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NRW verbietet "Scharia-Polizei"
Salafisten verwischen ihre Spuren im Internet

Scharia-Polizei: Salafisten in Wuppertal tauch unter
Die beiden Salafisten-Prediger Pierre Vogel und Sven Lau (r.) dementieren in einem Video, Jugendliche unter Druck gesetzt zu haben. FOTO: Youtube Screenshot
Wuppertal. Aus der salafistischen Szene im Bergischen Land haben sich bereits junge Männer den IS-Terroristen im Irak und in Syrien angeschlossen. Das Innenministerium hat den "Sittenwächtern" nun verboten, ihre Erkennungsjacken zu tragen. Von Christian Schwerdtfeger

Der Salafisten-Prediger trägt in seiner neusten Video-Botschaft ein graues langärmliges Shirt mit V-Ausschnitt. Die Haare hat sich Sven Lau sorgsam zurückgekämmt. Sein Vollbart ist jedoch fusselig wie immer. Aus dem Off fragt ihn eine männliche Stimme, ob er der Chef der "Scharia-Polizei" sei. "Was?", fragt Lau in die Kamera, "nie gehört"." Das Grinsen kann er sich dabei nur schwer verkneifen.

Die Aufzeichnung ist gerade einmal 22 Sekunden lang. Das Video ist - lässt man die Kommentare weg, die darunter stehen - der einzige noch verbliebene Eintrag auf der Facebook-Seite der "Scharia Polizei-Germany". Alles andere wurde gelöscht, darunter auch das Video, in dem Lau und andere Salafisten in Wuppertal patrouillieren, Jugendliche ansprechen und sie auffordern, nach ihren Werten zu leben, nach dem islamischen Recht, der Scharia: kein Alkohol, kein Glücksspiel, keine Prostitution, nicht in Diskotheken gehen. Ebenfalls seit dem Wochenende verschwunden sind die Bilder, auf denen die Salafisten mit den orangefarbenen Westen mit der Aufschrift "Scharia-Polizei" posieren.

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) ordnete der Polizei an, die Westen sofort sicherzustellen, sollten die Islamisten sie in der Öffentlichkeit tragen. Fürs Internet - so wie es bei den Symbolen der kriminellen Motorradrocker der Fall ist - gelte das Verbot aber nicht, erklärte ein Sprecher des Innenministeriums. "Die Salafisten sind eine Gefahr für die öffentliche Ordnung", betonte der Sprecher.

Die selbst ernannte "Schariah-Polizei" auf einem Internet-Foto. FOTO: Screenshot Facebook

Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits gegen elf dieser selbst ernannten "Sittenwächter", weil sie die Westen in der Stadt trugen. Die Polizei hatte sie bei ihrem Streifzug durch Wuppertal festgesetzt und ihre Personalien aufgenommen. Der Vorwurf lautet: Das Tragen der Jacken sei eine unzulässige Uniformierung und verstoße gegen das Versammlungsgesetz. Die Ermittler hatten ansonsten keine rechtliche Handhabe gesehen, um gegen die Salafisten im Alter von 19 bis 33 Jahren vorgehen zu können.

Neben Ralf Jäger hatten sich am Wochenende noch eine Reihe anderer Politiker für ein energisches Vorgehen gegen die "Scharia-Polizei" ausgesprochen. Auch der Zentralrat der Muslime in Deutschland verurteilte die selbst ernannten Ordnungshüter aufs Schärfste. Die Salafisten hatten offenbar nicht mit einem solchen Widerstand gerechnet. Auf breiter Front dementieren sie im Internet, Jugendlichen ihren Willen aufgezwungen zu haben. Am Sonntag tauchte neben der Sequenz auf der Facebook-Seite der "Scharia-Polizei" auf der Videoplattform Youtube noch ein zweiter Film mit Sven Lau auf - gemeinsam mit Pierre Vogel, dem bekanntesten deutschen Salafisten-Prediger.

Darin sitzen Vogel, der aus Hamburg zurück nach Nordrhein-Westfalen gezogen ist, und Lau nebeneinander auf einem Sofa. Vogel hält einen Laptop in der Hand und liest Berichte über die "Scharia-Polizei" vor. Er fragt Lau, ob das alles stimme. Lau verneint, schüttelt mit dem Kopf, gibt sich kleinlaut. Das sei alles nicht so gewesen, wie es dargestellt werde. Was sei schlimm daran, Jugendlichen zu sagen, dass Drogen Schwachsinn seien? 41 Minuten und 31 Sekunden dauern die Rechtfertigungen. Eines fällt in dem Video besonders auf: Vogel ist eindeutig der Chef. Lau wirkt eher wie ein Schüler, der zum Rapport erschienen ist - nicht weil er es wollte, sondern weil er es musste.

Fakten zum Salafismus in Deutschland FOTO: afp, FETHI BELAID

Ein szenekundiger Ermittler wertet die Aufnahme als "deutlichen Rüffel" für Lau. "Man kann annehmen, dass Vogel ihn zurückgepfiffen hat. Die Sache schien Vogel wohl zu groß zu werden." Zwar wollten die Salafisten mit der Scharia-Polizei eine gewisse Aufmerksamkeit erzielen. Doch dieses gewaltige Medienecho sei für ihre Sache eher kontraproduktiv. "Denn dadurch sind sie noch mehr in den Focus der Ermittlungsbehörden geraten." Und das könnten sie nicht gebrauchen.

Denn nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes rekrutieren die Salafisten im Bergischen Land auch junge Kämpfer für den menschenverachtenden Kampf der Terrormiliz IS (Islamischer Staat). Laut Polizei sind bereits einige junge Männer aus der Gegend um Wuppertal und Solingen ihrem Ruf gefolgt und kämpfen für die Errichtung eines Kalifates, eines islamitischen Gottesstaates. In den vom IS besetzten Gebieten im Irak und in Syrien verbereitet seit Längerem eine "Scharia-Polizei" Angst und Schrecken in der Bevölkerung.

Quelle: RP
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