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Konrad Beikircher und Fritz Eckenga
Treffen sich Rheinländer und Westfale

Konrad Beikircher und Fritz Eckenga: Treffen sich Rheinländer und Westfale
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Düsseldorf. Auch nach 70 Jahren läuft die Kommunikation im Land zwischen Rhein und Ruhr oft ins Leere. Wir haben zwei volkskundliche Experten nach dem Warum gefragt: Konrad Beikircher für die rheinische und Fritz Eckenga für die westfälische Seite.

Konrad Beikircher ist der Rheinländer

FOTO: Tomas Rodriguez

Wenn uns die Engländer schon ein eigenes Bundesland schenken mussten, warum nicht gleich die Schweiz?" fragt sich der NRW-engagierte Rheinländer und neigt zur Antwort, dass es nach siebzig Jahren eigentlich mal Schluss sein müsse.

70 Jahre, ich bitte Sie: wenn das ein Ehepaar ist, nennt man das Gnadenhochzeit, das sagt doch alles, oder?! Ich meine: so langsam reicht es. Wat hat denn der Rheinländer schon vom Westfalen? Ja gut, er hält, was der Rheinländer verspricht, aber das war es auch schon. Ansonsten zeichnen ihn Eigenschaften aus wie absolute Positionsstabilität, das heißt: der Westfale bleibt in der Ackerfurche, in die ihn das Schicksal gepflanzt hat. Da musst du schon mit dem Trecker kommen, willst du ihn woanders hin haben.

Allerdings hat das mit einer Art von hintertückischer Raffiniertheit zu tun, und zwar mit folgender: vor ca. 40.000 Jahren hat ein Ostwestfale im Teutoburger Wald erkannt, dass sich nicht etwa die Sonne um die Erde, sondern die Erde um die Sonne dreht. Er saß nämlich auf einem der Externsteine und zwar auf dem, der wackelt, und da traf ihn diese Erkenntnis wie ein Blitz. So weit, so gut. Nur: als typischer Westfale hat er es nur seinen Stammesgenossen erzählt. Wenn man dem Westfalen vorwirft, dass er diese wichtige Erkenntnis niemandem mitgeteilt hat, dann verteidigt er sich heute noch so: "Es hat mich ja keiner gefragt!".

Raffiniert daran ist, dass sich aus dieser Erkenntnis die Migrationsträgheit des Westfalen erklärt. Er sagt sich nämlich: Was soll ich mich groß bewegen, wenn mich die Erde sowieso einmal im Jahr um die Sonne trägt. Und da muss man neidlos anerkennen: Recht hat er. Eine weitere Eigenschaft, die ihn auszeichnet, ist seine wortkarge Zuverlässigkeit, eine Eigenschaft, die dem Rheinländer verborgen bleiben muss, denn der vertraut darauf, dass, wes das Herz voll ist, der Mund überläuft, das heißt: der Rheinländer merkt gar nicht, wie wortkarg zuverlässig der Westfale ist, weil "Es hat mir ja keiner was davon gesagt!".

Er trägt – und daran wird sich kein Rheinländer jemals gewöhnen können – kniebundsichere Methangasfilter, kurz auch "Furzfänger" genannt, die absolute Negation eines Kleidungsstücks. So steht er auf seinen Wiesen im Münsterland herum, kein Wunder, dass nicht mal Zecken den Weg zu seinen Waden suchen. Und kein Wunder, dass noch kein Westfale bei der Weltklimakonferenz gesichtet wurde: sind sie doch mit diesen "Hosen" mit die größten Methangasproduzenten weltweit, schlimmere Umweltverschmutzer als die argentinischen Rinder.

Eine weitere, allerdings jetzt mehr kuriose, Eigenschaft des Westfalen ist seine promillesichere Herrengedeckfestigkeit. Wir wissen: Schützenfeste im südlichen Münsterland – wenn du da nicht schon um 5 Uhr früh zwitschern kannst, wirst du des Landes verwiesen. Da stammt auch die Redensart "Der frühe Vogel fängt den Wurm" her, nur, dass der Wurm im Schnapsglas ist, das verrät einem keiner. Diese Eigenschaft hat übrigens mit einer anatomischen Merkwürdigkeit zu tun: an der rechten Hand hat der Westfale zwar Daumen, Zeige-, Mittel- Ringfinger und kleinen Finger, nur den Ringfinger und den kleinen braucht er nicht, deshalb sind die beiden verkümmert zu Streichholzgröße. Er braucht den Daumen und den Zeigefinger, um dazwischen das Pilsglas und den Mittelfinger, um zwischen ihm und dem Zeigefinger das Schnapsglas halten zu können. So kommt er schon auf die Welt und liegt in den Säuglingsstationen, hält brav das Fläschchen in der Rechten und dahinter den Steinhäger, das ist ein Training, bei dem ihm keiner gleichkommt. Und mit so einem soll ein Rheinländer parat kommen können? Ich bitte Sie, ph!

Womit wir beim Thema Vorurteile wären, wozu ich nur ganz knapp sagen möchte: Vorurteile kommen aus der Beobachtung, sonst gäb et sie ja nit. Weil der Westfale aber nur selten in Städten lebt, sondern meistens in versteckten Höhlen des Eggegebirges, ist er kaum beobachtbar.

So sind wir auf Zeugenaussagen einiger weniger angewiesen, zum Beispiel Tacitus, der über die Westfalen treffend erzählt: "Die Speisen sind einfach: wilde Baumfrüchte, frisches Wildbret oder Käse aus Milch. Ohne besondere Zubereitung, ohne Gaumenkitzel vertreiben sie ihren Hunger. Dem Durst gegenüber herrscht nicht die selbe Mäßigung. Leistet man ihrer Trinklust Vorschub und verschafft ihnen so viel, wie sie begehren, wird man sie gewiss nicht weniger leicht durch ihre Laster als mit Waffen besiegen."

Also, wie gesagt, Gnadenhochzeit. Und Gnade wollen wir dem Westfalen zukommen lassen, denn so ist das bei uns in NRW: Wir Rheinländer brauchen die Westfalen, um ein schönes Ganzes bilden zu können, denn: erst der Minuspol macht den Pluspol zum Magneten!

Fritz Eckenga ist der Westfale

FOTO: Hertgen, Nico

Ist nach 70 Jahren Rheinländer und Westfalen mittlerweile zusammengewachsen, was nicht zusammengehört?

Eckenga Seitdem der eiserne katholische Schutzwall gefallen ist, hat sich doch einiges zum Positiven gewendet. Wir hier in Westfalen haben zum Beispiel sehr davon profitiert, dass wir endlich freien Zugang zu den köstlichen Früchten der rheinischen Tiefebene haben. Zum Beispiel zu Bananen.

Was kommt dem Westfalen in den Sinn, wenn er ans Rheinland denkt?

Eckenga Das Leverkusener Kreuz. Bis dahin kann man denken. Danach liegt alles in der Hand Gottes. Also in der Gewalt des Landesbetriebes Straßenbau NRW.

Kann der Westfale den Rheinländer überhaupt verstehen – sowohl bei Dialekt wie Sprachtempo und Wortschatz gibt es doch fundamentale Unterschiede?

Eckenga Das Problem besteht nicht darin, den Rheinländer zu verstehen. Er ist ja unüberhörbar. Die eigentliche Herausforderung ist, aus der akustischen Emission das herauszufiltern, was von Belang ist.

Ist das gern behauptete Misstrauen zwischen Rheinländern und Westfalen also eigentlich eine Geschichte der Missverständnisse?

Eckenga Mittlerweile ist die Hörgeräteakustik so weit entwickelt, dass sie auch feinste Partikel von hirngängiger Minimalsubstanz nachweisen kann. Das Misstrauen nimmt also in dem Maße ab, wie die Technik fortschreitet.

Den Westfalen sagt man eine gewisse Trägheit nach – oder ist das nur eine Schutzreaktion auf die quirlige Überdrehtheit der Rheinländer?

Eckenga Schon Heinrich Heine wusste, dass die Westfalen "sentimentale Eichen" sind. Also stämmige, tiefwurzelnde und zartfühlende Wesen. Speziell Letzteres kann man dem Rheinländer wirklich nicht vorwerfen.

Worüber lacht der Westfale? Lacht er überhaupt oder nur über den Rheinländer?

Eckenga Der rheinische Frohsinn ist eine universell einzigartige Mischung aus tiefgründiger Intellektualität und subtiler Hochkomik. Da kann der Westfale selbstverständlich nicht mithalten. Geschweige denn mitlachen.

Gibt es in Westfalen ein Pendant zum rheinischen Frohsinn?

Eckenga Lassen Sie uns darüber reden, wenn in Münster endlich eine U-Bahn gebaut wird und der Prinzipalmarkt für drei Jahre in eine Event-Baugrube umgewidmet wird.

Kölscher Klüngel: Ist das aus westfälischer Sicht die Verkörperung des Bösen? Oder geht es schlimmer?

Eckenga Wenn der Westfale einen Exorzisten braucht, dann muss er sich was mit Linda Blair aus dem Internet runterladen. Der Kölner hat's einfacher. Wenn er das Böse austreiben will, lädt er einfach einen schwarzen Mann aus der großen Kirche auf Kaffee und Kuchen ein.

Der Westfale hat seine Scholle, der Rheinländer viele Freunde – ist da auch Neid mit im Spiel?

Eckenga Das ist Vorurteil. Der Westfale hat auch Forelle. Ich kenne nicht wenige Westfalen, die sogar mit Barschen befreundet sind. Vor allem im Sauerland.

Wie können Rheinländer und Westfalen Freunde werden – oder sind sie es eigentlich schon längst?

Eckenga Einfach mal zusammen angeln.

J. Isringhaus führte das Gespräch.

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