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Zum Tag der Trinkhallen in NRW
Liebes Büdchen, du bist immer für mich da

Tag der Trinkhallen in NRW: Eine Liebeserklärung ans Büdchen
Der Kiosk an der Amtsgerichtsstraße in Ruhrort. FOTO: Reichwein
Düsseldorf. Es ist klein, vollgestopft und der Geruch ist immer derselbe, eine merkwürdige Mischung aus Tabak, Zeitungspapier und Kaffee: das Büdchen an der Ecke. Doch es ist unser Lebensretter, morgens um fünf und nachts um drei. Eine Liebeserklärung. Von Laura Ihme

Schlümpfe. Denk' ich ans Büdchen, denk' ich an Schlümpfe. Sie wissen schon: Diese ultrasüßen, ultraklebrigen Gummidinger, bei denen sich Zucker mit purer Chemie verbindet. Wann immer ich ein Büdchen irgendwo in der Bundesrepublik betrete, rieche ich sie, sehe ich sie. Schließlich hat mit ihnen alles angefangen.

Das war 1997 und ich war in der ersten Klasse und meine beste Freundin und ich hatten von unseren Müttern ein Fünf-Mark-Stück bekommen. "Für Süß", wie wir damals sagten. "Süß" vom Büdchen. Also stiefelten wir los, zum Kiosk ums Eck und haben die größten Süß-Tüten aller Zeiten gekauft. 1997 konnte man sich mit einem Fünf-Mark-Stück schließlich noch eine halbe Süßwarenfabrik leisten. Was in die Tüte meiner Freundin kam: saure Schlangen, Center-Schock-Bonbons, Cola-Flaschen. Was in meine Tüte kam: Schlümpfe (ich hatte es nie so mit der Variation und habe mich lieber auf eine Sorte beschränkt). Die Süß-Tüten haben nur kurz überlebt. Wir haben alles gegessen. Innerhalb von Minuten. Danach war mir so schlecht wie noch nie in meinem Leben – und ich hatte mich in das Büdchen verliebt.

Büdchen in Düsseldorf stellen sich vor FOTO: Hans-Juergen Bauer

Denn anders als der Supermarkt, in den man ja nur mit Mama fuhr und wo man stets dem Einkaufswagen hinterherlief, war ich im Büdchen König Kunde, konnte ganz allein entscheiden, für welches Zeug ich mein Geld ausgeben will: Süß-Tüten, die Wendy (Fehlinvestition!), Wundertüten mit billigem Kitsch und später dann "Gogos". Falls Sie sich an Letztere nicht erinnern: Das waren kleine Plastikfiguren, die man auf dem Schulhof tauschte – sie kamen nach den Diddlmäusen und vor den Pokémon-Karten. Mir doch egal, wenn Mama findet, dass ich zu viele von den Dingern habe, mit meinen zwei Mark Taschengeld pro Woche kann ich machen, was ich will! Das Büdchen war Freiheit – und mir gehörte die Welt.  

Auf der weiterführenden Schule waren Süß-Tüten dann erst einmal out. Wer etwas auf sich hielt, hat stattdessen heimlich in der Pause das Schulgelände verlassen und ein Waldmeister-Kratzeis gekauft, es im Verborgenen, so dass es zwar die anderen Schüler aber nicht die Lehrer sahen, leergekratzt. Oder eine Bravo gekauft. Mit 16 gab es dann das erste Bier vom Büdchen. Das haben dann ältere Freunde besorgt. Hat widerlich geschmeckt. Aber verdammt, waren wir cool, war ich cool! Noch cooler waren nur die Alkopops, bevor sie verboten wurden: Dank Büdchen zum ersten Vollrausch.

So sahen Büdchen in Düsseldorf aus FOTO: Archiv-Brzosa

Wo wären diese Erinnerungen, wenn ich das Büdchen nicht gehabt hätte? Hätte ich dann Vollkornkekse aus dem Reformhaus mit meiner Freundin gefuttert und hätte ich dann meine Pausen auf dem Schulhof verbracht, so ganz ohne Adrenalin, ohne den Reiz des Verbotenen? Wie langweilig wäre ich denn dann bitte gewesen?!

Das Büdchen macht das Leben aber nicht nur lebenswert, es rettet es zuweilen auch. Um drei Uhr nachts zum Beispiel, wenn man noch ganz dringend ein Bier für den Weg nach Hause braucht. Oder Sonntagnachmittags, wenn einem die Milch ausgegangen ist, aber Mutter bald kommt und man sich ohne Milch im Kühlschrank wieder anhören müsste, alleine nicht lebensfähig zu sein.

Dann ist das Büdchen für dich da

Budenzauber in Duisburg: Unsere schönen Trinkhallen im Revier FOTO: Christian Schwerdtfeger

Wenn du morgens total verkatert Brötchen kaufst. Wenn die Kippen alle sind. Wenn die Batterien von der Fernbedienung leer sind und du nicht auf Fußball umschalten kannst. Wenn du einen Kaffee brauchst, um es zur Arbeit zu schaffen. Wenn du ein Date hast und vorher noch Knoblauch gegessen hast und jetzt sofort das allerstärkste Kaugummi brauchst. Wenn du so richtig schlecht drauf bist und der Mann hinter dem Tresen dir einen Kinderriegel in die Hand drückt, ohne ihn abzurechnen und dir schweigend zunickt. Wenn du Liebeskummer hast und ganz dringend die "Bunte" lesen musst, um auf andere Gedanken zu kommen. Wenn dein bester Freund Liebeskummer hat und du ein Sixpack kaufst, um ihm beizustehen. Wenn du Klopapier brauchst. Wenn du mal wieder Schlümpfe essen willst. Dann ist das Büdchen für dich da.

Ich lebe in Düsseldorf-Flingern. In meinem unmittelbaren Umkreis gibt es mindestens fünf Büdchen. Ich weiß gar nicht, wie sie alle heißen. Und wann sie aufhaben. Das ist ja das Großartige: Eins von ihnen hat immer auf, ich muss die Öffnungszeiten gar nicht kennen. Und auch sonst muss ich nichts über das Büdchen wissen, aber seine zehn vollgestopften Quadratmeter, sein Geruch, bestehend aus dem immer gleichen, unangenehmen Mix aus Tabak, schalem Bier, Zeitungen und Kaffee – sie sind immer für mich da. Ich muss nur mein Kleingeld da lassen. Das Heimatgefühl gibt es schon für ein paar Euro – das hat sich seit 1997 nicht geändert, auch wenn die Süß-Tüten vielleicht kleiner geworden sind.

Aber es ist ja auch nichts für die Ewigkeit, ich bin ja auch nicht mehr wie 1997, Schlümpfe bestimmen nicht mehr meine Sorgen und ich muss auch nicht mehr meinen Ausweis zeigen, um einen Biermix zu bekommen. Stattdessen kaufe ich sonntagmittags Milch. Und die allermeiste Zeit ist das auch okay so. Und wenn es mal nicht okay ist, kaufe ich Schlümpfe. Deshalb liebe ich das Büdchen und deshalb sollten wir alle das Büdchen lieben: Weil es unser Leben rettet und weil wir dort in unserer sonst so chaotischen Welt kurz mal nur wir selbst sein können. König Kunde ohne Einkaufswagen. Das Büdchen ist Freiheit. 

Am kommenden Samstag, 20. August, ist der Düsseldorfer-Büdchentag. Hier geht's zum Programm. 

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