| 09.20 Uhr

Calais
Lkw-Fahrer als Schlepper missbraucht

Speditionen NRW leiden unter Flüchtlingschaos in Calais: Lkw-Fahrer als Schlepper missbraucht
Lkw-Fahrer Hans Bischof aus Rheinberg fährt die Strecke von Dover nach Calais und ist bereits mehrfach von Flüchtlingen bedrängt worden, sie mitzunehmen. Inzwischen hat er seine Route geändert. FOTO: Armin Fischer
Düsseldorf/Calais. Die Speditionen in NRW leiden unter dem Flüchtlingschaos in der französischen Hafenstadt Calais. Die Flüchtlinge verstecken sich in den Lkw, um illegal nach Großbritannien zu kommen. Dabei wenden sie auch Gewalt an. Von Sebastian Dalkowski und Christian Schwerdtfeger

Hans Bischof hat Hände, die zupacken können. Seit 43 Jahren fährt er Lkw durch ganz Europa. Drei bis vier Touren macht der 66-jährige Rentner aus Rheinberg noch pro Monat, von Venlo nach England. Zwischen Calais und Dover nahm er bis Juli den Zug. Dann wurde das Risiko zu groß. Weil immer mehr Flüchtlinge auf die Lkw wollen, um nach England zu kommen.

Bei seiner letzten Fahrt wartete Bischof im Dunkeln am Terminal aufs Weiterfahren Richtung Zug, als die Außenspiegel zurückgeklappt wurden. Er klappte sie wieder aus. So ging das Spiel einige Male. Bischof sagte dem Mann, der sich am Spiegel zu schaffen machte, er solle das lassen. "Woraufhin der gestikulierte, er würde mir die Kehle durchschneiden." Das Ganze war bloß ein Ablenkungsmanöver. Später ließ er seinen Palettenkasten unter der Ladefläche von der französischen Polizei durchsuchen - sie holte sechs Flüchtlinge raus.

Seit Monaten versuchen in der französischen Hafenstadt Calais Tausende Flüchtlinge illegal durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu kommen, indem sie sich auf den Ladeflächen der Lkw verstecken. Das Flüchtlingschaos stellt die Logistikbranche vor enorme Probleme und Risiken. Die Polizei führt vor dem Tunnel strenge Kontrollen durch, denn die englische Einreise findet schon in Calais statt.

Wird ein Flüchtling in einem Lastwagen erwischt, wird der Fahrer festgenommen. Stundenlange Verhöre folgen, in denen er nachweisen muss, nichts von den Flüchtlingen an Bord gewusst zu haben. Gelingt ihm das nicht, wird er als Schleuser eingestuft und muss 500 Pfund Strafe zahlen. Seine Spedition wird ebenfalls bestraft und muss 2000 Pfund entrichten. "Obwohl man nichts dafür kann, wird man bestraft. Das ist nicht in Ordnung", sagt Thomas Wenking vom Verband Spedition und Logistik NRW. "Man fühlt sich unter Generalverdacht gestellt."

Wegen der verschärften Sicherheitskontrollen kommt es zu stundenlangen Wartezeiten. Kilometerlang stauen sich die Lkw auf den Autobahnen vor Calais. "Das und die unhaltbaren Zustände verursachen bei den betroffenen Transportunternehmen erhebliche zusätzliche Kosten, die existenzbedrohliche Ausmaße erreichen", sagt Adolf Zobel, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Güterkraftverkehr und Entsorgung (BGL).

Erst vor wenigen Tagen hatte ein Ansturm von Flüchtlingen den Eurotunnel wieder einmal zeitweise lahmgelegt. Mehr als 200 Migranten hatten versucht, das gesicherte Gelände zu überlaufen. Viele drangen kilometerweit in den Tunnel ein. Nach Angaben des Betreibers Eurotunnel musste der Zugverkehr durch den rund 50 Kilometer langen Tunnel mehrere Stunden ausgesetzt werden. Seit Juni kamen bei Versuchen, auf per Zug transportierten Lastwagen oder zu Fuß durch den Tunnel zu kommen, mindestens 13 Menschen ums Leben.

Und mit Beginn der kalten Jahreszeit wird sich die Situation noch weiter verschärfen. "Kurz vor dem Winter wollen es alle schaffen, noch schnell auf die Insel zu kommen", sagt ein Polizist. Um ihr Ziel zu erreichen, schrecken einige Schutzsuchende auch vor Gewalt nicht zurück. "Es gibt Fahrer, die Angst um ihre Leben haben", sagt Zobel. Denn die Flüchtlinge versuchen mit allen Mitteln, auf den Lkw zu gelangen. Schlösser und Plomben werden aufgebrochen, die Ladung aus dem Lkw geworfen. "Fahrer, die sie dabei erwischen, werden oft angegriffen, mit Steinen beworfen", berichtet Zobel. Lkw-Fahrer Bischof erzählt von seinen Erfahrungen: "Sie sind nicht gewalttätig gegenüber den Fahrern geworden, sie wollten nur mit Gewalt in die Laderäume, um nach England zu kommen." Er fügt hinzu: "Für uns Fahrer ist das eine große Belastung. Man muss die ganze Zeit hellwach sein." Er wünscht sich, dass England mehr Flüchtlinge auf die Insel lässt. "Ohne die Hilfe der Engländer wird sich die Situation nicht verbessern", sagt er.

Wegen der Gefahr weigern sich bereits immer mehr Fahrer, noch Touren nach Großbritannien anzunehmen. Die Polizei sorge nach Meinung der Branchenverbände nur unzureichend für die Sicherheit der Lkw-Fahrer. "Die französische Polizei ist offensichtlich vollkommen überfordert mit der Situation und derzeit nicht in der Lage, die Fahrer und die Fahrzeuge vor Übergriffen zu schützen", sagt Zobel.

Die Fahrer sind angewiesen, schon 100 Kilometer vor Calais keine Raststätten und Parkplätze mehr anzusteuern, weil dort die Gefahr am größten ist, dass die Schutzsuchenden auf die Ladeflächen klettern. Aber auch im Stau klettern die Flüchtlinge auf die Lkw, indem sie die Planen aufschneiden.

Bischof hat mittlerweile die Route gewechselt. Er fährt über Hoek van Holland mit der Fähre nach England. Die Überfahrt dauert allerdings elf Stunden. Auf einer Rückfahrt sah er in Calais kürzlich einen neuen Zaun, drei Meter hoch. "Aber den schneiden die Leute durch. Die wollen unbedingt rüber."

Quelle: RP
Diskussion
Das Kommentarforum zu diesem Artikel ist geschlossen.