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Bocholter SPD-Politiker Thomas Purwin
"Ich habe bis zu 15 Hassnachrichten am Tag bekommen"

Thomas Purwin wegen Hassmails zurückgetreten: "Mit Kommunalpolitik ist erstmal Schluss"
Die ersten Morddrohungen per E-Mail erhielt der 35-jährige Familienvater Anfang Oktober 2016. FOTO: SPD Bocholt/dpa
Bocholt/Düsseldorf. Der Bocholter SPD-Vorsitzende Thomas Purwin ist zurückgetreten – wegen Hassmails. Warum mit der Kommunalpolitik nun Schluss ist, erzählt er im Gespräch mit unserer Redaktion.  Von Franziska Hein

Die ersten Morddrohungen per E-Mail erhielt der 35-jährige Familienvater Anfang Oktober 2016. In der Folge sagte er den Parteitag, der wenige Tage später geplant war, ab. Unter diesen Umständen wollte er sich nicht erneut zum Parteivorsitzenden wählen lassen. Im kommenden Feburar sollte der Parteitag nachgeholt werden. Doch wieder sind Hassmails dazwischen gekommen. Purwin hat nach verbalen Attacken gegen seine Lebensgefährtin und seine Tochter entschieden, das Amt als SPD-Vorsitzender niederzulegen. Auch wenn das bedeutet, dass die Hasser gewinnen.

Herr Purwin, wie geht es Ihnen heute? 

Purwin Die Situation ist natürlich beschissen. Auf diese Hassmails hätte ich gerne verzichtet. Aber die Resonanz auf meinen Rücktritt ist positiv. Viele Menschen bekunden ihre Solidarität. Gestern habe ich noch mit Hannelore Kraft telefoniert. Das tut gut.

Sie sind nicht der Einzige, der solche Hassmails bekommen hat...

Purwin Das ist richtig. Die Mitarbeiter der Verwaltung, unser Bürgermeister, der Kämmerer und auch andere Ratsmitglieder sind betroffen. 

Was sind denn die Themen dieser Mails, wenn man das so sagen kann?

Purwin Es ging um die Flüchtlingspolitik. Dann ging es um die Anhebung der Grundsteuer. Es hieß sinngemäß, die Stadt würde den Grundsteuersatz anheben, um Geld für Flüchtlinge zu haben. Für Flüchtlinge tue die Stadt alles, für deutsche Rentner nichts. 

Wann hat das mit den E-Mails angefangen?

Purwin Vor gut einem Jahr, im Dezember 2015, haben wir das erste Mal E-Mails über die Internetseite der Bocholter SPD bekommen. Damals wurden der Bürgermeister und der Kämmerer adressiert. Es gab auch Briefe, auf denen Galgen abgebildet waren. Ich habe das erste Mal am Tag der Deutschen Einheit 2016 Hassmails bekommen, darunter auch Morddrohungen.

Gab es dafür einen Anlass?

Purwin Nein, zumindest keinen, der mir bekannt wäre. Ich bin immer viel auf Facebook unterwegs und beteilige mich an Diskussionen. Mir geht es darum, Politik zu erklären und Missverständnisse auszuräumen. Anfang Oktober sollte unser Parteitag stattfinden, auf dem ich mich als Parteivorsitzender wiederwählen lassen wollte. Das habe ich dann abgesagt, weil ich mich unter diesen Umständen nicht aufs Podium stellen wollte. 

Wie ging es danach weiter?

Purwin Danach gab es erstmal weniger E-Mails. In der Spitze waren es 15 E-Mails an einem Tag. Wir haben dann angefangen, den Parteitag neu zu planen. Der sollte am 6. Feburar 2017 stattfinden. Sigmar Gabriel hatte sein Kommen angekündigt. Am vergangenen Sonntag habe ich dann die E-Mail erhalten, in der meine Lebensgefährtin und meine Tochter aufs Widerlichste angegriffen wurden. 

Warum treten Sie jetzt zurück? 

Purwin Mit den Angriffen gegen meine Familie ist für mich die Grenze überschritten. Ich kann mich mit Drohungen gegen mich abfinden. Aber das andere geht einfach zu weit. Die E-Mails sind obszön und ekelhaft. Ich will den genauen Wortlaut an dieser Stelle nicht wiederholen. 

Wie sind Sie mit solchen Hassmails umgegangen?

Purwin Jede E-Mail wird an den Staatsschutz weitergeleitet. Das Problem ist, dass die anonym sind und wir die Absender bisher nicht zuordnen können. Ich nehme das ernst. Mich beschäftigen solche E-Mails schon, wenn ich sie lese. 

Haben Sie eine Vermutung, aus welcher Ecke die E-Mails kommen? 

Purwin Dem Sprachjargon und der Wortwahl nach zu urteilen aus der rechten Szene, wobei ich sagen muss: Wir haben in Bocholt nicht mehr Schwierigkeiten mit Rechten als anderswo. 

Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Purwin Ich habe mich elf Jahre lang in der Kommunalpolitik engagiert. Damit ist erstmal Schluss, auch wenn das bedeutet, dass die gewonnen haben. Ich will erstmal zur Ruhe kommen. 

Thomas Purwin war seit 2013 SPD-Vorsitzender in Bocholt, davor stand der heute 35-Jährige an der Spitze der Jusos. Seit 2005 ist er Parteimitglied. 

Die Fragen stellte Franziska Hein.

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