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Serie "Unser Rhein"
Die rheinischen Dialekte werden verschwinden

Düsseldorfer Platt - das schreiben unsere Leser
Düsseldorfer Platt - das schreiben unsere Leser FOTO: rpo
Düsseldorf. Der Rheinische Fächer ist weltberühmt, sagt Sprachforscher Peter Honnen. Dort gibt es die größte Vielfalt auf engstem Raum. Von Annette Bosetti

Wie viele Dialekte es im Rheinland gibt, vermögen die Sprachforscher nicht zu sagen (beim LVR können Sie sich einige Beispiele anhören). Aber dass sich hierzulande die meisten, vielfältigsten und interessantesten Mundarten auf engstem Raum verbreitet haben, darin sind sie sich einig. Vergleichbares gebe es anderswo in Deutschland nicht.

Dialektforscher Peter Honnen vom Institut für Landeskunde im Landschaftsverband Rheinland (LVR) erklärt: "Das Rheinland weist eine gefächerte Übergangszone zwischen den hochdeutschen und den niederdeutschen Dialekten auf, hier prallen zwei gestaffelte Dialektwelten aufeinander. Der rheinische Fächer ist weltberühmt, er scheint sogar einmalig zu sein."

Uralt sind die rheinischen Alltagssprachen, die jede für sich einen Wortschatz von bis zu 20.000 Einzelbegriffen aufweist. Sie lassen sich bis ins erste Jahrtausend zurückverfolgen. "Manche Wörter oder Laute klingen heute fast noch genauso wie zur Zeit Karls des Großen", sagt Honnens Kollege Georg Cornelissen.

Es ist gerade diese Vielfalt, die die Verständigung in der Vergangenheit erschwerte, wenn man kein Hochdeutsch konnte. Die Worte klingen ganz anders. Wer in Köln Zwiebel meint, sagt "Öllich", der Klever hingegen nennt sie "Look".

Das ist Stephan Kaluzas "Rhein-Projekt" FOTO: Stephan Kaluza

Der Kölner meint "gucken" und sagt "lore", während der Klever "kieke" sagt. Bei allen Unterschieden ist den rheinländischen Dialekten eins gemein: Gegenüber dem spitzen Hanseatisch, dem rollenden Bayrisch oder der schnoddrigen Berliner Schnauze erkennt man einen Rheinländer sogleich am Singsang. Ein Kölner wiegt sich dabei in einer anderen Sprachmelodie als ein Trierer.

Gemeinsam sind Rheinländern weitere Eigenarten. Statt des "G" am Wortanfang wählen sie ein "J". Man sagt "jut" statt "gut". Und man neigt entlang des Rheins dazu, ganze Sätze wie ein langes Wort auszusprechen. In manchen Fällen ist die sächliche Form geläufig ("Dat Jabi jeht spazeere"), oder man spricht sein Gegenüber statt mit "Sie" mit "Ihr" an, wenn man ihn nicht gleich duzt, was nirgendwo so schnell geht wie im Rheinland.

Dass der Strom selbst im Laufe der Geschichte Einfluss auf diese Dialekte hat, konnte nicht nachgewiesen werden, sagt Peter Honnen. "Früher hat man das ein bisschen anders gesehen, man glaubte, dass bestimmte Sprachströmungen sich entlang der Verkehrswege durchgesetzt hätten, heute sind wir davon wieder abgekommen. Der Rhein, so groß er auch ist, hat meiner Meinung nach als Sprachgrenze überhaupt keine Bedeutung. In Moers etwa, meiner Heimat, finden Sie größere Unterschiede, wenn man Richtung Krefeld geht, als wenn man sich von Moers aus auf der anderen Seite umhört - in Duisburg."

Die Gliederung der Dialekte im Westen Deutschlands hat Sprachforscher Georg Cornelissen nach sechs Zonen vorgenommen: Kleverländisch wird demnach von Kleve bis Duisburg gesprochen, Südniederfränkisch zwischen Krefeld und Heinsberg, Ripuarisch von Aachen über Köln bis Gummersbach, Westfälisch von Essen über Oberhausen bis Wesel, Moselfränkisch zwischen Blankenheim und Siegburg. Dazu gibt es eine Dialektinsel unterhalb von Kleve. (Und eine weitere Dialektinsel gab es früher im Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim.)

Innerhalb dieser Sprachgebiete zieht Cornelissen vier Linien - die westfälische Trennung im Norden, die Uerdinger oberhalb von Uerdingen, die Benrather, die mitten durch Düsseldorf geht, und die Dorp-Dorf-Linie bei Blankenheim. Innerhalb dieser großflächigen Landschaften gibt es zahlreiche Ortsdialekte, die sich stark voneinander unterscheiden. Gemeinsamer Nenner ist das Fränkische - denn die rheinischen Dialekte gehen auf die Landnahme durch die Franken zurück.

Besonders interessant ist die Benrather Linie, die auch die "maken-machen-Linie" genannt wird. Nördlich davon spricht man ein "k" aus, wo es südlich "ch" heißt. Die Landeshauptstadt Düsseldorf liegt unmittelbar nördlich dieser Linie, dort sagt man "make" für machen, während der Kölner "mache" sagt. Dieser k-ch-Gegensatz findet sich auch in den germanischen Schriftsprachen wieder: Der Engländer sagt "to make", der Niederländer "maken" und der Deutsche machen.

Das Nord-Süd-Gefälle lässt sich an weiteren Lauten ablesen, an Verschiebungen von "p" zu "f" etwa (Piep - Pfeife) oder von "t" zu "s" (Water - Wasser). Im Bereich der Benrather Linie stoßen die Lautvarianten aufeinander. Aber auch in den Dialekten nördlich der Benrather Linie können südliche Lautverschiebungen auftauchen, etwa im Düsseldorfer und Neusser Platt.

Um die Dialekte ist es heute nicht mehr gut bestellt. In den Schulen werden sie nicht gelehrt. "Es hat ein Imagewandel stattgefunden", sagt Honnen. "Unsere Dialekte werden verschwinden - anders als in Bayern oder Baden-Württemberg." Diente früher der Dialekt der Identität und kulturellen Verortung ("von da komm ich wech"), ist er aktuell fast verpönt.

"Die jüngsten Dialektsprecher im Rheinland dürften heute 60 Jahre alt sein", sagt Honnen. "Da kann man sich ausrechnen, wie lange noch Dialekt gesprochen werden wird." In Köln und in der Eifel pflegt man die Mundart deutlich mehr als in Düsseldorf. Statt Dialekt spreche man heute Regiolekt - eine Umgangssprache, die mit Dialektwörtern gespickt ist, aber großräumiger auftaucht. Aber Honnen erlebt tagtäglich, dass junge Menschen selbst bekannte Worte wie "Klüngel" oder "Kappes" gar nicht mehr kennen.

So versteht er sich als Dialekt-Archäologe, sammelt Wörter, Redensarten. Sein Mitmachwörterbuch erscheint online, alljährlich gibt er dort Lieblingswörter aus. Sein persönliches lautet "Dörpel", sagt der gebürtige Moerser. So heißt der Treppenabsatz vor der Haustür.

Dass Dialekt noch lebt, macht er an der überwältigenden Reaktion auf eine Recherche fest. Einst wollte er mehr wissen über die Grillage-Torte. Südlich der Benrather Linie kannte sie offenbar niemand, dafür liebten sie nördlich umso mehr Menschen. Obwohl bis heute unklar geblieben ist, woher das Wort ursprünglich stammt, ist die Beliebtheit der Grillage unbestritten. Wegen des großen Echos auf die Aktion landete der Dialektforscher samt Torte in den "Tagesthemen" .

Quelle: RP
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