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Selbstjustizprozess in Aachen
Ehepaar soll Mann wegen Facebook-Chat getötet haben

Selbstjustizprozess in Aachen: Ehepaar steht vor Gericht
In Aachen wird ein Fall von Selbstjustiz verhandelt. FOTO: dpa, mb mhe vfd
Aachen / Eschweiler. Weil sie glaubten, dass er ihre zwölfjährige Tochter misshandeln wollte, soll ein Ehepaar einen 29-Jährigen in einen Hinterhalt gelockt und umgebracht haben. Doch laut Anklage lagen die Eltern mit ihrem Verdacht falsch. Nun stehen sie wegen Mordes vor Gericht. Von Marlon Gego und Jessica Kuschnik

Der Ort, an dem Christian L. am 14. August ermordet wurde, liegt in Eschweiler nahe einer Autobahnauffahrt, aber doch so verborgen, dass es keine Zeugen für die Tat gab. Weil es den ganzen Tag über immer wieder gewittrig gewesen war und geregnet hatte, war abends kaum jemand auf der Straße. Ein Freund ließ den geistig zurückgebliebenen Christian L. um kurz vor 22 Uhr in der Nähe des späteren Tatorts aus dem Auto. Wenige Minuten später wurde der Mann getötet.

Ein Ehepaar ist angeklagt, den 29-Jährigen gemeinsamen mit einem Komplizen getötet zu haben. Der Mann soll zuvor mit ihrer zwölfjährigen Tochter Kontakt bei Facebook gehabt haben. Die Eltern vermuteten dahinter die Absicht des 29-Jährigen, dem Mädchen etwas antun zu wollen. Sie sollen ihn in einen Hinterhalt gelockt und dort mit einem Messer und einem Totschläger getötet haben. Er starb noch am Tatort. Deswegen müssen sich beide ab Dienstag in Aachen wegen Mordes vor Gericht verantworten. 

Fünf Personen sind angeklagt

Der Mord an Christian L. gab den Ermittlern lange Rätsel auf. Es dauerte mehrere Wochen, ehe Polizei und Staatsanwaltschaft rekonstruiert hatten, was genau passiert war. Vor Gericht stehen drei Hauptangeklagte, die des gemeinschaftlichen Mordes beschuldigt werden, sowie ein Mann und eine Frau, die der Beihilfe beschuldigt werden. 

Christian L. hatte vergangenes Jahr bei Facebook die Tochter (12) des angeklagten Paares kennengelernt. Als er Kontakt mit ihr aufnahm, ahnte er von ihrem Alter nichts, so die Staatsanwaltschaft. Die Eltern hatten dem Mädchen das Profil einer 22-Jährigen angelegt, damit sich ihre Tochter ohne Einschränkungen bei Facebook bewegen konnte. So steht es in der Anklage.

Davon abgesehen sei zwischen Christian L. und der Zwölfjährigen nichts passiert, jedenfalls fand die Staatsanwaltschaft keine Hinweise darauf. Trotzdem gewannen die Eltern der Zwölfjährigen den Eindruck, dass Christian L. ein sexuelles Interesse an ihrer minderjährigen Tochter entwickelt hatte. Sie erstatteten Strafanzeige, die Aachener Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren gegen Christian L. ein. Doch schon nach kurzer Zeit wurde das Verfahren eingestellt.

Freundin der Familie soll Christian L. in die Falle gelockt haben

Für die Eltern war der Fall damit keineswegs abgeschlossen. Laut eigener Aussage versuchte die Mutter der Zwölfjährigen, über Facebook Kontakt mit Christian L. aufzunehmen, was allerdings misslang. Sie erzählte einer Freundin (38) von L.s angeblichem sexuellen Interesse an ihrer Tochter und bat sie, das Vertrauen des Mannes zu gewinnen. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft planten die Eltern gemeinsam mit der Freundin, Christian L. in eine Falle zu locken, zur Rede zu stellen und wohl auch, ihn zu verprügeln.

Der 38-jährigen Freundin der Mutter gelang es schließlich, Kontakt mit L. aufzunehmen und ihn in den Hinterhalt zu locken. Dort sollen laut Staatsanwaltschaft der 39 Jahre alte Vater der Zwölfjährigen und seine 31-jährige Ehefrau auf ihr Opfer gewartet haben. Wie genau sich das Gespräch entwickelte, ist bis heute nicht ganz klar. Fest steht laut der Ermittler, dass das Ehepaar Christian L. um kurz nach 22 Uhr mit einem Totschläger und einem Messer schwer verletzte und ihn liegen ließ, wo er dann verblutete. In einem Gebüsch am Tatort hatte sich ein 26 Jahre alter Bekannter für den Fall bereitgehalten, dass es Christian L. gelungen wäre, sich den Angriffen zu widersetzen und zu fliehen.

Für den Prozess sind 15 Verhandlungstage vorgesehen, das Urteil wird erst Mitte Mai erwartet. 

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