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Alte Reaktoren in Belgien zurück am Netz
Aachener wollen sich gegen Stromkonzern wehren

Tihange 2 in Belgien: "Das ist unverantwortlich"
Das belgische Atomkraftwerk Tihange 2 ist stark umstritten. FOTO: AFP, AFP
Düsseldorf. Der Stromkonzern Electrabel will zwei hoch umstrittene Reaktoren zurück ans Netz bringen. In Aachen und Umgebung empfinden zahlreiche Menschen das als Bedrohung. Selbst CDU-Politiker wettern hier gegen die Atomkraft. Nach Ansicht von Kritikern ist das Werk störanfälliger denn je. Von Philipp Stempel

Schon Anfang Dezember ist klar: Die umstrittenen Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 sollen wieder ans Netz. Die belgische Atomaufsicht hat ihr Ok gegeben, bis 2025 sollen die Werke Belgien weiterhin mit Strom versorgen. Tihange 2 - gerade mal eine Stunde von Aachen entfernt - soll in der Nacht zu Sonntag ans Netz gehen, Doel am 20. Dezember.

"Die Wiederaufnahme ist unverantwortlich", sagt Jörg Schellenberg, Sprecher des Aktionsbündnis gegen Atomenergie Aachen (AAA). Was ihn und seine Mitstreiter besorgt, sind die angeblich rund 2000 Risse im Druckbehälter aus Stahl. 2013 musste bei den Werken aus Sicherheitsgründen der Stecker gezogen werden.

Aus 8000 wurden 13000 Risse

Bei den Untersuchungen stellten Experten im Frühjahr 2015 fest, dass die entdeckten Risse sogar größer und zahlreicher waren als vorher angenommen. 18 Zentimeter lang in Doel, 2012 waren es höchstens neun Zentimeter. In Tihange wurde das Maximum sogar von sechs Zentimetern 2012 auf jetzt 15,5 Zentimeter revidiert. Gezählt wurden in Doel nun rund 13.000 Risse, während es bei der letzten Untersuchung 8000 gewesen waren. In Tihange stieg die Anzahl von 2000 auf 3150.

Doch beteuerten die Betreiber und Behörden in dem Zusammenhang stets, die Risse seien kein ernsthaftes Risiko. Seit ihrer Entdeckung 2012 seien sie nicht signifikant größer geworden, das sei vielmehr auf genauere Messmethoden zurückzuführen. Entstanden sein sollen sie demnach nicht während des Betriebs, sondern schon während des Baus der Reaktoren vor vier Jahrzehnten.

Für Schellenberg ist die Lage klar: "Die Situation ist noch schlimmer geworden." Den Nachweis, dass die Risse keine Gefahr darstellen, sei der Betreiber schuldig geblieben. Stattdessen werde bei Sicherheitsstandards getrickst.

Überschauber Widerstand im Netz

Die Menschen in Aachen sind beunruhigt. Auch durch die Warnungen von Gruppen wie der IPPNW, die "Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung." Nach ihren Angaben kann eine radioaktive Wolke in drei Stunden Aachen erreichen.

Im Netz findet man Videos und Facebookgruppen, die sich gegen Tihange zur Wehr setzen. Doch auf die Meldung, nach der das Atomkraftwerk am Samstag wieder in Betrieb genommen werden soll, reagieren nur wenige. Auf Youtube skandieren an die 200 Schüler auf einem Fußballplatz "Wir haben Angst!" Ein Netzwerk von Bürgerinitiativen sammelte nach der Bekanntgabe der Pläne für den Neustart nach eigenen Angaben mehr als 100.000 Unterschriften

"Besorgnis, aber weit entfernt von Panik", fasst ein Sprecher der Stadt die Stimmung in Aachen zusammen. Doch hat sich inzwischen ein breites, parteiübergreifendes Bündnis gegen die Pläne in Belgien zusammengefunden. "Das gibt es nur hier, dass CDU-Politiker eine rot-grüne Landesregierung angehen, etwas gegen Atomkraft zu unternehmen", sagt Schellenberg.

Auch die Stadt ist alarmiert. Oberbürgermeister Marcel Philipp bezeichnete die Pläne bereits Anfang der Woche als bedrohlich und unverantwortlich. "Tihange stellt für Aachen und Umgebung eine ernste Gefahr dar. Bei größeren Unfällen könnten kilometerweit Mensch und Umwelt durch die radioaktive Kontamination belastet, die gesamte Region unbewohnbar werden", heißt es in einer einstimmig verfassten Resolution des Stadtrates.

Medienwirksame Katastrophenübung

Am Dienstag erst hatte der Krisenstab angesichts der bevorstehenden Inbetriebnahme eine Katastrophenübung abhalten lassen und damit weit über Aachen hinaus Schlagzeilen gemacht. Dabei ging es unter anderem darum herauszufinden, wie die Bevölkerung im Falle eines GAUs rechtzeitig mit Jodtabletten versorgt werden kann. Bisher ist das über zentral über Apotheken und Krankenhäuser geregelt.

Auch im Stresstest der EU konnten Tihange und Doel nicht überzeugen. Die belgischen Reaktoren sind nicht optimal gegen extreme Temperaturen geschützt. Für Tihange wurde auch in Sachen Notstrom bei Erdbeben Nachbesserung empfohlen.

"Diese gefährlichen Reaktoren müssen vom Netz. Angesichts der Gefährdungen, die von Tihange und Doel ausgehen, sind Laufzeitverlängerungen unverantwortlich", urteilte zuletzt auch der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin.

Bislang aber stoßen die Beschwerden und Appelle in Belgien auf taube Ohren. Die Stadt Aachen prüft derzeit rechtliche Schritte.

Die Entfernung zwischen dem belgischen Reaktor Tihange 2 bei Lüttich bis zur Stadt Aachen ist in der Karte zu sehen:

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