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Selbsttest in Spielothek
Warum Menschen spielsüchtig werden

Spielothek: Warum Menschen spielsüchtig werden
Blinken, Leuchten, Klacken, Surren: Ein Spielautomat im Einsatz (Archiv). FOTO: dpa, ole fpt jst
Neuss. Im Kampf gegen Spielsucht und Kriminalität sollen zwei von drei Spielhallen in NRW schließen. Was zieht Menschen überhaupt dorthin? Zwei Stunden an einem von 300.000 Glücksspielautomaten in Nordrhein-Westfalen. Von Tobias Jochheim

Die Aufsicht in der "Goldenen Münze" macht mir keine Illusionen. "Wie läuft das denn hier?", frage ich verdruckst beim Betreten der abgedunkelten Spielothek, die versteckt liegt und zugleich in Bestlage, direkt am Neusser Rathaus sowie wichtiger noch, den Geldautomaten aller großen Banken. Der mittelalte Mann hinter dem Tresen blickt kurz von seinem Smartphone auf und sagt tonlos: "Wie soll es schon laufen? Geld wechseln, reinschmeißen, finito."

Das trifft es sehr gut. Bloß das mit dem Schlussmachen ist nicht so einfach, wie es klingt.

Ich hatte Automaten-Glücksspiel für einen Anachronismus gehalten, eine schrumpfende Nische, aber es gibt in Deutschland rund 9000 Spielotheken und mehr als 300.000 Spielautomaten. 7,8 Milliarden Euro Jahresumsatz hat die Branche zuletzt gemacht und dem Staat dabei Steuereinnahmen von mehr als 1,8 Milliarden Euro eingebracht. Auf jeden Bankautomaten, an dem sich Geld abheben lässt, kommen fünf Spielautomaten, in die man es versenken kann.

Ich setze mich an einen der acht grell beleuchteten Automaten, zwischen denen sich die drei Zimmerpflanzen und die Reste des absolut durchschnittlichen Raums verlieren. Auf einen der schwarzen Sessel, deren Rückenlehne kaum jemand je berührt, weil alle vornübergebeugt sitzen, hoffend, bangend.

Der "Multi VI" blinkt und leuchtet, klackt und surrt und dudelt. Ich lasse vier Zwei-Euro-Münzen darin verschwinden und studiere den riesigen Touchscreen. Aus den dutzenden Spielen wähle ich schließlich eins mit dem Titel "The Plünder Pack", aber der Unterschied zu "Desert Dancer" oder "Kangaroo Island" ist marginal: Überall drückt man am Ende bloß auf den grünen "Start"-Knopf und hofft darauf, dass auf fünf nebeneinander liegenden Feldern mehrmals das gleiche Symbol erscheint, egal ob es Wikinger sind oder Früchte oder Tiere.

Meist hofft man vergeblich.

Jeder Gewinn ist eine Ausnahme von der Regel. Doch wer spielt, ist überzeugt, dass er auserkoren ist, das System zu schlagen, die Statistik, die Maschine. Oder schlagen wird, in der nächsten Runde. Das wirft die Frage auf: Wie viele Menschen, die regelmäßig Spielhallen aufsuchen, sind suchtkrank?

Geldwerte "positive Gesten" an die Politik

Auf diese Frage hat jeder eine andere Antwort, am erstaunlichsten ist jene von Paul Gauselmann (82). Er gewinnt, wenn ein Spieler verliert. 10.000 Mitarbeiter hat die Firmengruppe des Automaten-Königs aus Ostwestfalen, 2,5 Milliarden Euro Umsatz machte sie im letzten Jahr mit der Programmierung, Vermietung und Wartung von "Merkur”-Spielautomaten sowie 500 gleichnamigen Spielotheken in ganz Europa.

Damit das Geschäft weiter brummt, verteilten Gauselmann und seine Manager jahrzehntelang Geldspenden an Politiker, stets in Einzelbeträgen zu weniger als 10.000 Euro, so dass sie in keinem Spendenbericht auftauchen. Völlig legal. Mehr als eine Million sei so zwischen 1990 und 2010 geflossen, gab Gauselmann zu. Das seien aber lediglich "positive Gesten, mit denen gesellschaftspolitisches Engagement verdeutlicht werden sollte”.

Besonders zugetan ist Gauselmann der FDP, aber er ist Geschäftsmann, kein Ideologe. Auch der SPD-Mann Rolf Krumsiek, einst Justizminister von NRW, saß bis zu seinem Tod im Aufsichtsrat. Die ostwestfälischen Städtchen Lübbecke und Espelkamp haben Gauselmann, der sich lokal großzügig engagiert, zum Ehrenbürger gemacht und eine Straße nach ihm benannt. Auch mit dem Bundesverdienstkreuz wurde der Mann mit dem vermuteten Milliardenvermögen ausgezeichnet, für "Verdienste um die deutsche Automatenwirtschaft”.

"Alles macht süchtig, wenn man es zu viel macht”, sagt Gauselmann, der sich gern über "böse Vorurteile" beschwert – aber auf die absolute Mehrzahl der Besucher seiner Spielhallen treffe das eben nicht zu: Das Glücksspiel sei "für über 99 Prozent unserer Gäste" eine "harmlose Freizeitbeschäftigung", heißt es auf der Website seiner Unternehmensgruppe. Unbestritten ist, wie man dort weiter betont, dass "nur 0,19 bis 0,82 Prozent der erwachsenen Bevölkerung" ein problematisches Spielverhalten zeigten, je nach Definition.

Alle paar Sekunden winkt ein Gewinn – theoretisch

Spielhallen-Eingangstür (in Frankfurt, Archiv). FOTO: dpa

In absoluten Zahlen wirkt dieselbe Aussage ganz anders: Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen geht von fast 500.000 Spielsüchtigen aus. Eine halbe Million Menschen, die Halt und Glück suchen, oft Gewalt oder Diskriminierung erfahren haben und meist durch berufliche oder private Probleme in die Spielsucht rutschen. Für einige Opfer solcher "temporär übertriebenen Spielleidenschaft" stellt eine Stiftung Gauselmanns 50.000 Euro pro Jahr bereit.

Das Automatenspiel mache besonders schnell süchtig, sagt Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim. Der Fachverband Glücksspielsucht (FAGS) meldet, dass 70 bis 80 Prozent derjenigen, die an einer entsprechenden Therapie oder Selbsthilfegruppe teilnehmen, abhängig vom Automatenspiel sind, nicht etwa von anderen Glücksspielarten wie Lotto. Auch deshalb seien 2016 rund 1,3 Milliarden Euro allein in nordrhein-westfälischen Spielotheken verspielt worden.

Diese sind schnell und einfach zugänglich, und theoretisch winkt hier alle paar Sekunden ein neuer Gewinn, dessen Erreichen der Spieler glaubt beeinflussen zu können – irrigerweise. Der Zufallsgenerator arbeitet innerhalb bestimmter Grenzen – maximaler Verlust pro Automat und Stunde: 60 Euro, maximaler Gewinn: 400 Euro; so schreibt es das Gesetz vor. Aber wann man welche Taste drückt und wie fest, spielt keine Rolle.

Die einzige, aber entscheidende Ausnahme bildet die Taste für die Auswahl des Einsatzes, wie ich gleich zu Anfang schmerzlich erfahre. Vor lauter Reizüberflutung merke ich nicht, dass sich mein Druck auf eine "Risiko"-Taste, so viel Überwindung er auch gekostet hat, nicht nur einmalig auswirkt. Anstatt des Mindesteinsatzes von 5 Cent verspielte ich deshalb mal 60 Cent und mal einen Euro. Pro Runde, und das heißt: Etwa alle drei Sekunden. Bevor ich mich versehe, sind acht Euro weg.

Dass ich verlieren würde, hatte ich erwartet. Aber ich hatte auch erwartet, dass ich mich unter Kontrolle haben würde.

Spieler-Logik: Wer verliert, sollte länger spielen

Stattdessen bin ich nach zweieinhalb Stunden und hunderten Spielen 23,50 Euro los. Das klingt nach wenig, aber erstens habe ich nicht an mehreren Automaten zugleich gespielt, sondern an nur einem einzigen, und zwar extrem langsam und risikoarm. Und zweitens habe ich trotz allem mehr verloren als mein selbst gesetztes Limit von 20 Euro. Angefixt durch die Zwischengewinne, die ich in froher Erinnerung behielt, während ich die stetigen kleinen Verluste beim Spielen bald nicht mehr wahrnahm.

Einmal gewann ich sechs Euro auf einmal. Von den zu diesem Zeitpunkt 14 Euro auf meinem virtuellen Konto zahlte ich mir 10 sofort selbst aus, stolz auf meine Selbstdisziplin. Sofort fielen die Münzen klackernd in den Auswurf. Doch alles, was ich gewann, steckte ich Stück für Stück wieder in den Schlitz. Bis mein komplettes Geld weg war, alles bis auf den einen Euro, den ich für die Dose Cola brauchen würde, die mir der gelangweilte Aufseher hingestellt hatte. 

"Keine Sucht ist so teuer wie die Glücksspielsucht”

Nach einem kleinen Zwischengewinn hatte ich gegen Ende 3,50 Euro auf dem Konto gehabt. Klug wäre gewesen, sie mir auszahlen zu lassen und zu gehen – um genau 20 Euro ärmer und eine Erfahrung reicher. Aber dazwischen kam mir mein Stolz: Ich wollte nicht 20 Euro verspielt haben, sondern höchstens 19 oder 18, idealerweise 15 oder noch weniger. Weil ich nicht akzeptieren konnte, mein Limit überschritten zu haben, überschritt ich es noch weiter. Das ist die klassische, abstruse Logik der Spieler. In der trügerischen Hoffnung auf den einen Gewinn, der alle Verluste ausgleicht, verschulden sich viele, belügen ihre Familien und Freunde so lange, bis sie ohne soziales Netz dastehen – nur um vor dieser neuen Realität wiederum in die Spielothek zu flüchten. Manche suchen sich spät Hilfe, wenn sie ihren Job oder ihren Partner verlieren. Manche treiben die Scham und der Selbsthass in den Suizid.

"Keine Sucht ist so teuer wie die Glücksspielsucht”, betont die Polizeiliche Finanzermittlerin Meike Lukat (49) aus Haan, die auf Glücksspiel spezialisiert ist. Sie beklagt, dass weder eine zentrale Aufsichtsbehörde noch eine zentrale Ermittlungsbehörde für die Verfolgung von illegalem Glücksspiel existiert. Längst nicht jeder Automat werde vom Staat geprüft, geschweige denn jedes darauf installierte Spiel. Die Behörden verließen sich zu sehr auf die Auskünfte der Hersteller – selbst nach der Feststellung bundesweiter Manipulationen gebe man sich mit Software-Updates zufrieden, statt Geräte aus dem Verkehr zu ziehen, ”ganz ähnlich wie in der Automobilindustrie”.

Und auch beim Spiel an ordnungsgemäß programmierten Automaten benötigten Spielsüchtige so viel Geld, dass sie häufig Straftaten begingen, sagt Lukat. Die Spielsucht fordere deshalb auch indirekt ungezählte Opfer. "Zum Beispiel die Oma, der die Handtasche geklaut wird und die dabei vielleicht niedergeschlagen wird. Oder die junge Mutter, deren Mann die Haushaltskasse verspielt hat und auch das Ersparte der Kinder.”

Dass die 2012 beschlossene Verschärfung des Glücksspielstaatsvertrags nach einer Übergangsfrist zum 1. Dezember tatsächlich in Kraft tritt, ist für Lukat überfällig. Der Betrieb mehrerer Spielhallen in unmittelbarer Nähe zueinander ist danach untersagt. Werden die Vorgaben konsequent umgesetzt, müssen wohl 70 Prozent der 4200 Spielhallen in NRW schließen. Das Bundesverfassungsgericht hat die Verhältnismäßigkeit der Gesetzesverschärfung bereits bestätigt. Betreiber wie die Gauselmann-Gruppe haben dennoch angekündigt, sich auch juristisch gegen Schließungen zu wehren.

"Kommunen sind heillos überfordert"

Dass Spielhallen-Schließungen zu einer Abwanderung von Spielern in die Illegalität führen, wie es Lobbyisten prophezeien, glaubt Lukat nicht. In Kellern oder Hinterhöfen müsse sich ohnehin niemand verstecken, schon angesichts der Vielzahl an Wettbüros, deren Betreiber "ohne behördliche Genehmigung” in einer rechtlichen Grauzone operierten. Bei Spielhallen wie Sportwettenanbietern sieht Lukat dasselbe Problem: "Die Kommunen sind heillos überfordert, Ordnungsbehörden oft personell unterbesetzt, und auch der Kriminalpolizei fehlt Fachpersonal. Meiner Einschätzung nach ist es politisch auch nicht gewollt, diesen Zustand zu ändern."

Apropos Zustand ändern: Ich verlasse die Spielhalle erst, als ich überhaupt kein Bargeld mehr habe, nicht einmal das, was ich mir fürs Parkticket zurückgelegt hatte. Für mich hat Glücksspiel nichts mit Spiel zu tun, bloß mit Glück. Theoretisch weiß ich nun auch aus erster Hand, was ich schon zuvor vermutet hatte. Die plötzliche Stille zu ertragen, mit der die Automaten Spieler strafen, denen das Geld ausgegangen ist, fällt mir trotzdem erstaunlich schwer.

Aber eben zum Glück nicht so schwer wie dem spielsüchtigen Mann, der eines Tages Kühlschrank und Waschmaschine seiner Freundin verkaufte. Oder wie dem Mann mit dem ergrauten Schnäuzer und dem leeren Gesichtsausdruck am Automat neben mir: Einen 20-Euro-Schein schiebt er behutsam in den Automat "Magic 2014 Deluxe". Dann schaltet er die Automatik ein und geht vor die Tür, um hastig die Zigarette zu rauchen, die er sich gedreht hat. Als er wiederkommt, ist sein Guthaben auf 3,40 Euro geschrumpft. Fluchend lässt er sich diesen kümmerlichen Rest auszahlen. Vom Bildschirm lachen eine Cartoon-Sonne und zwei Teufelchen.

Ich werfe meine Coladose in den Mülleimer neben dem Zigarettenautomat. Meinen mühsam aufgesparten Euro brauche ich nicht. Das Getränk geht aufs Haus. Mein Nachbar spielt immer noch. Obwohl er schon vor einer Dreiviertelstunde erkannt und gerufen hatte: "Hier gewinnste nie irgendwat!" Ich stehe auf, trete aus der Tür und glaube zu sehen, dass mich die Passanten auf der Straße mitleidig ansehen. "Ich gehe!", hatte auch der Mann mit dem Schnäuzer empört gerufen, gerade als der Wirt ihm seinen Kaffee bringen wollte. Und dann ging er. Anderthalb Meter weit, bis zum nächsten Automaten.

Hilfsangebote: Beratung und Hilfe erhalten Spielsüchtige kostenfrei und anonym entweder unter der Hotline 0800-0776611 oder online.

 
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