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Prostitution
Im Puff nebenan

Sauna-Club Magnum in Erkrath: Im Puff nebenan
Auf Plakaten wie diesen wirbt das "Magnum" überall in der Region. FOTO: UM
Erkrath. Prostitution ist hierzulande legal, ein Großbordell aus Erkrath wirbt sogar auf Plakaten. Ein Besuch in der Parallelwelt, die sich mit der bürgerlichen überschneidet – und bei den Ohnmächtigen, die sie kontrollieren sollen. Von Tobias Jochheim

Erkrath ist ein Städtchen im Grünen hinter Düsseldorf, das versucht, seinen wohl größten Touristenmagneten totzuschweigen. Wer an Erkrath denkt, soll an den Urmenschen denken, dessen Skelett 1856 nebenan im idyllischen Neandertal gefunden wurde, an die erste Bahnstrecke der preußischen Rheinprovinz und das moderne Planetarium. Aber die meisten denken an etwas anderes, nämlich an das Eine.

Das liegt an den Plakaten, die jeder kennt. "100 Girls" warten ihnen zufolge im angeblich größten Sauna-Club Europas. Es gibt viele davon, in der Region, aber auch in Frankfurt oder Bremen. Wie viele es sind, hätte ich gern vom Betreiber erfahren, aber der ist telefonisch nicht erreichbar und lässt alle E-Mails unbeantwortet.

In Impressum und Unternehmensverzeichnissen steht Aldo V., über den im Netz sonst nichts zu finden ist. Wer statt nach V. aber nach seinem Etablissement sucht, den versorgt Google ganz in seinem Sinne: Adresse, Öffnungszeiten, zwei Dutzend Hochglanz-Fotos von den leeren Räumen mit Maniküre/Pediküre-Salon, virtuelle Rundgänge, Nutzer-Bewertungen (derzeit 10, Schnitt: 3,3 von 5 Sternen), Karte samt Routenplaner sowie die beliebtesten Besuchszeiten (spätabends unter der Woche, frühmorgens am Wochenende) – all das erscheint sofort, prominent platziert noch vor den Suchergebnissen.

Unauffällig reiht sich das Großbordell in Erkrath in die Häuser der Umgebung ein. FOTO: sef

So läuft das bei Gastronomiebetrieben, und so etwas ähnliches sind Bordelle in Deutschland seit Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes am 1. Januar 2002. Werbung dafür blieb zunächst weiter tabu, aber nicht lange: 2006 erhörte der Bundesgerichtshof das Klagen der Bordellbetreiber und entschärfte den entsprechenden Paragraphen. Wer "Gelegenheit zu sexuellen Handlungen anbietet, ankündigt, anpreist", kann seitdem sagen, er habe den Rechtsstaat auf seiner Seite, solange er dies nicht "in grob anstößiger Weise" tut.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Die Plakate mögen kaum zu übersehen sein, den Sauna-Club selbst allerdings hätte ich auf den letzten Metern fast verfehlt. Geparkt habe ich diskret in der Nebenstraße um die Ecke, aber ziemlich genau dort, wo der Navi-Bildschirm die Zielflagge angezeigt hatte, lächelt nun von der Stirnwand einer imposanten Halle meterhoch eine langhaarige Fototapeten-Frau auf mich herab. Dazu der Schriftzug "Willkommen zu Hause". Klingt sehr vollmundig für einen Puff – aber hier werden auch bloß Küchenmöbel verkauft, wie ringsum Elektronikteile und Tiernahrung, Getränke, Laminat, Fleisch und "Feinste Künstlerfarben". Die meisten Männer, gerade jene, die von etwas weiter anreisen, wollen zu dem Haus gegenüber der Küchenmöbelfirma. Im Sauna-Club verkaufen Frauen ihre Körper, wie man so sagt, genau genommen vermieten sie exklusiven Zugang dazu, im Halbstundentakt für je 50 Euro, Sonderwünsche auf Verhandlungsbasis.

Laut Eigenwerbung lassen sich organisierte Reisen in diskreten Kleinbussen buchen, deren Teilnehmer nichts vom schönen Erkrath sehen, weil die Busse ohne Zwischenstopp in dieses Gewerbegebiet fahren. Die Legalisierung der Prostitution hat ihre Profiteure selbstbewusst gemacht und ihren Gegnern Kopfschmerzen. Vor allem, weil die ohne echte Meinung zum Thema jetzt schulterzuckend sagen können "Ist doch legal". Auf den Plakaten wird keine nackte Haut gezeigt und kein Preis genannt. Also dürfen sie bleiben. Ausnahmen gibt es nur, wenn die Werber Anfängerfehler begehen, wenn sie "wild" plakatieren an Leverkusener Bäumen, oder allzu nah an einer Schule wie in Langenfeld. Die Lastwagen, die keine Ware transportieren, sondern bloß überdimensionale Aufsteller mit Puff-Werbung, dürfen das, solange sie nicht länger am selben Ort parken als 14 Tage. Falls sie es doch tun und sich jemand darüber beschwert wie jüngst in Mönchengladbach, kommt jemand und parkt den Wagen um und gut ist. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Die Tür des Saunaclubs ist geschlossen, aber wenn der Empfangsdame auf ihrem Monitor nichts Verdächtiges auffällt, drückt sie auf den Summer. Dann kassiert sie routiniert freundlich 60 Euro Eintritt, fragt nach der Schuhgröße, reicht einen lachsfarbenen Bademantel samt Plastikschlappen über die Fruchtgummi-Schale auf der Theke und schickt den Gast die Treppe hoch in den ersten Stock. "Gähen wir spazirren!", ermuntert mich dort eine dezent geschminkte blonde Frau, aber erst solle ich in den Bademantel schlüpfen. Sie führt mich voll bekleidet durch die 3.000 Quadratmeter große Verkehrs-Fabrik.

2003 war hier die Genehmigung für den Betrieb eines Swingerclubs erbeten worden, 2005 die Erlaubnis zur Erweiterung und Einrichtung eines Sauna-Clubs. 2006 stimmte die Stadt Erkrath einer weiteren Vergrößerung zu, ebenso 2010, 2012 und 2014. Sie hatte keinen Grund und keine Handhabe, es nicht zu tun, nachdem die teils monierten Sicherheitsmängel ausgeräumt waren. Bis 2009 wurden die Anträge von wechselnden Betreibern eingereicht. Seitdem zeichnet dafür der Eigentümer des Grundstücks – und seitdem gebe es auch "keine nennenswerten Probleme" mehr, sagt Bürgermeister Christoph Schultz, 34, Christdemokrat.

Man liest "Frankfurter Allgemeine"

Im Club selbst gibt es sowieso keine Probleme. Alles easy, alles cool auf den langen Fluren mit insgesamt 66 Zimmern. Aus den Boxen fluten Latino-Rhythmen und Lounge-Klänge die Bars, Sessel, Saunen und Feuerstellen. An den Wänden hängen großformatige Spiegel, Skyline-Fotoposter und pseudo-asiatische Wandteppiche. Tanzstangen und Knabbereien, dazu Flachbildschirme, auf denen Fußballspiele laufen oder Pornos. Der fröhlich blubbernde Whirlpool sei derzeit außer Betrieb, verkündet ein Schild.

Im Speiseraum ordert beim Oberkellner ein gepflegter Herr Ende vierzig – Typ Manager und Marathonläufer – ein Steak: "Medium plus, bitte, mit Salat und Pomm‘ Fritt." Dazu hätte er gern noch ein zweites alkoholfreies Bier. Das könne er sich aber auch selbst holen, falls es Umstände mache, sagt er, "gar kein Thema". Er hatte bemerkt, wie viel zu tun ist, seine gute Erziehung macht sich bemerkbar. Als die Berufsehre des Oberkellners siegt, vertieft sich der Freier in die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung".

Bürgermeister Schultz liest Akten in seinem Büro im Alten Rathaus; aus dem offenen Fenster ertönen Jubelrufe. Eine Hochzeit; das Standesamt ist im selben Gebäude. Darüber würde er viel lieber reden, wie über eigentlich alles außer den Sauna-Club, aber er beantwortet alle Fragen, so lange sie nicht mit dem Steuergeheimnis kollidieren oder mit dem Persönlichkeitsrecht des Bordellbetreibers. Als Wahlkämpfer hatte er flapsig zu Protokoll gegeben: "Das einzige Gewerbe, das in Erkrath wächst, ist das horizontale". Nun nimmt er das Geld gern, das aus dem Club vor allem via Vergnügungssteuer in die kommunale Kasse fließt: Rund 450.000 Euro Einnahmen standen hier 2014 zu Buche, aus dem Sauna-Club stammt ein geschätztes Drittel davon. Seine Leute schickt er natürlich trotzdem regelmäßig zu unangekündigten Kontrollen.

"Die wissen, wir haben sie im Blick", sagt von der Seite Carsten Döhr, der Leiter des Erkrather Ordnungsamts, und Unrecht hat er damit nicht. Im Blick haben sie Baumängel und Beleuchtung im Sauna-Club sowie die Wasserqualität im Whirlpool, mit vereinten Kräften wachen die Vertreter der unterschiedlichen Behörden über Schanklizenz, Spielautomaten und die Einhaltung der Sperrstunde zwischen 5 und 6 Uhr morgens. Vor einigen Jahren waren im Rathaus Beschwerden von Freiern gelandet, Betreff: Nichteinhaltung des Nichtraucherschutzgesetzes. Denen sind sie auch nachgegangen. "Zuletzt ist es aber sehr, sehr ruhig geworden um den Club", berichtet Döhr und lächelt gequält. "Ist ja auch besser für die Geschäfte."

"Alle denken bloß an 'Pretty Woman'"

Damit die Geschäfte auch weiterhin gut laufen, sind bei meinem Besuch im Club Handwerker im Haus, sie bringen hier und da Kleinigkeiten auf Vordermann. Manche arbeiten mit Silikon, manche nicht. Wie die jungen Frauen, die an Theken und in Türrahmen lehnen. Einhundert sollen es pro Tag sein. Jetzt, an einem Sonntagnachmittag, sind es vielleicht 30. Manche tragen String-Tangas, andere hautenge Minikleider ohne Unterwäsche, manche Strümpfe oder Strapse. Hier wippt eine Afro-Mähne, dort trägt jemand blonden Bob zum Metalldornen-BH. Gemeinsam haben sie nur die absurd hohen, paillettenbesetzten Plateauschuhe.

Eine von ihnen wirft mir einen Luftkuss zu, als ich durch das Halbdunkel stolpere. Das schmatzende Geräusch ist unnatürlich laut. Ich weiß nicht, wer es war, vier oder fünf Frauen räkeln sich im Stehen in meine Richtung. Zwei sind oben ohne, oder waren es drei? Abstumpfung geht ganz flott. Der Versuch, in ihren Gesichtern zu lesen, ist zwecklos. Sie sind im Halbdunkel verborgen, eine dritte Schutzschicht gegen prüfende Blicke, zusätzlich zu Schauspielerei und Schminke.

"Wegwerfmenschen" nennt diese Frauen Helga Tauch (58) von der Frauenrechtsorganisation SolWoDi ("Solidarity with women in distress", d.h. "Solidarität mit Frauen in Not") aus Boppard bei Koblenz. Sie betreut Aussteigerinnen, viele seien traumatisiert, psychisch gestört. "Ein Jahr Prostitution, sieben Jahre Therapie", sagt sie über eine ihrer Schutzbefohlenen. Tauch klagt über zu wenig Forschung und Medienaufmerksamkeit für das Leid der Frauen. Niemand wolle hören, dass von der Arbeit der vielen "selbstständigen" Huren vor allem Menschenhändler und Zuhälter profitierten, die sie durch halb Europa scheuchten. "Die deutsche Volksseele interessiert das nicht", sagt Tauch. Prostitution werde romantisiert: "Bei diesem Thema denken alle bloß an 'Pretty Woman' oder Hans Albers und die Reeperbahn". In der Realität würden viele Frauen gezwungen, selbst während ihrer Periode anschaffen zu gehen – oder während ihrer Schwangerschaft. Mitten in Deutschland, ungestraft.

"Selbstständige Unternehmerinnen" überall

Im Sauna-Club verteilt der nette Oberkellner Küsschen und Cola light mit Strohhalm an die "Mädchen". Eine pickt mit spitzen Fingern in ihrem Salat, andere zerpflücken Gambas, Riesengarnelen, gerade ist All-You-Can-Eat, Flatrate-Fressen deluxe. Auch viele der Gäste sind ganz heiß darauf. Alle Gerichte würden ohne Schweinefleisch zubereitet, steht auf der Speisekarte. Vegetarsiche Gerichte gibt es auch, eins heißt "Spaghetti Mafia".

Eine blonde, kurvige Osteuropäerin mit sehr Kleinem Schwarzen und sehr roten Lippen lächelt mich an, es wirkt unheimlich sympathisch, aber vielleicht, vermutlich, wahrscheinlich ist auch das einstudiert. Ich fühle mich unwohl in diesem Bademantel, dessen Überstreifen der vorletzte Schritt auf dem Weg zum Freier ist. Der Letzte ist die Übereinkunft über eine Dienstleistung mit einer der "selbstständigen Unternehmerinnen".

Das sind offiziell die meisten Huren in Deutschland, eine jede tätig in ihrem eigenen Namen und auf eigene Rechnung, so steht es auf Websites und Spindtüren der meisten Bordelle und Clubs. Auf "Ausgestaltung und Abwicklung" der Geschäftsbeziehungen zwischen den "männlichen und weiblichen Gästen" habe das Personal keinen Einfluss, heißt es überall.

Die Opfer von Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung stammen dem BKA zufolge oft aus Osteuropa, "überwiegend aus schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen und sind nicht selten Mitglied einer familiären oder regionalen Clanstruktur". Angehörige dieser mafiösen Strukturen versprächen den häufig perspektivlosen Frauen lukrative Jobs in Deutschland, etwa in der Gastronomie. Vor Ort angekommen, werde ihnen dann eröffnet, dass sie sich prostituieren müssten – ab sofort, um überhöhte oder nichtexistente "Schulden für z. B. Pass- und Visabeschaffung, Reise-, Verpflegungs- und Unterbringungskosten" abzuarbeiten. Die Täter – "Netzwerke von Zuhältern, Geldwäschern, Urkundenfälschern und teilweise von Schleusern" – schüfen gezielt Abhängigkeitsverhältnisse zu den Frauen und zementierten sie unter Anwendung emotionaler, psychischer und auch physischer Gewalt.

Verbrüderung durch Verschwiegenheit

Die Freier, die sich das Recht nehmen, von der Möglichkeit solcher Vorgänge im Hintergrund nichts hören zu wollen, sind jünger, schlanker, bürgerlicher, als man erwarten würde. Im Sauna-Club verlassen fünf Polen Mitte vierzig angeregt plaudernd den Restaurantbereich, sie wirken wie Grundschullehrer oder Ingenieure. Drei feixende britische Jungspunde gockeln durch die Gänge, einer krault sich ausgiebig am Gemächt. Ein Araber wackelt mit goldkettchenbehängtem Bierbauch durch die Gänge. Ein hagerer Mann starrt missmutig auf einen Porno, einer mit Normalfigur lümmelt allein auf einem Diwan und wischt stundenlang auf seinem Smartphone herum.

Ihr Hiersein ist das einzige, was sie verbindet. Aber das ist mehr als genug. Ihre Verbrüderung besteht darin, dass sie nichts hören, nichts sehen, nichts sagen – nicht hier und schon gar nicht, falls sie einander in der Außenwelt begegnen würden, in Trainings- oder Maßanzug. Zu großer Form laufen manche online auf, anonym.

In speziellen Foren heißt es dann, gespickt mit Abkürzungen und animierten Smileys etwa über "Michelle (RO)": "Gross, schlank, die kleine OW [Oberweite] passt nicht ganz zum breiten Becken, hübsches Katzengesicht und ne sehr nette... Eigentlich wollte ich gehen, da setzte sich sich zu mir und kuckte mir tief in die Augen..." oder "Zimmer zwei ging an die kleine, schlanke Alexandra aus Brasóv mit der Mordsauslage. Super sportliche und zugleich irgendwie schmusig-persönliche Nummer. Fein !" Die Erfahrungsberichte sind teils seitenlang und mit regelrechtem literarischen Eifer verfasst. Unterbrochen werden die Heldengeschichten durch kühle Protokolle, in denen jeder Sexualakt dokumentiert und bewertet wird, "Porno-" und "Wiederholungsfaktor" inklusive.

Dass sich diese Einträge lesen wie Produktbewertungen, liegt daran, dass es welche sind.

Drei Kontrollen pro Tag – verteilt auf ganz NRW

Nicht so schnell wegzuklicken wie ein Freier-Forum ist die Kritik am System Prostitution. Die erschöpft sich nämlich nicht am Scheitern des Versuchs, unterschiedliche Moralvorstellungen miteinander in Einklang zu bringen. Man muss nicht bezweifeln, dass es Frauen gibt, die zumindest zeitweise aus eigenem Antrieb sexuelle Dienstleistungen anbieten – das dürfte aber meist im oberen Preissegment zutreffen, wo 500 Euro und mehr für eine "Abendbegleitung" fällig werden, oder bei Dominas, die sich von ihren Freiern bedienen, verwöhnen, teils mit Geschenken überschütten lassen.

"Der Anteil der Frauen, die freiwillig und selbstbestimmt der Prostitution nachgehen, ist unseren Erfahrungen nach verschwindend gering", sagt die Huren-Helferin Tauch. Sie hat viel zu tun. Das gut gemeinte Prostitutionsgesetz von 2002, eines der liberalsten weltweit, habe "die Schleusen für Menschenhandel geradezu geöffnet – und den Ermittlern die Hände gebunden".

Im Jahr 2014 führten Ermittler in NRW 1117 Kontrollen durch, drei pro Tag. Verteilt auf sämtliche Bordelle und Bars, Clubs und Wohnwagen sowie Straßenstriche im Land. Wie viele das sind, wissen die Ermittler beim LKA nicht. "Warum auch?", fragt einer. In 75 Fällen ermittelten Polizei und Staatsanwaltschaften in NRW 2014 wegen "Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung", nur aus Dortmund und Köln wurden mehr als vier Fälle gemeldet. Identifiziert wurden insgesamt 91 Tatverdächtige und 82 Opfer, als rechtswidrige Gewinne konfisziert einmalig 30.200 Euro. Auf Bundesebene sieht es ähnlich aus.

"Die Zahl der in Deutschland festgestellten Fälle von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ist in den letzten Jahren gesunken und hat im Jahr 2014 den niedrigsten Stand seit (..)  2006 erreicht." Dieser Satz vom BKA klingt wie ein Triumph und ist ein Hilferuf. Die Dunkelziffer ist gigantisch. Die Probleme bei der Identifizierung von Opfern des Menschenhandels und Ermittlungen gegen die Täter seien "bekannt und unverändert", heißt es, man hoffe auf die "Einführung von Erlaubnispflichten und Kontrollmöglichkeiten". Derzeit können die Ermittler ausschließlich bei begründetem Anfangsverdacht tätig werden. "Wir müssen darauf setzen, dass die Frauen sich ein Herz fassen und von sich aus Strafanzeige stellen", sagt ein Fahnder aus NRW.

Sorge um noch mehr Kontrollverlust

Wer über die Gewerbeaufsicht wenigstens die Zahl der gemeldeten Bordelle in Erfahrung bringen will, scheitert. Die Bezirksregierungen fordern diese Zahlen nicht bei den Kreisen an, die Kreise sammeln sie nicht bei ihren Kommunen. Denen liegen sie vor. Dem Düsseldorfer Ordnungsamt sind 18 entsprechende Betriebe mit 222 Beschäftigten bekannt; nicht erfasst ist dabei die Wohnungsprostitution. Duisburg zählt 10 Bordelle und 19 bordellähnliche Betriebe. Jeder zahlt 6,50 Euro "Sexsteuer" pro Monat und Quadratmeter; 317.000 Euro brachte das im Vorjahr ein. In Düsseldorf wird keine derartige Steuer erhoben.

In Brüggen (Kreis Viersen), direkt an der niederländischen Grenze, steht neben Tennisclub und Baustoffhandel übrigens ein angeblich vier Mal so großer Club wie der ja angeblich europaweit größte in Erkrath, der sich aber sehr bescheiden bloß "größter von NRW" nennt. Aber das Etablissement in Brüggen ist auch ein "FKK-Saunaclub", also quasi eine andere Kategorie. Von den Problemen rund um Prostitution ist irreführende Werbung, entsprungen aus der Frage wer den Größten hat, ohnehin das Kleinste.

Einen anhaltenden Boom des Gewerbes, der sich am Erkrather Sauna-Club ablesen lässt, hält Bürgermeister Schultz "natürlich für nicht erstrebenswert". Er erwägt, die Vergnügungssteuer zu erhöhen, aber komplett unattraktiv machen darf, kann und will er den Bordellbetrieb auch nicht, im Interesse der Stadtkasse und irgendwie auch der Frauen. Sonst verlagere sich die Szene in die Illegalität, vermutet er; auf den Straßenstrich. Dann sei zwar diese "Industrialisierung" passé, die ihm unheimlich ist, aber dann hätten die Behörden auch überhaupt keine Kontrolle mehr, und im Club seien zumindest die Rahmenbedingungen – Hygiene, Ernährung, Sicherheit – augenscheinlich okay.

Steuer-Nachhilfe vom Amt

Helga Tauch kann nicht fassen, dass die Ämter den Bordellbetreibern "noch Nachhilfe bei der Steuererklärung" geben und seit 50 Jahren das "Düsseldorfer Modell" anbieten, das theoretisch bloß eine vereinfachte Form der Steuervorauszahlung ist. Praktisch sehen die Finanzämter selten mehr als jene vorab gezahlten 10 bis 25 Euro pro Tag und Hure. Besser als nichts; die Frauen bleiben selten lange an einem bleiben und geben noch seltener eine Steuererklärung ab, egal wie streng die Steuerfahndung mit Sanktionen droht. "Und jeder Euro gezahlte Steuer verringert den Profit", sagt Bürgermeister Schultz und hat damit ja auch nicht Unrecht.

Als Privatmann, sagt Schultz, mache er sich oft Gedanken darum, wie weit es mit der Freiwilligkeit der Huren tatsächlich her sei und wieviel von ihrem Verdienst sie behalten dürften. Als Hauptverantwortlicher für die roten Zahlen im Haushalt weiß er, dass er sich kaum Freunde machen würde etwa mit dem Vorschlag, einen Teil der Vergnügungssteuer-Einnahmen an die chronisch unterfinanzierten Frauenhilfsorganisationen zu spenden.

Zum Tag der Gewalt gegen Frauen aber haben sie ein Zeichen gesetzt und 6000 Brötchentüten verteilt, in Moni's Backstube und den anderen Bäckereien in Erkrath, bedruckt mit dem Slogan "Gewalt kommt nicht in die Tüte!" in acht Sprachen sowie Notruf- und Beratungsnummern.

Wie jedes Jahr.

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