der 54-Jährige steht am Rheinufer in Köln-Porz, greift in eine unscheinbare Tüte und breitet eine Handvoll glänzender Steine aus. Dann beginnt der Erdkunde-Unterricht unter freiem Himmel: "Mit den Kieseln, die man am Rheinufer findet, kann man die letzten 400 Millionen Jahre der Erdgeschichte rekonstruieren", erklärt von Loga. Der studierte Geologe erzählt von wandernden Kontinenten und ausbrechenden Vulkanen, von Schiefern und Mineralien. Das macht er fast jeden Tag so, wenn der Experte seine Exkursions-Teilnehmer am Rheinufer entlangführt und sie mitnimmt auf eine Reise zurück zu den Anfängen der Erde.

Reise in die Geschichte

Die Zeitreise beginnt dort, wo das heutige Großbritannien liegt. Vor 400 Millionen Jahren befand sich an dieser Stelle ein ganzer Kontinent, der sogenannte Old Red (dt. "Alter Roter"). Damals kam zum ersten Mal Sauerstoff in der Erd-Atmosphäre vor, wodurch das Eisenerz in der Erdkruste des Kontinents anfing zu oxidieren. "Der Kontinent ist sozusagen verrostet und dann durch Verwitterung abgetragen worden. Daher rührt auch sein Name", erklärt von Loga. Die Überreste von Old Red wurden in das südlich gelegene Devonmeer getragen. Dort verfestigten sie sich und wurden vom afrikanischen Kontinent, der Richtung Europa wandert, erst gefaltet und dann nach oben gedrückt - das Rheinische Schiefergebirge entstand. Über Millionen von Jahren wurde letztlich auch dieses abgetragen. Die Bröckchen, die von dem Massiv übrig blieben, findet man heute als steinerne Zeitzeugen am Ufer und im Flussbett.

Bezeichnet werden diese Steine häufig als Rheinkiesel, doch oft ist dieser Name eigentlich falsch. "Die richtige Bezeichnung für die meisten Steine, die man am Rheinufer findet, ist ,Rheingeröll'." Rheinkiesel nenne man ausschließlich abgerollte Bergkristalle aus den Alpen. Deren Wert ist wegen des geringen Vorkommens höher als der von Gold - im Gegensatz zu den vielen anderen Steinchen, die man am Rheinufer findet. "Rheingerölle haben in den meisten Fällen nur einen Sammlerwert", erklärt der Experte. Würde man sie präparieren und auf einer Mineralienbörse verkaufen, würden Aufwand und Ertrag weit auseinander liegen.

Geld gibt es für die Steine kaum

Der materielle Wert der Steine ist verschwindend gering - für eine Geschichtsstunde aber sind sie Gold wert. "An den Ufern liegen Kiesel aus sämtlichen Epochen, von der Karbonzeit bis zur letzten Eiszeit vor etwa 13.000 Jahren", erzählt von Loga. Sein Wissen über Rheinkiesel und -gerölle gibt der Geologe während Führungen entlang des Rheins an Interessierte weiter. Neben einem Hammer ("Ohne den gehe ich niemals aus dem Haus") hat er während der mehrstündigen Expeditionen immer auch eine geologische Karte Deutschlands dabei - natürlich auswendig in seinem Kopf, wie es sich für einen Geologen gehört. So kann er fast jeden Stein, den er beim Waten durch das seichte Wasser aus dem Fluss hebt, auf seinen Ursprung hin bestimmen.

Häufig hält von Loga dabei Sandsteine in der Hand. Das sind graue Kiesel, die von weißen Quarz-Adern durchzogen sind - die am Niederrhein wohl typischsten Gerölle. Entstanden sind sie vor 400 Millionen Jahren, als sich Steinmassive durch hohen Druck aufspalteten und von quarzhaltigen Lösungen durchflossen wurden. Die Flüssigkeit kühlte ab und füllte die entstandenen Spalten mit Quarz. "Im Grunde sind diese Gerölle Miniaturausgaben der zerbrochenen und wieder reparierten Eifel."

Hoher Sammelwert

Neben den alltäglich erscheinenden Kieseln tauchen im Flussbett auch immer wieder bunt schimmernde Steine, so genannte Achate, auf. Die meist gelblich bis orange gefärbten Steine entstanden vor rund 250 Millionen Jahren. Damals brach nahe dem heutigen Idar-Oberstein ein Vulkan aus. Als die ausgetretene Lava erkaltete, schloss sie im Inneren kleine Gasblasen ein. Auch in diese Hohlräume floss Wasser, in dem Quarz gelöst war. Dieses lagerte sich ab und ließ die Achate entstehen. Viele der leuchtenden Steine haben einen Bergkristall in der Mitte eingeschlossen. "Achate haben einen hohen Sammlerwert", sagt von Loga. Besonders ansehnlich werden sie aber erst, wenn sie aufgeschlagen und an der Bruchkante poliert werden.

Die Menge an interessanten Fundstücken ist groß - hin und wieder aber lässt sich auch der Profi täuschen. Vor allem hinter Köln findet er immer wieder Stücke, die Achaten oder Kieseln zum Verwechseln ähnlich sehen, tatsächlich aber nur von den Wellen polierte Fliesen oder Kacheln sind. Schuld daran seien die Römer, erklärt von Loga. "Die haben zu ihrer Zeit einfach alles in den Rhein gekippt." Auch, wenn die Vielfalt der Gerölle im und am Rhein verlockend für Sammler ist, ist Vorsicht geboten. Bei Niedrigwasser können auch gefährliche Objekte zum Vorschein kommen. So ist beispielsweise ein Fall bekannt, in dem ein Mann ein wertvolles Gestein mit leicht entzündlichem Phosphor verwechselte und sich schwere Verbrennungen zuzog.

Doch auch Überreste lang ausgestorbener Lebewesen liegen als Zeugen der Erdgeschichte an den Ufern des Rheins. Zwischen unzähligen Kieseln hat Sven von Loga schon einen Mammut-Backenzahn gefunden. Der glänzt zwar nicht wie die Kiesel, die der leidenschaftliche Sammler mittlerweile kistenweise in seinem Haus gestapelt hat, "aber es ist toll, wenn man weiß, dass hier mal ein Mammut entlanggelaufen ist".

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Quelle: RP
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