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Detmolder Auschwitz-Prozess
Überlebender erzählt von mordenden Wachmännern

Detmolder Auschwitz-Prozess: Überlebender erzählt von mordenden Wachmännern
Der Angeklagte Reinhold H. vor dem Landgericht Detmold. FOTO: dpa
Detmold. Mehrere Überlebende des NS-Vernichtungslagers Auschwitz haben im Prozess gegen einen früheren SS-Mann von Grausamkeiten des Wachpersonals berichtet. Der 86-jährige Max Eisen schilderte am Donnerstag, wie ihn ein Wachmann misshandelt habe.

Während der Arbeit vor dem Lager habe er ihm sein Gewehr auf den Kopf geschlagen und dabei so schwer verletzt, dass er operiert werden musste. "Wir hatten in einem Graben gesessen und einen Moment nicht gearbeitet", sagte Eisen, der damals 15 Jahre alt war. Wenige Tage später wäre er, wie andere, die nicht laufen konnten, für die Gaskammer aussortiert worden. Ein anderer Gefangener habe ihm aber einen weißen Kittel übergezogen und ihn als OP-Helfer ausgegeben. Dadurch habe er überlebt und dann monatelang als OP-Helfer gearbeitet. 

Überlebender schildert Begegnung mit KZ-Arzt Mengele

Bereits kurz nach der Ankunft erlebte Eisen nach seinen Worten mit, wie ein Wachmann unter der Dusche einen Häftling ermordet habe. Als der Häftling seine Brille auf dem Boden suchte, habe der SS-Mann ihm gegen den Kopf getreten, anschließend in den Brustkorb, dass man die Rippen habe brechen hören. "Dann trat er in Rage weiter auf den Mann ein, bis er tot war", schilderte Eisen.

Der angeklagte Reinhold H., der mit einem Rollstuhl in den Gerichtssaal gefahren wurde, verfolgte die Aussagen der Überlebenden des NS-Vernichtungslagers mit gesenktem Kopf. Nicht einmal blickt er auf. "Mein Mandant wird keine Angaben zur Sache machen", sagte Verteidiger Johannes Salmen. Er bekräftigte aber, dass die Verteidigung zu einem späteren Zeitpunkt eine Erklärung abgeben werde. Dem 94-Jährigen wird vorgeworfen, in seiner Rolle als Wachmann Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen verübt zu haben.

Eisen wurde in einer Region geboren, die die Nazis Ungarn zuschlugen. Er hatte in Auschwitz von anderen Häftlingen mitbekommen, dass ein Teil seiner Familie vergast wurde. Sein Vater und sein Onkel seien für medizinische Experimente eingeteilt worden. Das sei ihr Todesurteil gewesen, verdeutlichte Eisen. Als OP-Helfer habe er auch mehrfach KZ-Arzt Josef Mengele gesehen. "Ich habe Mengele einige Male gesehen, wenn er aus der Experimentierbaracke kam", sagte Eisen. Nach dem Krieg wanderte Eisen nach Toronto aus.

Zeugin aus den USA wird am Freitag angehört

Am Freitag wird der Prozess mit der weiteren Vernehmung einer Zeugin aus denn USA fortgesetzt. Sie hatte zunächst geschildert, wie sie bei der Ankunft im Güterwagen als erstes Rauch neben einigen Gebäuden sah. Das war das Krematorium, wie sich später herausstellte. Irene Weiss, eine ungarische Jüdin, die später nach Virginia ging, verlor als 13-Jährige bis auf eine Schwester ihre ganze Familie in Auschwitz. Sie sprach auch von Gewalt der SS. Im Badehaus habe ein SS-Mann auf die nackten Frauen eingepeitscht.

Nach Darstellung des Direktors des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung, Martin Sabrow, kommt den Aussagen der Überlebenden heutzutage eine Schlüsselrolle zu. Gerade seit den 1980er Jahren seien die Berichte von Überlebenden der NS-Zeit die wichtigste Möglichkeit, das herrschende Schweigen zu bekämpfen.

(haka/lnw)
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