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Sterbender Mann in Essen ignoriert
Die unbarmherzige Gesellschaft

Sterbender Mann in Essen ignoriert – die unbarmherzige Gesellschaft
Bankkunden waren über den am Boden liegenden Mann gestiegen, ohne ihm zu helfen. FOTO: Polizei Essen
Essen/Düsseldorf. Der Vorfall in einer Essener Bank, bei dem einem 82-jährigen Sterbenden niemand half, richtet sich auch an uns. Wie hätten wir uns verhalten? Von Lothar Schröder

Sich über den Fall aus Essen zu mokieren und zu entsetzen, fällt wie immer leicht. Über die vier Kunden, die über einen 82-jährigen, reglos am Boden liegenden Mann steigen, um ihre Bankgeschäfte am Automaten zu tätigen. Der Mann ist gestorben. Er hätte, bei rechtzeitige Hilfe, vielleicht eine Chance gehabt. Was für eine kalte, unbarmherzige Welt, in der wir leben.

Und wir? Wie hätten wir uns verhalten? Möglicherweise in Eile und möglicherweise in einer Bankfiliale, in der häufiger Betrunkene oder Obdachlose nach Wärme und einem Dach über dem Kopf gesucht haben. An Szenarien, Fehldeutungen der Lage erklären zu können, mangelt es nicht. Die Psychologen sagen sogar: Sie seien menschlich. (Und wollen nicht hoffen: allzu menschlich.)

In Notsituationen, behaupten Psychologen, müssen potenzielle Helfer bis zur Tat nicht weniger als fünf Hürden überwinden. Sie müssen die Situation wahrnehmen, diese als Notsituation erkennen, schließlich Verantwortung übernehmen, die Möglichkeiten der Hilfe sehen und letztlich die Hilfe durchführen. Dabei gibt es zu bedenken, dass, je größer die Zahl anwesender Menschen ist, die Bereitschaft schwindet, Verantwortung tatsächlich zu übernehmen. Bis am Ende alle schauen und keiner hilft.

Offenbar gibt es kein Hilfe-Gen, keinen Automatismus

Unbewusst spielt sich aber noch etwas anderes in unseren Köpfen ab – eine peinliche Kosten-Nutzen-Rechnung. Die Nutzen: dem Leidenden wird geholfen, der Einsatz stärkt mein Selbstwertgefühl. Die Kosten: die Aktion wird Zeit in Anspruch nehmen, vielleicht werden meine Kleider beschmutzt oder beschädigt, vielleicht blamiere ich mich sogar. Offenbar gibt es kein Hilfe-Gen, keinen Automatismus, der uns in Notfällen keine Fragen und Hürden stellt, sondern uns einfach Antworten gibt, handeln lässt.

Das Verhalten der Bankkunden – wobei selbst der Ort des schlimmen Vorfalls sinnfällig zu sein scheint – lässt sich spielend leicht als Symbol unserer egoistischen und verrohten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts deuten.

"Der barmherzige Samariter" (Lukas 10,25-37). Farblithographie nach dem Holzschnitt in Julius Schnorr von Carolsfelds Folge: "Die Bibel in Bildern", 1852/60. FOTO: dpa

Die Bibel lehrt uns mal wieder etwas anderes. Etwa in der Geschichte vom barmherzigen Samariter; jeder kennt sie, und vielen wird sie bei der Nachricht aus Essen in den Sinn gekommen sein. Zunächst liest sich das biblische Gleichnis wie eine Variante der Erzählung von St. Martin. Der Samariter wendet sich einem hilflosen Mann am Straßenrand zu, der Opfer einer Gewalttat wurde.

Der Notlage folgt damit der selbstlose Einsatz eines Helfers. So weit, so schön – und doch so unvollständig. Denn das Gleichnis, wie es uns der Evangelist Lukas erzählt, ist viel revolutionärer als nur die Geschichte irgendeines Gutmenschen und ist theologisch herausfordernder, als man denkt. Bevor nämlich dem Opfer am Straßenrand geholfen wird, gehen ein Levit und dann auch ein Priester achtlos an ihm vorbei. So ist ausgerechnet ein Samariter zur Stelle; einer, der damals als eine Art halber Heide verachtet wurde. Und die Provokation dieser Hilfsaktion geht noch weiter: Jesus erhebt diesen Samariter auch noch zum Vorbild. "Dann geh und handle genauso!", sagt er.

Barmherzigkeit ist eine radikale Haltung

Wieder einmal allerhand, was im Evangelium steht. Weil im Gleichnis mehr als nur eine Handlungsanweisung für gerechtes Handeln steht. In der Geschichte scheint eine Unruhe zu arbeiten, die sich – wie es der Fall in Essen zeigt – bis heute nicht gelegt hat.

Offenkundig ist gerechtes Leben nicht an einen Berufs- oder Bildungsstand gebunden, nicht einmal an eine Berufung. Denn selbst der Priester zieht es vor, seiner Wege zu ziehen. Zum Vorfall vor der quasi eigenen Bistumstür hat Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck gesagt, dass ohne Barmherzigkeit keine echte Gesellschaft existieren könne. Aber ist eine solche Hilfe nicht schlicht und einfach eine Selbstverständlichkeit? Aber auch im Gleichnis vom Samariter ist davon nichts zu spüren. Es verunsichert unsere Vorstellung davon, was wir Gerechtigkeit nennen. Also doch Barmherzigkeit, die den Samariter sprichwörtlich umkleidet und die Papst Franziskus zum Leitwort des Heiligen Jahres ausgerufen hat?

Barmherzigkeit ist eine radikale Haltung. Weil sie das einfache Gerechtigkeitsempfinden übersteigt. Für den deutschen Kurienkardinal Walter Kasper ist Barmherzigkeit eine "Gott eigene Gerechtigkeit". In gewisser Weise übersteigt sie so den menschlichen Verstand. Sie sprengt sogar die Logik eines menschlichen Gerechtigkeitsempfindens. Das nämlich muss immer unvollkommen bleiben.

In der Barmherzigkeit ruht eine Zukunftschance

Ein Wesenszug der Barmherzigkeit findet sich in seinem ursprünglichen Wortsinn. "Misericordia" heißt, sein Herz (cor) bei den Armen (miseri) zu haben. Das übersteigt jede Empathie und die Fähigkeit selbst zur regen Anteilnahme. Wer sein Herz bei den Armen trägt, hat die Distanz überwunden. Die Grenzen zwischen Opfer und Helfer werden zunehmend unscharf.

Und so wie dem Armen geholfen wird, lässt auch der Einsatz den Helfer nicht unverändert. Mit seiner Hilfe wird vieles anders und manches belanglos. Das sind hohe, vielleicht zu hohe Ansprüche. Auch darum gilt es, die Geschichte immer wieder aufs Neue zu erzählen; ihre Unruhe zu bewahren, ihren revolutionären Geist lebendig zu halten. In der Barmherzigkeit ruht eine Zukunftschance der Gesellschaft.

 
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