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Niklas B.
Trauer und Wut in Bad Godesberg

Niklas P. getötet: Trauer in Bad Godesberg in Bonn
Niklas P. getötet: Trauer in Bad Godesberg in Bonn FOTO: dpa, mjh hpl
Bonn. Als Bonn noch Hauptstadt war, war Bad Godesberg ein Hort der feinen Leute. Diplomaten aus aller Welt ließen sich in dem Stadtteil nieder. Die Zeiten sind vergangen. Nun wurde ein 17-Jähriger auf der Straße totgeprügelt. Ein Besuch in einem verunsicherten Ort.

Der Ort, an dem Niklas aus dem Leben gerissen wurde, ist zu einem Schrein geworden. Ein Kerzenmeer umringt das Rondell am Bahnhof, überall liegen Blumen und traurige letzte Grüße an Niklas. Und ein paar, die sich an die Täter richten. "Ich hoffe diese Schweine werden gefunden und Ihnen wird mindestens etwas genau so schlimmes wie dir passieren" schreibt jemand. "Wir werden die größte Operation aller Zeiten gegen euch ins Leben rufen", steht drohend auf einem anderen Zettel. Mit der Ergänzung: "Ihr Jogginghosen". Es ist weniger Trauer. Es ist mehr Hass.

In Bad Godesberg brodelt es. In der vergangenen Woche ist Niklas gestorben, gerade mal 17 Jahre alt. Er war eine Woche zuvor nachts auf dem Heimweg an eine Männergruppe geraten. Ein 20-Jähriger schickte ihn mit einem Schlag zu Boden. Als er dort lag, kam der Angreifer zurück und trat Niklas gegen den Kopf. So erzählen es die Ermittler. Der mittlerweile gefasste Hauptverdächtige bestreitet die Tat.

Bad Godesberg ist dadurch wie ins Herz getroffen. Der Stadtteil galt gemeinhin als piekfeine Adresse. In der alten Bundesrepublik richteten es sich die Diplomaten im Bonner Süden gemütlich ein. Bad Godesberg war wie eine Schneekugel, eine eigene Welt, als etwas etepetete verschrien. Dann wurde Berlin Hauptstadt und irgendwas veränderte sich. Was, das ist nicht ganz einfach zu greifen.

Eine immer wieder zitierte Theorie, aufgegriffen in einem Theaterstück, postuliert die "zwei Welten" von Bad Godesberg. Auf der einen Seite das betuchte Bürgertum, das Villenviertel. Auf der anderen Seite Jugendgewalt und Gangs auf den Straßen. 2007 wurden 30 Schüler abends in einem Park von einer Gruppe Jugendlicher mit einem Baseballschläger überfallen.

"Mit dem Umzug nach Berlin, mit dem Abzug der Residenzen und der Botschaften ist die Klientel, die eigentlich 150 Jahre lang Bad Godesberg geprägt hat, verschwunden", meint Kabarettist Konrad Beikircher, der in Bad Godesberg wohnt. "Damit kam ein Loch in Godesberg, auch im Selbstbewusstsein. Man hat sich nicht mehr um das Städtchen gekümmert", sagt er - das gelte für alle. Auch sein Sohn sei schon überfallen worden. Der Ort, an dem Niklas angegriffen wurde, sei bereits seit Jahren bei den Bad Godesbergern als unsicher im Gerede.

Doch ein Blick in die Polizeistatistik lässt zumindest zuletzt keine sprunghafte Entwicklung erkennen. Wolfgang Picken überzeugt das nicht. "Ich habe schon eine Entwicklung wahrgenommen, dass die Gewalt aggressiver wird", sagt der Bad Godesberger Pfarrer.

Picken verweist als Ursache auf die Schere zwischen Arm und Reich in dem Ort. Die Unterschiede seien "fast schon provokativ" in den Extremen. Die Kluft sei sogar im Stadtbild zu sehen. Durch Bad Godesberg führt eine Bahnlinie. "Auf der dem Rhein zugewandten Seite sind viele Villen. Und auf der anderen leben andere soziale Schichten." Das sei nicht durchgängig so, aber im Grundsatz. Und das erzeuge Spannungen. Der Ort, an dem Niklas angegriffen wurde, liegt fast genau in der Mitte.

Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke will sich dieser Zwei-Welten-Theorie nicht anschließen. "Ich kann das nicht ganz nachvollziehen. Natürlich haben wir unterschiedliche Milieus, aber das hat jede Stadt", sagt sie. Sie verweist auch auf den Unterschied zwischen faktischer und gefühlter Sicherheitslage. "Wir müssen dunkle Ecken ausleuchten, wir müssen Hecken schneiden, damit man besser sehen kann. Aber ich sage klar: Bad Godesberg ist nicht unsicherer als andere Stadtteile."

Dass sich in ihrem Stadtteil Unsicherheit breit gemacht hat, bemerkt allerdings auch die Bürgermeisterin - zum Teil aber auch wegen der Vergangenheit. "Natürlich gibt es Leute, die sagen: Früher war alles besser. Jedes dritte Haus war damals eine Botschaft oder eine andere Institution mit eigenem Objektschutz." Das habe ein ganz anderes Gefühl vermittelt. "Mittlerweile kommen wir in der Realität an", sagt sie. Kabarettist Beikircher beschreibt es so: "Bad Godesberg hat ein bisschen die Krux des tiefen Falls." Früher sei es der absolute Edel-Stadtteil gewesen. "Jetzt würde ich es vergleichen mit Schwerte."

 

(lnw)
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