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Tödliche Unfälle in NRW
"Wegen mir ist ein Mensch gestorben"

Tödliche Unfälle in NRW: Wie Unfallfahrer mit den Folgen umgehen
Wie geht es Menschen, die zum Unfallfahrer werden, denen wie Andreas Herford plötzlich ein Mensch vors Auto läuft? (Symbolbild) FOTO: Shutterstock/BLUR LIFE 1975
Düsseldorf. Was tun, wenn einem plötzlich jemand vors Auto läuft und stirbt, wie bei dem tödlichen Unfall vor kurzem in Mönchengladbach? Eine standardisierte Hilfekette gibt es nicht, viele Unfallfahrer versuchen, alleine mit dem Erlebten klarzukommen. Ein Betroffener erzählt. Von Merle Sievers

Wenn Andreas Herdorf (Name geändert) von dem Tag Ende Januar 2015 erzählt, ist alles wieder da. Es sprudelt aus ihm raus - die Bilder, die Gefühle, die Gedanken, die ihm damals durch den Kopf geschossen sind. "Scheiße, da liegt ein Mensch vor mir auf der Straße. Das ist schlimm." Die Windschutzscheibe des Autos ist zerbrochen, alles voller Glassplitter und Blut, viel Blut. Eine Minute später kommen schon die Polizei und ein Krankenwagen. Oder hat es doch länger gedauert? Wahrscheinlich. Die Notärzte versorgen das Opfer, zwischenzeitlich sieht es so aus, als könnte der Mann ins Krankenhaus gebracht werden. Andreas Herdorf hofft und betet, dass er irgendwie überlebt, dass es irgendwie gut ausgeht. "Ich habe mir schon vorgestellt, wie ich ihn im Krankenhaus besuchen gehe und ihn bis an sein Lebensende begleite." Herdorf holt den Verbandskasten aus seinem Auto, will irgendwie helfen. Doch es gibt nichts mehr zu helfen. Der 78-jährige Mann, der ihm an diesem Abend in der Dunkelheit auf einer Straße in der Nähe von Köln vors Auto gelaufen ist, stirbt noch an der Unfallstelle.

Jedes Jahr gibt es in Nordrhein-Westfalen mehrere hundert Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang. Im vergangenen Jahr waren es laut Verkehrsunfallstatistik des Bundeslandes 503 Unfälle, 524 Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Bei nicht wenigen gelten die Autofahrer als hauptverantwortlich, weil sie zu schnell gefahren sind, ein Stauende übersehen haben, vom Handy abgelenkt oder betrunken waren. Was ist aber mit den Autofahrern, die offenkundig nichts falsch gemacht haben? Was, wenn man alle Verkehrsregeln beachtet hat und trotzdem plötzlich zum Unfallfahrer wird? So geschehen auch in der Ende September in Mönchengladbach. Plötzlich liefen zwei Kinder auf die Straße, eine herannahende Autofahrerin konnte nicht mehr ausweichen. Ein Kind wurde schwer verletzt, das andere starb. Eine schlimme Situation, vor der kein Autofahrer gefeit ist. Wie gehen Menschen, die ein solches Schicksal erleiden, damit um?

Das Trauma nach dem Unfall respektieren

"Am Unfallort selbst verfallen viele Fahrer in einen Schockzustand und empfinden erst mal gar nichts", berichtet Olaf Schaper, der als Notfallseelsorger der Feuerwehr Düsseldorf regelmäßig Menschen am Unfallort betreut. Für ihn ist es wichtig, das Trauma, "den Kokon" wie Schaper es nennt, in dem sich ein Unfallfahrer direkt nach dem Erlebnis befindet, zu respektieren. Die Notfallseelsorger arbeiten ohne Wertung. "Anders als die Polizei oder die Staatsanwaltschaft, stellen wir keine Fragen zur Schuld, sondern versuchen, den bisherigen Tagesverlauf und den Unfallhergang im Gespräch mit dem Fahrer zu rekonstruieren."

Beim Unfall von Andreas Herdorf war kein Notfallseelsorger vor Ort, einen Schockzustand hat er auch erlebt. Eine Polizistin begleitet ihn in ein nahegelegenes Restaurant, bestellt einen Kaffee. Seinen Zustand damals beschreibt er als "irgendwas zwischen Dämmerung und hellwach". Die Polizistin ist freundlich, findet eine gute Balance zwischen Faktencheck und Empathie. Nach etwa einer Stunde darf Herdorf nach Hause gehen. Auch die Beamtin auf dem Polizeipräsidium, bei der er zwei Tage später seine Aussage macht, empfindet er als einfühlsam. Sie ist für den Umgang mit Unfallbeteiligten psychologisch geschult, nimmt seine Angaben auf und gibt ihm eine Einschätzung dazu, ob er sich einen Anwalt nehmen sollte. Das sei wohl nicht nötig, sagt sie nach seiner Aussage. Das ruhige Gespräch mit der Polizistin hat Herdorf im Nachhinein sehr geholfen. Ein Glücksfall, denn die wenigsten Polizisten sind für solche Begegnungen ausreichend geschult.

Standardisierte Hilfekette fehlt

Einige Monate später kommt Post von der Staatsanwaltschaft. Herdorf gilt juristisch als Unfallopfer mit Teilschuld, weil bis zum Schluss nicht klar ermittelt werden konnte, ob er nicht doch noch eine Chance gehabt hätte, dem Mann auszuweichen. Herdorf muss 2000 Euro als Strafe an den Deutschen Kinderschutzbund zahlen, dann wird das Verfahren eingestellt. Psychologische Hilfe wird ihm vonseiten der Behörden nicht angeboten. Eine standardisierte Hilfekette, wie es sie beispielsweise für Lokführer gibt, die in tödliche Unfälle verwickelt werden, existiert nicht.

Die Ursache für diese Lücke liegt im juristischen Verfahren, dem sich Unfallfahrer stellen müssen. Während ein Opfer sofort Opfer sein darf, sogar in einer psychologischen Notfallambulanz versorgt werden muss, damit die Spätfolgen später von der Krankenkasse übernommen werden, müssen die Unfallverursacher so lange selbst mit ihren Schuldgefühlen klarkommen, bis das juristische Verfahren abgeschlossen ist. Oft vergehen Monate, manchmal sogar Jahre.

"Dabei zeigen auch die Verursacher von Unfällen oft eine akute Belastungsreaktion", sagt Stefanie Dechering, Oberärztin in der Trauma-Ambulanz der LVR-Klinik in Düsseldorf. Schlafstörungen, innere Unruhe und Flashbacks sind mögliche Symptome, die direkt nach einem Unfall auftreten können. Nicht wenige leiden laut Dechering auch unter Langzeitfolgen, wie Angststörung, Depressionen oder Vermeidungsreaktionen, dass sie beispielsweise nie wieder Autofahren wollen oder können. "Wie stark die Reaktionen sind, die ein Unfallfahrer entwickelt, hängt massiv davon ab, wie psychologisch stabil der Mensch vor dem Unfall war. Ein Unfalltrauma kann unter Umständen auch ältere, nicht verarbeitete seelische Probleme zutage befördern."

Die Bilder im Kopf zulassen

Auch Andreas Herdorf hatte Flashbacks, musste die Situation immer wieder durchleben. Die ersten acht Wochen nach dem Unfall ist er nicht mit dem Auto gefahren, auch weil erst die Formalien mit der Versicherung geklärt werden mussten. Die habe den Schaden am Auto komplett bezahlt. "Als ich dann das erste Mal wieder gefahren bin, war das schon ein komisches Gefühl." Eine Therapie hat Herdorf nicht gemacht. Nicht, weil er eine Stigmatisierung befürchtet, sondern weil er selbst einen Umgang mit seinen Schuldgefühlen gefunden hat. Herdorf hatte bereits vor dem Unfall eine Ausbildung in MBSR, einer Methode zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion. Er geht Gefühlen nicht aus dem Weg, lässt Stimmungsschwankungen und wiederkehrende Bilder in seinem Kopf zu. Das sei das Wichtigste, sagt er. Alpträume habe er nicht, aber manche Dinge lösen Erinnerungen in ihm aus. Wenn er beispielsweise Unfälle oder Krimis im Fernsehen sieht, dann denkt er wieder: "Wegen mir ist ein Mensch gestorben."

Notfallseelsorger Olaf Schaper weiß aus Erfahrung: "Selbst wenn ein Unfallfahrer auf strafrechtlicher Ebene freigesprochen wird und – so wie Andreas Herdorf (Anm. d. Red.) – nicht als Verursacher gilt, bleibt immer noch die Ebene des Gewissens, mit der die Person fertig werden muss. Dabei geht es darum, die Schuldgefühle zu akzeptieren und den Unfall in die eigene Biografie zu integrieren." Wie Betroffene damit umgehen, ob sie eine Therapie machen oder nicht, sei von Mensch zu Mensch unterschiedlich. "Nicht jeder Unfallfahrer ist automatisch traumatisiert."

Andreas Herdorf hat sich mit den Angehörigen des gestorbenen Mannes getroffen, wollte möglichst viel über ihn erfahren, den Hinterbliebenen sagen, wie leid es ihm tut. Das Treffen war gut, es gab keinerlei Schuldzuweisung. Für Herdorf war das ein wichtiger Schritt, um das Erlebnis zu verarbeiten. Regelmäßig besucht er das Grab des Toten, an Weihnachten war er dort, am Jahrestag des Unfalls auch. "Der Mann ist zu einem wichtigen Menschen in meinem Leben geworden", sagt Herdorf. Er denkt noch oft an den Unfall, auch weil er regelmäßig am Ort des Geschehens vorbei fährt. Das empfindet er aber nicht als etwas Negatives: "Ich habe das Gefühl, dass es mein Bewusstsein schärft. Dafür, dass man achtsam mit seinen Mitmenschen umgehen muss und das Leben nicht für selbstverständlich hält."

Für Hilfesuchende:

Menschen, die mit den emotionalen Folgen eines Unfalls zu kämpfen haben, können sich zum Beispiel an die psychosomatische Instituts-Ambulanz mit Trauma-Schwerpunkt in der LVR-Klinik Düsseldorf wenden. Dort bekommen Betroffene sofort Hilfe. Im weiteren Verlauf kann dann eine ambulante Therapie in der LVR-Klinik (in der Regel zwischen 5 und 10 Stunden) beantragt werden. Die Kosten dafür übernimmt die Krankenkasse. Telefon: 0211 - 922 4710

Eine Übersicht über Trauma-Ambulanzen in NRW finden Sie hier. 

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